Nach Merkels Abgang: Wo wird die Welt von Frauen regiert?

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Angela Merkel: Hinterlässt die Kanzlerin ein Vakuum? (Bild: Clemens Bilan - Pool/Getty Images)
Angela Merkel: Hinterlässt die Kanzlerin ein Vakuum? (Bild: Clemens Bilan - Pool/Getty Images)

Regelmäßig wurde Angela Merkel bei Forbes zur mächtigsten Frau der Welt gewählt. Doch wie einflussreich sind Frauen wirklich? Und hinterlässt die Kanzlerin ein Vakuum?

Ein Überblick von Jan Rübel

Anfang September, also im Herbst ihrer Kanzlerschaft, hat Angela Merkel etwas Selbstverständliches gesagt. Bei einer Diskussionsrunde in Düsseldorf erzählte sie von einem Gespräch mit Königin Maxima von den Niederlanden. „Sie hat zu mir gesagt, im Kern gehe es doch darum, dass Männer und Frauen in der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und am gesamten Leben gleich sind. Und in diesem Sinne kann ich heute bejahend sagen, dass ich Feministin bin.“

So hatte das Merkel noch nie gesagt, eher ausweichend geantwortet. Eine Sensation ist sowas natürlich nicht. Und unter Applaus fügte sie hinzu, alle sollten Feministen sein.

Es ist sonnenklar: In ihrer langen Amtszeit wird Merkel mehr Männer als Frauen in der Politik gesehen haben, die Mist bauten – und dies liegt nicht daran, dass sie weitaus mehr mit Männern zu tun hatte. Es gab einen Silvio Berlusconi und einen Donald Trump, aber wo war der weibliche total fail?

Schülerinnen erzielen bessere Leistungen als Schüler. Die Zukunft des Arztberufs ist längs weiblich. Und überall setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass Frauen nicht nur gleich gut irgendwas machen, sondern dass sie nicht selten es besser machen.

Nur in der Politik tut sich dieser Paradigmenwechsel schwer. Die Beharrungskräfte sind dort am stärksten. Denn Politik steht in der Tradition der Mächtigen, also in der Geschichte der Häuptlinge, Grafen, Fürsten, Könige und Kaiser. Frauen gab es dort auch immer. Aber in der Regel wurden sie mit Gewalt beiseitegedrängt; Kompetenz im Sinne guten Regierens war hierbei kein Auswahlkriterium.

Was von Merkel ausging

Feminismus heißt hier übrigens nicht, plump „Frauen an die Macht“ zu pushen, sondern eben sich für gleiche Rechte einzusetzen. Dass diesem mit einer Quote geholfen werden kann, ist kein Widerspruch: In von Männern dominierten Systemen haben Frauen weniger Chancen, ihre Stärken zu entfalten. Quote und Feminismus heißen nichts anderes als das Propagieren fairer Verhältnisse.

Obwohl Merkel über Jahre hinweg keine dezidiert feministische Politik gemacht hat, förderte sie Frauen. In ihrem engsten Mitarbeiterkreis: Frauen. Und durch sie erlebten manche Politikerinnen einen Karriereschub, siehe EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen oder Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

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Dennoch ist es ein weiter Weg gen Chancengleichheit. Die Interparliamentary Union (IPU), eine 1899 gegründete Vereinigung von Parlamenten, erstellt regelmäßig Statistiken über Frauen in der Politik. Die Richtung ist eindeutig – und zwar in Richtung von mehr Merkels weltweit. Aber die Geschwindigkeit ist nicht gerade rekordverdächtig.

Die Leistungen sind einsehbar

Der weltweite Anteil von Ministerinnen stieg demnach innerhalb eines Jahres von 21,3 Prozent auf 21,7 Prozent, Stand Januar 2021. Und der Anteil von Frauen in nationalen Parlamenten stieg von 24,9 Prozent auf 25,5 Prozent. Je höher es geht, desto dünner wird die Luft: In 22 Ländern sind Frauen Staatsoberhäupter oder Regierungschefinnen – ein Jahr zuvor waren es 20 Länder. Das heißt: Sie stellen 5,9 Prozent aller Staatsoberhäupter und 6,7 Prozent aller Regierungschefs. Europa ist der Nukleus dieser Frauenbewegung. Allein in den nordischen Ländern regieren sie in Dänemark, Finnland, Island und (noch) in Norwegen. Nur um ein paar starke Beispiele zu nennen: Auf der Exekutivebene, also der allgemeinen Regierungsebene, stieg der Anteil von Frauen in Litauen von 8 Prozent auf 43 Prozent, und in Belgien von 25 Prozent auf 57 Prozent. Hier die negativen Gegenbeispiele, und zwar wo überhaupt keine Frauen an der Regierung beteiligt sind: Aserbaidschan, Armenien, Brunei, Nordkorea, Papuaneuguinea, Sankt Vincent und die Grenadinen, Saudi Arabien, Thailand, Tuvalu, Vanuatu, Vietnam und Jemen. Ganz ehrlich: Als Hotspots globaler Regierungskunst gelten diese Länder nicht.

Der Trend geht also in Richtung vieler Merkels.

Zwar hat das Weltwirtschaftsforum errechnet, dass bei dieser Geschwindigkeit mit einer echten Parität in der Politik erst in 95 Jahren zu rechnen sei. Aber die Autoren erwarten auch einen so genannten Role-Model-Effekt. Sie gehen also davon aus, dass Frauen in verantwortungsvollen Positionen andere motivieren, nachzuziehen. Dieser Effekt ist beschleunigend. Schon jetzt steht an der Spitze der Europäischen Zentralbank Christine Lagarde. Kamala Harris ist Vizepräsidentin der USA, Kristalina Georgieva führt die Geschäfte des IWF und Amina Mohammed ist stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen. Bei all diesen Frauen ist absehbar, dass sie Role Models sein werden. Und dass sie der Politik alles andere als schaden.

Im Video: Wichtige Aussagen von Merkel in ihrer Amtszeit

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