Naturwunder Cenotes - Die heiligen Höhlen der Maya – jetzt ist Jahrmillionen alte Geschichte bedroht

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Günter Kast

Die Cenotes im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo sind eine der großen Touristen-Attraktionen auf der Yucatán-Halbinsel. Doch eine Bahntrasse bedroht die einzigartigen, mit Wasser gefüllten Karsthöhlen. Noch aber ist es nicht zu spät, diese Naturwunder schwimmend oder tauchend zu erleben.

Es dauert ein wenig, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Zuerst ist da nur ein schwarzes Loch, auf das ich zu stolpere. Doch allmählich werden Konturen sichtbar. Ich erkenne Stalaktiten, von der Decke der Höhle hängende Tropfsteine. Dort, wo Regenwasser in den Kalkstein eindrang, ist Platz für die Wurzeln von Bäumen entstanden, die ihre Enden wie dicke Haare ins Wasser strecken, um die Pflanzenwelt über der Wasseroberfläche zu nähren.

Bereits beim Hinabsteigen in dieses unterirdische Reich war die feuchtschwüle Luft einer etwas kühleren Brise gewichen. Jetzt, beim ersten Kontakt mit dem Wasser, das mit 22 Grad immer noch so warm ist wie ein deutscher Baggersee im Hochsommer, fühlt sich das richtig kalt an. Doch die Sinne fokussieren sich schon bald wieder auf das Labyrinth, das es jetzt watend und schwimmend zu durchqueren gilt.

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Ein Blick in eine Millionen Jahre alte Geschichte

Mit meinem Guide schwimme ich zu einem Spalt in der Decke, durch den Sonnenstrahlen in dieses unterirdische Reich eindringen. Ich erkenne Blätter und Bäume, sehe den Dschungel von unten. Vor allem aber brechen sich die Sonnenstrahlen in dem kristallklaren Wasser und leuchten die Höhle mit ihren leuchtenden Fäden wie ein Amphitheater aus. Schieben sich Wolken vor die Sonne, knipst die Natur das Licht aus und die an der Decke hängenden Fledermäuse verschwimmen zu schemenhaften, mystischen Kreaturen.

Geht das Licht in diesem natürlichen Techno-Club wieder an, erkenne ich fossile, in Kalkstein eingebettete Schnecken, die daran erinnern, dass das hier einmal ein lebendes Korallenriff war. Es ist ein faszinierender Blick in eine Millionen Jahre alte Geschichte. Das Beste dabei: Man muss kein Flaschen-Taucher sein, um diese Karsthöhlen zu erleben.

Willkommen auf der Yucatán-Halbinsel im mexikanischen Bundesstaat Quintana Roo! Bereits beim Anflug auf Cancún erkennt man, dass sich an der Riviera Maya zwischen dem Flughafen und Tulum Hunderte von Hotels aneinanderreihen. Klar, man kann sich hier zwei Wochen lang in die Sonne knallen. Aber es wäre schade, denn im Hinterland gibt es viel Spannendes zu entdecken. Wer sich für die frühen Kulturen Mexikos interessiert, sollte unbedingt die wichtigen Maya-Ruinen in Chichén Itza und Uxmal besuchen, auch wenn dort großer Andrang herrscht. Abenteuerliche Naturen buchen Zipline- und ATV-Touren, gehen in den Mündungsgebieten von Karstflüssen zum Schnorcheln – oder eben in den Cenotes genannten Grotten zum Schwimmen.

Entstanden durch Trockenlegung wurden sie zu religiösen Orten

Auch hier kommt man der Kultur der Maya – auf aktivere Art und Weise – sehr nahe. Und erhält obendrein noch einen Kurs in Geologie. Als nämlich in Yucatán, wo einst ein buntes Korallenriff gedieh, der Wasserspiegel während der jüngsten Eiszeit zu sinken begann, wurde die Halbinsel trockengelegt. Den Korallen machte das den Garaus. Aus ihnen Überresten bildete sich eine an manchen Stellen bis zu 30 Meter mächtige Platte aus Kalziumkarbonat. Saures Regenwasser reagierte mit diesem Kalkstein und ließ ihn erodieren. Es entstanden riesige unterirdische Hohlräume.

