Natur: Ganz zart sind die Blätter auf der Zunge

Tabea Hertzog

Die Naturerkundung, selbst in der Stadt, hat an Bedeutung gewonnen. Vögel zu beobachten, Kräuter zu sammeln, und ja, Bäume zu umarmen fördert eine neue Aufmerksamkeit.

"Es sollte niemand lachen, wenn man einen Baum umarmt." © Trent Haaland/​unsplash.com

Dieser Artikel ist erschienen auf unserer Schriftstellerplattform "Freitext". Hier finden Sie alle Artikel.

Ich laufe mit einer Freundin vom Plötzensee zum Volkspark Rehberge, über Google Maps suchen wir den kleinen Eichenbaum, den sie geschenkt bekommen hat und im letzten Jahr hier einpflanzte.

"Hier müsste es sein", sagt sie und zoomt den blauen Punkt im Pastellgrün auf ihrem Handy ganz nah heran. In etwas Abstand zu einer großen Eiche suchen wir ihren Baum, hinuntergebeugt zwischen den anderen kleinen Pflanzen, die erst heranwachsen, die wir beide wohl noch nicht mit Namen kennen. "Meine Eiche ist hier nicht."

"Vielleicht hat sie nicht überlebt", sage ich.

"Kann sein, es ist kurz vor dem Winter gewesen, als wir sie eingepflanzt haben."

"Nicht so optimal."

"Darf man Bäume eigentlich einfach so irgendwo hinpflanzen?"

"Ich glaube nicht. Aber ich hätte das wohl auch gemacht. Hast du mal einen Baum umarmt?"

"Ich kann mich nicht daran erinnern."

"Komm, wir machen das jetzt mal."

Also umarmen wir beide die große Eiche, von je einer Seite. Wir schließen kurz die Augen, ich atme tief ein, dann blinzle ich und wir beide müssen etwas schmunzeln. Der Moment fühlt sich an, als hätten wir die Leichtigkeit von Kindern wieder in uns entdeckt.

Mir kommt es so vor, als nähme ich die Wälder und die Parks hier in und um Berlin erst mit diesem Frühling viel intensiver wahr. Ich entdecke viel, wovon ich zuvor niemals gehört habe. Und doch weiß ich noch viel zu wenig. Vor ein paar Tagen habe ich im Buch Der Biophilia Effekt des österreichischen Biologen Clemes G. Arvay von Terpenen gelesen, gasförmigen Substanzen, über die Bäume, Pflanzen und Mikroorganismen Botschaften austauschen. So sind Pflanzen beispielsweise in der Lage, sich gegenseitig über Schädlinge zu informieren und können gleichzeitig Insekten anlocken, die ihnen gegen die Schädlinge helfen.

 "Es sollte niemand lachen, wenn man einen Baum umarmt", sagt meine Freundin mit erhobenem Zeigefinger und spielerisch ernster Stimme, als wir weitergehen.

"Das nächste Mal sollten wir mal wieder auf einen Baum klettern", sage ich.

Wir sprechen darüber, welche Bäume unsere Kindheit geprägt haben, über unsere Lieblingsplätze im Geäst oder im Gebüsch. Ich erzähle ihr von meinem Haselnussbaum, in den ich oft geklettert bin, und wie ich jedes Jahr die Zeit nicht abwarten konnte und die Haselnüsse viel zu früh, bevor sie wirklich reif waren, probierte.

"Wie schnell wachsen Bäume eigentlich?", fragt meine Freundin.

"Manche ein bis zwei Meter im Jahr, habe ich gelesen."

Wir fühlen uns belebt durch die Wärme der Sonne, durch die verschiedenen Grüntöne, durch eine unerwartete Lichtung, durch die unterschiedlichen Farben der Blüten und wie sie duften. Wir entdecken Knoblauchsrauke, reiben an ihren Blättern und freuen uns über den milden Knoblauchgeruch.

Einige Zeit beobachten wir im Wildgehege ein Wildschwein, freuen uns über den wedelnden Schwanz, während das Tier immer wieder mit der langen Schnauze im Waldboden wühlt. Für uns interessiert es sich nicht.

