Neo Magazin Royale: Nacht am Snack-Automaten

Polizistensohn gegen Polizeigewerkschafter

Es gibt diesen Moment, wenn man den letzten Zug nimmt, vergessen hat zu essen, und nichts mehr offen hat außer der Snack-Automat am Bahngleis. Dann kauft man Chips, einen Eistee im Karton, Erdnüsse und vielleicht eine dieser Schoko-Schnitten, die „Boom“ heißen und auch genauso schmecken. Man nimmt es mit in den Zug und zieht sich alles rein. Und für die Dauer der Fahrt ist dann alles großartig, auch wenn das, was man sich im Affekt ausgesucht hat, eigentlich überhaupt nicht zusammenpasst.

Die 72. Folge des Neo Magazin Royale, „Der Noro-Virus-Kotzcontest“, war ein bisschen so. Ein erkennbares Konzept gab es nicht, aber für die Dauer der Sendung war die Mischung, die einem präsentiert wurde, trotzdem ganz überzeugend.

Beim nächtlichen Zugdinner fängt man am besten mit den Chips an, die außer aus Salz und Geschmackstoff eigentlich aus nichts bestehen. Das Neo Magazin beginnt mit einer Persiflage auf das Video jenes Fernsehkommentators, der während eines Live-Interviews von seinen Kindern gestört wurde. Jan Böhmermann spielt den Vater, statt der älteren Tochter groovt der kleinwüchsige Schauspieler Manni Lauderbach ins Büro und das Baby im Wagen ist, man ahnt es: William Cohn. Inhaltlich ist das ganze eher zu vernachlässigen, aber wer William Cohn schon immer einmal im Strampelanzug sehen wollte, kommt auf seine Kosten.

Nächster Gang im Regionalzug sind ein paar Erdnüsse, was Kleines für zwischendurch. Auch bei Böhmermanns Standup gibt es was Kleines, er packt sich wieder einmal Erdogan. Der hat die Holländer als Nazis beschimpft und der Moderator sagt, dass er damit das deutsche Volk beleidigt hat. „Wir sind die Nazis!“, ruft er, sagt, dass er sich „bewusst verletzt“ fühle und schafft es dabei nicht, sein Lachen zu kontrollieren. Kleine Erinnerung: Merkel hatte Böhmermanns Gedicht über den türkischen Präsidenten „bewusst verletzend“ genannt. Man könnte sich jetzt darüber aufregen, dass Witze über das Schmähgedicht noch immer nicht in der Versenkung verschwunden sind, aber angesichts der Situation in der Türkei ist das schon in Ordnung.

Echte Männer: Jan Böhmermann, Ünsal Arik und Ralf Kabelka

Nach dem ersten Lied blendet Böhmermann ein Bild von Rainer Wendt, dem Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft ein. Der war in den letzten Jahren vor allem durch Forderungen nach Racial Profiling, einem Zaun an der Grenze und längeren Schlagstöcken aufgefallen. Diese Woche kam Wendt in den Fokus, weil er Journalisten über ein Polizistengehalt belogen hatte, das er noch immer bezieht. Böhmermann greift an. Schließlich sei das als Vorsitzender der Polizistensohngewerkschaft seine Pflicht, sagt er. Flankiert von einem Altmännerchor in Polizeiuniformen und drei lasziv tanzenden Männern widmet er Wendt ein Ständchen. „Rainer Wendt, du bist kein echter Polizist, Rainer Wendt, weil du dir selbst am nächsten bist“, singt er, während Geldscheine auf die Bühne flattern. Die Nummer ist ganz klar die Schoko-Schnitte der Sendung. So gaga und großartig, dass es fast zu viel ist.

Der nächste Teil dümpelt. Böhmermann stellt die Klickhilfe Ehrenfeld vor. Die soll ungeklickten Youtube-Videos Aufmerksamkeit verschaffen. Zum Auftakt sind es drei Videos, die den Geltungsdrang des Schauspielers Axel Milberg bloßstellen. Kann man machen. Oder eben nicht. Wie die zweite Ladung Erdnüsse aus dem Snack-Automaten.

Im Regionalzug ist das letzte, was noch übrig ist, der Eistee. Der ist auch dringend notwendig, weil man sich spätestens jetzt fühlt wie die Mensch gewordene „Boom“-Schnitte. Im Neo Magazin Royale ist es Zeit für den Gast. Jan Böhmermann ruft Ünsal Arik, einen deutsch-türkischen Boxer und Erdogan-Kritiker auf die Bühne. Auf seinem T-Shirt trägt Arik den Hashtag „#erdocant“, die beiden sprechen über den Präsidenten und sein Referendum. Arik erzählt, dass er Erdogan einmal öffentlich “Adolf Hitler 2.0” genannt hat und appelliert an seine türkischen Mitbürger, doch „endlich ihr Gehirn zu benutzen und beim Referendum für ‚Nein’ zu stimmen“. Böhmermann ist sichtlich beeindruckt von den klaren Worten des Boxers. Als der erzählt, dass er Angela Merkel besuchen möchte, sagt Böhmermann: “Meiner Erfahrung nach ist die Wahrscheinlichkeit … recht hoch, dass das passiert.” Oben drauf gibt es dann noch einen Einspieler: Böhmermann und Ralf Kabelka trainieren mit Ünsal Arik. Ähnlich wie beim ersten Video der Sendung gilt hier: wer die beiden Komiker schon immer mal im Feinripp-Unterhemd sehen wollte, wird befriedigt.

Am Ende endet die Sendung wie die Zugfahrt mit Snacks. Man geht Schlafen und denkt sich, dass das schon ganz in Ordnung war. Auch wenn eigentlich überhaupt nichts zusammengepasst hat. (jl)

Fotos: Screenshots/ZDF

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen