Nato beginnt mit Truppenabzug aus Afghanistan

Max DELANY
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Bundeswehrsoldaten in Kundus 2012

Die Nato hat mit dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan begonnen. "Wir planen, unseren Rückzug innerhalb weniger Monate abzuschließen", sagte ein Nato-Vertreter am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) reiste anlässlich des Truppenabzugs nach Kabul und sicherte eine Fortsetzung des deutschen Engagements in dem Land zu. "Deutschland bleibt ein verlässlicher Partner an der Seite der Menschen in Afghanistan", erklärte er im Onlinedienst Twitter.

Die Nato war mit ihrem Einsatz "Resolute Support" zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte zuletzt noch mit rund 9600 Nato-Soldaten am Hindukusch. Die Bundeswehr stellt dabei mit 1100 Soldaten das zweitstärkste Kontingent nach den USA.

Die Regierung des früheren US-Präsidenten Donald Trump hatte den radikalislamischen Taliban einen Abzug der Nato-Truppen bis zum 1. Mai in Aussicht gestellt. Angesichts fehlender Fortschritte in den Friedensgesprächen zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul wurde dieser Termin nicht eingehalten.

Trumps Nachfolger Joe Biden beschloss dann, den Abzug zum 1. Mai zu beginnen und spätestens am 11. September abzuschließen. Möglicherweise geht der Abzug noch schneller: Auch der 4. Juli wurde zwischenzeitlich als Abschlussdatum erwogen.

Beim nun begonnenen Abzug habe die Sicherheit der Nato-Truppen "oberste Priorität", sagte der Nato-Vertreter AFP. Die Militärallianz könne sich deshalb nicht zu Truppenzahlen oder Zeitplänen für den Abzug einzelner Nationen äußern.

Das Bündnis ergreife gleichzeitig "alle notwendigen Maßnahmen, um unser Personal vor Schaden zu bewahren", sagte der Nato-Vertreter. "Jegliche Angriffe der Taliban während des Rückzugs werden mit einer energischen Reaktion beantwortet." Das Bundesverteidigungsministerium hatte diese Woche angekündigt, zur Absicherung des Abzugs noch einmal Verstärkung nach Afghanistan zu schicken.

Auch die USA haben zusätzliche Streitkräfte zum Schutz der internationalen Truppen angekündigt. "Die Absicht des Präsidenten ist klar: Der Abzug des US-Militärs aus Afghanistan wird nicht überstürzt oder voreilig sein", sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses am Donnerstag. Er werde überlegt und sicher erfolgen. "Sollten uns potenzielle Gegner angreifen, werden wir uns und unsere Partner mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen."

Maas sicherte Afghanistan trotz des Endes des Militäreinsatzes weiterhin Hilfe zu. "Auch die Taliban wissen, dass dieses geschundene Land massiv auf internationale Hilfe finanziell angewiesen ist", erklärte er auf Twitter. Allerdings warnte er, diese Hilfe "wird es sicherlich nicht geben, wenn die Taliban das, was an Rechten und demokratischen Standards geschaffen worden ist", wieder einkassierten.

Der Minister würdigte bei seinem Besuch in Kabul auch die Fortschritte im Land. In Afghanistan sei vieles erreicht worden, erklärte er auf Twitter. Dies reiche von der Lebenserwartung bis hin zur Schulbildung von Mädchen. "Das hat auch damit zu tun, dass die Bundeswehr hier für mehr Sicherheit gesorgt hat."

Allerdings gibt es laut einem Medienbericht in der Bundesregierung die Befürchtung, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan nach dem Abzug der Truppen verschlechtern könnte. Wie der "Spiegel" unter Berufung auf einen vertraulichen Bericht von Experten des Auswärtigen Amts und des Bundesverteidigungsministeriums berichtete, stellen sich die Experten auf "eine weitere, erhebliche Verschlechterung der Sicherheitslage" ein, sollte "keine Einigung mit den Taliban über Art, Umfang und verlängerte Dauer der Präsenz internationaler Streitkräfte" erzielt werden.

Die Experten warnten demnach, dass internationale Organisationen in Afghanistan wieder vermehrt zum Ziel von Anschlägen werden könnten. Absolute "Worst-Case-Szenarien, wie zum Beispiel ein Bürgerkrieg mit Sturm auf Kabul" und damit auch die Schließung der deutschen Botschaft, seien "nicht völlig auszuschließen", zitierte der "Spiegel" aus der Analyse der Experten.

noe/lan