Später entdecken wir Brennnesseln, versteckt zwischen hohem Gestrüpp.

Ich erzähle meiner Freundin, wie gut Brennnesselsuppe und -spinat schmecken, "komm, lass uns welche mitnehmen", sage ich dann. Aus meinem Rucksack ziehe ich einen Beutel heraus, in dem wir die Blätter sammeln. "Am besten nur die oberen Blätter der Triebe."

"Wie bekommst du das hin mit der bloßen Hand?", fragt meine Freundin. Sie versucht mit einem Taschentuch ihre Hand vor den feinen Brennhaaren zu schützen, vorsichtig bricht sie den oberen Teil der Pflanze ab. Hin und wieder höre ich ein "Autsch".

"Schnell muss man sein." Ich fühle mich abgehärtet gegen den stechenden Schmerz, den ich schon viel länger kenne. 

In diesem Monat habe ich oft an Finnland gedacht. An die dreizehn Tage, die ich dort vor einigen Jahren mit einem Freund im Seenland Saimaa verbracht habe. Jeden Tag sind wir zwischen Wasser und Wäldern stundenlang spaziert. Vom Mökki, unserem "Sommerhaus am See", waren es bis zur nächsten Straße über zehn Kilometer. Schafgarbe, Sauerampfer und Brennnesseln gab es in den Wäldern in Vielzahl. Ich erinnere mich, wie ich mit Gartenhandschuhen das erste Mal Brennnesseln pflückte und wie ich sie mit dem Tag darauf nicht mehr brauchte. Ich wollte die Natur ganz nah an mich heranlassen. Oben vor unserem Haus in der feuchten Erde haben wir nach Regenwürmern gegraben, mit denen wir später im kleinen Boot den See hinaufruderten. Wir mussten nicht lange warten, bis der erste Fisch an der Angel war. Beinah jeden Abend aßen wir Fisch und Brennnesselspinat. Ganz zart sind die Blätter auf der Zunge.

Bevor ich meine Freundin verabschiede und mit dem Rad unter Bäumen am Wasser des Nordufers nach Hause fahre, sage ich: "Das nächste Mal wird das mit den Brennnesseln und deinen Händen viel besser gehen."

Vor einigen Wochen saß ich zwischen blühenden lila Veilchen im Gras und habe gelesen.

Ich hatte meinen Blumenkasten auf dem Fensterbrett noch nicht neu bepflanzt und buddelte aus dem Impuls heraus zwischen den blühenden Veilchen drei kleine Keimlinge samt Wurzeln behutsam aus der Erde heraus. Ich transportierte sie in meinem Kaffeebecher und pflanzte sie später im Blumenkasten wieder in die Erde.

Als sich nach einiger Zeit aus den Keimlingen die ersten Blätter formten, erkannte ich Ahorn. Jetzt ziehe ich also drei Ahornbäume in meinem Blumenkasten heran. Auch das passt irgendwie in dieser Zeit, in der sowieso alles anders neu ist.

Die Nebelkrähen, die hoch oben in der Kastanie vor meinem Fenster ihr Nest gebaut haben, sind derweil viel beschäftigt. Seit etwa der zweiten Aprilwoche brütet das Weibchen. Wir kennen uns seit dem letzten Jahr, die Vögel wissen, dass es bei mir Walnüsse und Cashews gibt, und lassen mich nah an sich heran. Oft landen sie nun neben den drei Ahorn-Setzlingen im Blumenkasten, wo ich für sie Platz ausgespart habe. Sie warten dann, bis ich das Fenster öffne, manchmal krähen sie gegen die Scheibe, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie wissen, dass es seit ein paar Tagen auch Mehlwürmer bei mir gibt. Weil der Insektenbestand besonders in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist, sind Vögel, und unter ihnen die Krähen nun, dankbar für die Zufütterung während der Aufzucht ihrer Jungen. Noch sind diese nicht geschlüpft.