Weil der Meeresspiegel gut hundert Meter tiefer lag als heute, suchte sich das Wasser auf natürliche Weise den Weg zum Meer und es entstand eines der weltgrößten unterirdischen Flusssysteme. Dort, wo Wasser von den jetzt teilweise trockenen Decken perlte, bildeten sich bizarre Tropfstein-Formationen. Heute liegen diese oft unter Wasser, denn in der Folge stieg der Meeresspiegel wieder an und flutete einige der Krater. Manchmal sind die erodierten und porösen Höhlendecken auch eingestürzt. Diese Öffnungen bilden heute die Eingänge, durch die man die Cenotes betreten kann.

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Für die hier lebenden Maya der Frühzeit waren diese Höhlen mit ihrem kristallklaren Wasser geheimnisvolle Orte. Später, in der klassischen Periode, dienten ihnen die unterirdischen Flüsse als Wasserquelle. „Doch die Bedeutung ging weit über das Praktische hinaus“, erzählt Roger Sauri, der selbst von den Maya abstammt und noch ihre Sprache spricht.

„In vielen Höhlen wurden Keramiken, aber auch Knochen von erlegten Tieren, ja sogar von Menschen gefunden. Religiöse Rituale und das Alltagsleben waren eng mit diesen Quellen verbunden.“ Neueste Erkenntnisse von Forschern belegen, dass die Karsthöhlen sogar eine wichtige Rolle in der Astronomie der Maya spielten. Werden solche Entdeckungen gemacht, sperren die Wissenschaftler die Fundstätten für die Öffentlichkeit und stellen sie unter strengen Schutz.

Eine bedrohte Schönheit

Sie arbeiten dabei oft mit professionellen Höhlentauchern zusammen. Auch Deutschlands bekannteste Freitaucherin Anna von Boetticher aka „Waterwoman" hielt in den legendären Sinklöchern, die das komplette Süßwasser von Yucatán beherbergen, schon den Atem an. Geführt wurde sie dabei von Fred Devos, der seit 30 Jahren dieses Höhlensystem erforscht und dabei herausfand, dass es sich um das zweitgrößte weltweit handelt.

Er nahm von Boetticher mit zu einem smaragdgrünen Sinkloch mitten im Urwald, das erst seit kurzem von Land aus zu erreichen ist. Zuvor konnte Devos nur unterirdisch mit einem stundenlangen Tauchgang hierher gelangen. Anna war erst der dritte Mensch, der in diesem Wasserloch tauchte. Es gehört zu „La Familia“, einem Trio von Sinklöchern, die sich unterirdisch in einer Art Kathedrale treffen.

Die Deutsche war begeistert von den unglaublichen Lichtspielen unter Wasser. Sie lernte dabei aber auch, dass es eine sehr fragile Welt ist, ein bedrohtes Paradies. Während die nördlichen Bundesstaaten Mexikos von Drogenkartellen kontrolliert werden und auch Reisende nicht immer sicher sind, boomt in Quintana Roo der Tourismus. An allen Ecken wird gebaut, neue Hotelanlagen und Gewerbegebiete entstehen. Sickern nur an einer einzigen Stelle Öl oder Chemikalien ins Erdreich, verbreiten sie sich durch das Höhlensystem in ganz Yucatán.

Immerhin haben die Tourismusmanager inzwischen verstanden, dass die Cenotes ein Zugpferd für ihre Branche sind. Agenturen holen die Urlauber morgens in den Hotels ab und lassen sie auf Tagesausflügen die Welt der Cenotes erleben. Wer das einmal mit eigenen Augen gesehen hat, wird automatisch zum Botschafter der Sinklöcher und wünscht sich, dass diese Pracht niemals zerstört wird.

Die größte Bedrohung für die Cenotes ist das umstrittene „Tren-Maya“-Projekt. Eine 1525 Kilometer lange Schnellbahnstrecke quer durch die Halbinsel Yucatán soll fünf mexikanische Bundesstaaten miteinander verbinden, die Wirtschaft ankurbeln und die indigene Bevölkerung aus der Armut holen. Kritiker monieren nicht nur die astronomisch hohen Kosten der Trasse, sondern warnen auch vor den Schäden für Natur und Umwelt.

