Mysteriöse Krankheit: In Schweden fielen hunderte Flüchtlingskinder plötzlich in einen komaähnlichen Zustand

Jessica Dawid
Fluechtlinge

Es könnte auch die Inhaltsangabe einer Mystery-Serie sein: Flüchtlingskinder, die bereits seit mehreren Jahren in Schweden leben, fallen plötzlich in einen komaähnlichen Zustand. Es handelt sich meistens um Kinder, die kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht bekommen haben. 

Kurz nachdem sie erfahren, dass sie und ihre Familien abgeschoben werden, brechen die Symptome aus. 

„Resignations-Syndrom“ nennen die Ärzte die Krankheit, wie das US-Magazin „The New Yorker“ berichtet. 

Betroffene befinden sich in einer Art Koma

Wer vom „Resignations-Syndrom“ betroffen ist, der befindet sich in einem komaähnlichen Zustand. Wie „The New Yorker“ den Direktor der kinderpsychiatrischen Karolinska-Universitätsklinik in Stockholm, Göran Bodegård, zitiert, sei der Patient „vollkommen passiv, unbeweglich, habe keine Muskelspannung, sei zurückgezogen, stumm, unfähig zu essen und zu trinken, inkontinent und reagiere nicht auf physische Reize oder Schmerz.“ Am häufigsten betroffen sollen Kinder aus dem Kosovo, Serbien, Aserbaidschan, Kasachstan und Kirgistan sein. 

Wie eine Studie der Fachzeitschrift „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ aufzeigt, sollen zwischen 2003 und 2005 mehr als 400 Fälle gemeldet worden sein — in Schweden. Fälle außerhalb von Schweden sind bislang nicht bekannt. Woran das liegt, können Wissenschaftler sich bislang nicht erklären. Klar ist jedoch, dass es einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und dem kulturellen Hintergrund der Betroffenen gibt. Wie Edward Shorter, ein Medizinhistoriker der University of Toronto gegenüber „The New Yorker“ erklärt, treten in bestimmten Kulturen immer wieder spezifische Symptome auf.

Kinder ohne Perspektive geben sich ihrem Schicksal hin

Magnus Kihlbom, der Direktor des Instituts für Kinderpsychologie in Stockholm, berichtet im medizinischen Journal „Läkartidningen“, dass dieses Syndrom genau dann auftritt, wenn Worte nicht mehr ausreichen, um ein Trauma zu bewältigen. Betroffene Kinder fallen in eine Art Schlaf und sind nicht mehr selbst überlebensfähig. Bis zu vier Jahren dauert dieser Zustand an. Es handelt es sich hierbei um ein „gewolltes Sterben“. Dieses Symptom kenne man dabei bereits von ehemaligen KZ-Gefangenen, die sich ihrem Schicksal hingaben und nicht mehr in der Lage waren, dagegen anzukämpfen. Gestorben ist am Resignations-Syndrom bisher allerdings noch kein Kind.

Wie der Mediziner erklärt, sollen Kinder sich unterbewusst aufopfern, um auf diese Weise ein unbefristetes Bleiberecht für ihre Familie zu erhalten. Es handelt sich dabei auch um eine Schutzfunktion des Körpers, der das Kind somit dazu bringen will, für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen. Somit soll es sich also im Grunde genommen um kein medizinisches Problem handeln, sondern um ein sozial bedingtes.

Nur ein permantenes Aufenthaltsrecht kann die Patienten retten

Medizin, die den Kindern hilft, wieder gesund zu werden, gibt es keine. Das einzige, was tatsächlich hilft, ist eine permanente Aufenthaltsgenehmigung, wie die schwedische Sozial- und Gesundheitsbehörde in ihren 2013 veröffentlichten „Guidelines zum Uppgivenhetssyndrom“ schreibt. Denn erst dann, wenn die Kinder begreifen, dass sich ihre Lebenssituation für immer ändern wird, erwachen sie aus ihrer Starre und kommen langsam zum Leben zurück. Das kann mehrere Monate dauern.

Familien, deren Kinder am Resignations-Syndrom erkrankt sind, haben dabei gute Chancen auf eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. In den meisten Fällen entschließt sich die Regierung dazu, die Familien in Schweden bleiben zu lassen, da die medizinische Versorgung dort weitaus besser ist als in den entsprechenden Herkunftsländern. Allerdings geht die Zahl der Betroffenen mittlerweile zurück.

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