Es ist eine eigenartige Stille, denke ich manchmal, die doch eine schöne ist, denn es passiert so viel in ihr. Und in dieser Stille nimmt man viel mehr wahr, zum Beispiel wie still es erst wäre, gäbe es die Vögel nicht mehr. 

Seitdem ich morgens immer am Fenster frühstücke, kenne ich auch das Amsel- und Blaumeisenpaar. Hin und wieder fliegen sie flink heran, lesen Cashewstücke auf, die die Krähen übrig gelassen haben. Alle Vögel baden in der Regenwanne oder dem kleinen Springbrunnen im Garten des gegenüberliegenden Hauses. Die Nebelkrähen hüpfen manchmal vom Rand der Wanne mehrmals hintereinander ins Wasser, wie Kinder, die im Sommer immer wieder noch ein "allerletztes" Mal tauchen wollen, bevor es mit der Familie nach Hause geht. 

Einige meiner Freunde können sich in dieser Zeit viel in der Natur aufhalten. Wir schreiben uns E-Mails, schicken uns Videos und Bilder. Wir sprechen über das "Wegsein", das so viel Verschiedenes sein kann. Mein Lektor schrieb mir vor einigen Wochen, dass er gerade zum ersten Mal Vogelhäuser in der Uckermark baut.

Ein Freund fotografiert auf seinem täglichen Friedhofsspaziergang im Wedding die blauen Nummernschilder der Bäume. Manchmal hängt eines der Schilder windschief oder er entdeckt eine schöne Zeichnung in der Rinde eines Baumes. Das Systematische, Ordnende dieser Nummern gefällt ihm, er sagt, "es ist auf jeden Fall eine höhere Aufmerksamkeit da". Mir fällt die Attention Restoration Theory (ART) von Rachel und Stephen Kaplan ein. Dabei differenzieren sie zwischen gerichteter (effortful) und ungerichteter, müheloser (effortless) Aufmerksamkeit. In der Natur ist das Regenerieren der Aufmerksamkeitsfähigkeit besonders gut, weil Natur Interesse weckt, Aufmerksamkeit also provoziert, die nicht anstrengt, sondern beinah mühelos erfolgt.

An diesem Abend tauche ich bis auf den Grund des Pazifiks. Über meinen Bildschirm beobachte ich einen Kugelfisch, der während der Fortpflanzungszeit eine bis zu zwei Meter große geometrische Form auf dem Meeresgrund gestaltet. Der etwa nur zwölf Zentimeter lange Fisch streift dabei den Sandboden mit seinen Flossen und seinem Bauch in charakteristischen Wellenbewegungen. Eigentlich muss der Fisch beinahe durchgängig arbeiten, weil die Formen mit der Strömung irgendwann verschwinden. Nach etwa sieben bis neun Tagen entsteht also ein großes kreisförmiges Muster, das für Forscher lange nicht erklärbar gewesen ist. Als der männliche Fisch das Zentrum mit einer Muschel dekoriert, bin ich überrascht und denke, wie gut sich doch immer wieder überraschende Momente anfühlen können.

Noch immer ist es so, dass ich an manchen Tagen nicht auf Anhieb weiß, welcher Wochentag eigentlich ist. Auch weil ich es noch zulassen kann, hin und wieder in den Tag hineinzuleben. In anderen Momenten sind wiederum die Gedanken ganz klar, dass ich Antworten finden muss, auf Fragen, die nicht mehr zeitlos bleiben werden. Vielleicht kommt das dem Aufwachen nach einem eindrücklichen Traum nah: Man erwacht mit einem merkwürdig intensiven Gefühl, das man kaum in Worte fassen kann, das man gern noch ein wenig länger festhalten möchte. Doch je mehr Stunden vergehen, desto weniger greifbar wird dieses Gefühl. Am Ende bleibt es ein Traum, der immer noch existiert, aber es gibt nun einen Abstand, den man gewonnen oder verloren hat.

Lesen Sie hier alle Artikel auf Freitext, der Schriftstellerplattform von ZEIT ONLINE.