Im Fokus steht dabei der Abschnitt 5 zwischen Cancún und Tulum. Ursprünglich sollte die Bahnlinie dort entlang der bestehenden Autobahn und nahe der Küste verlaufen. Doch seit das Militär das Projekt unter seinen Fittichen hat, frisst sich die Trasse immer mehr in den noch verbliebenen Tropenwald des Landes, den großen „Maya-Wald“. Dieser ist ohnehin schon bedroht: Jedes Jahr gehen rund 80.000 Hektar durch extensive Viehzucht und andere Formen der Landwirtschaft verloren.

Die Bahntrasse zerschneidet diesen Wald förmlich und bedroht die Reviere hier lebender Wildtiere, zu denen auch die ikonischen Jaguare gehören. Vor allem aber leiden die Cenotes unter den Bauarbeiten. Vielerorts ist der poröse Kalkstein nicht stabil genug, um die schweren Eisenbahnteile zu tragen. Um die Konstruktion zu verstärken, werden Betonpfähle tief in den Boden gerammt, wo sie sich in das Herz der unterirdischen Flüsse der Maya bohren. Die Folge: Die natürlichen Trinkwasser-Reservoire sind von Verschmutzung und Einsturzgefahr bedroht. Taucher bestätigen, dass rund um das Höhlensystem Sac Actun, wo sie früher in glockenklarem Wasser unterwegs waren, heute eine milchige Brühe wabert, und sie zum Sound von Presslufthämmern ihre Flossen anlegen.

„Naturwunder“ immer beliebter bei Touristen

Noch aber gibt es Cenotes, die von der Bahntrasse bis dato nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Diejenigen, die leicht zu erreichen sind, sollte man früh am Tag besuchen, wenn noch nicht so viel Andrang herrscht. Zu dieser Kategorie gehört zum Beispiel der Cenote Ik Kil. Weil die Höhle nur drei Kilometer südlich der Ruinen-Stadt Chichén Itzá liegt, verbinden viele Urlauber die Besichtigung der Maya-Pyramiden mit einem anschließenden Bad hier.

Azulik Tulum<span class="copyright">Günter Kast</span>
Azulik TulumGünter Kast

Ebenfalls sehenswert ist der Cenote Azul, 60 Kilometer von Tulum entfernt und direkt an der Straße gelegen. Nomen est omen: In dem offenen Cenote schimmert das Wasser in allen nur erdenklichen Blautönen – 50 Shades of Blue. Bunte Fische laden zudem zum Schnorcheln ein, Bäume rund um das Sinkloch sorgen für wohltuenden Schatten. Ganz anders hingegen der Cenote X’kekén, nur acht Kilometer von Valladolid entfernt und selbst mit dem Fahrrad gut erreichen: Dieses Naturwunder ist eine nahezu geschlossene Höhle. Lediglich ein kleines Loch lässt Sonnenlicht einfallen, was dem Felsendach mit seinen Stalaktiten das Ambiente einer unterirdischen Kathedrale verleiht.

Neben diesen „Bestsellern“ gibt es zahlreiche Kalksteinlöcher, die als Geheimtipp gelten und vom Besucher-Ansturm und der Bahntrasse (noch) verschont sind. Sie befinden sich jedoch an abgelegenen Orten und sind ohne Auto nicht zu erreichen. Wer einen Wagen ausleiht, sollte sich zum Beispiel den Weg zum von üppiger Vegetation umgebenen Cenote Ponderosa zeigen lassen.

Roger Sauri und andere Maya setzen ihre Hoffnung auf die im Juni 2024 neu ins Amt gewählte Präsidentin Claudia Sheinbaum, die erste Frau an der Spitze des Staates. Ihr Vorgänger López Obrador hatte die Fertigstellung des „Tren Maya“ zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit erklärt. Vielleicht finden die Naturschützer bei der neuen starken Frau Mexikos ja mehr Gehör – für die heiligen Höhlen der Maya wäre es eine gute Nachricht.