Neue Studie: Hätten in den USA zehntausende Corona-Tote vermieden werden können?

Hätte eine schnellere Reaktion der US-Regierung auf die Corona-Pandemie zehntausende Leben retten können? Eine neue Studie legt das jetzt nah und erhöht den Druck auf US-Präsident Donald Trump.

In den New Yorker Parks sollen Kreidekreise jetzt für den nötigen Abstand zwischen den Menschen sorgen. (Bild: Alexi Rosenfeld/Getty Images)

Die renommierte Columbia University hat eine Studie veröffentlicht, die untersucht, wie sich Social Distancing in den USA auf die Infizierten- und Todeszahlen auswirkte. Das brisante Ergebnis der Studie ist die Hochrechnung der Wissenschaftler, wie sich die Fallzahlen entwickelt hätten, wären die Regeln auch nur eine oder zwei Wochen schneller eingeführt worden.

Dann nämlich, so die Studie, hätten zehntausende Leben gerettet werden können. Schon eine Woche früheres Social Distancing hätte bis zum jetzigen Zeitpunkt bis zu 36.000 weniger Tote bedeutet. Wären es zwei Wochen gewesen, wären sogar bis zu 54.000 Menschen weniger gestorben, als bisher, errechneten die Forscher.

Lesen Sie auch: Trump will USA bei zweiter Coronavirus-Welle nicht wieder schließen

Jeffrey Shaman, Epidemiologe und Leiter der Studie erklärte der New York Times: “Es macht einen riesigen Unterschied.” Es gebe diesen kleinen Augenblick, in dem man das Virus noch in der Wachstumsphase erwischen könne “der ist unglaublich kritisch dafür, die Todeszahlen zu reduzieren.” Anhand von Modellen von Infektions-Krankheiten gelang es den Wissenschaftlern, zu verfolgen, wie sich die Ausbreitung des Virus seit Mitte März durch die Abstandsregeln verlangsamte.

Noch im März waren große Teile des Landes geöffnet, Sportveranstaltungen, Wahlkampfveranstaltungen und sogar Mardi Gras, der Karneval in New Orleans fanden noch statt. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den gesamten USA 500 gemeldete infizierte Patienten. Schon kurz darauf, Anfang April, bildeten sich deutliche Brennpunkte der Pandemie, wie etwa der Großraum New York heraus.

Die Columbia-Studie zeigt, wie schon kleine Veränderungen in der Anfangsphase diese Ausbreitung hätten eindämmen können. Es war auch das zögerliche Vorgehen der Trump-Regierung, die viele Entscheidungen den US-Bundesstaaten überließ, das eine rasche Ausbreitung des Covid-19 Erregers begünstigte. Die Studie zeigt nun, welch gravierende Folgen das für die Opferzahlen hatte.

Trump-Team sucht Schuld bei China

Von Seiten des Weißen Hauses wurden die Ergebnisse der Studie allerdings angezweifelt. Das Team des US-Präsident widersprach der Darstellung der New York Times. Diese hatte in einem chronologischen Verlauf die Aussagen und Handlungen der Trump-Regierung zusammengefasst und dabei detailliert aufgezeigt, wie die Gefahr durch das Coronavirus lange Zeit unterschätzt wurde.

Vielmehr widmet sich das Team nun einer externen Strategie. Trump selbst verkündet via Twitter, China stecke unter einer Decke mit seinem demokratischen Herausforderer Joe Biden “um die USA weiter abzuziehen.” Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Trump bereits die finanzielle Unterstützung strich wurde als scheinbare Mitschuldige ausgemacht. Judd Deere, Sprecher des Weißen Hauses, sagte der Washington Post als Reaktion auf die Studie: “Was Leben gerettet hätte, wäre gewesen, wenn China transparenter gewesen wäre und die Weltgesundheitsorganisation ihre Rolle erfüllt hätte.” Amerikanische Leben hingegen, so Deere weiter “hat die mutige Führung von Präsident Trump gerettet.”

Trump fiel mit gefährlichen Ratschlägen auf

Die Stimmen, die das anders sehen, mehren sich. Immer wieder macht der US-Präsident durch fragwürdige medizinische Ratschläge und politische Entscheidungen auf sich aufmerksam. So verweigerte er Bundesstaaten, deren Gouverneure sich nicht an seine Richtlinien hielten, die Lieferung lebensrettender Schutzausrüstung. Zuletzt machte er mit seiner Aussage Schlagzeilen, er nehme das nicht wissenschaftlich getestete Malaria-Medikament Hydroxychloroquine.

Selbst Trump-nahe konservative Reporter des Nachrichtensenders FOX News wiesen darauf hin, dass das Medikament in größeren Mengen tödlich sein könne und warnten ihre Zuschauer dringlich vor der Einnahme. Trump hingegen versucht weiterhin, seine Corona-Strategie als großen Erfolg zu verkaufen. Auch wenn er die zu erwartenden Opferzahlen ständig nach oben korrigieren muss, sagt der US-Präsident, das Virus sei “total unter Kontrolle”.

Lesen Sie auch: Spahn wirft AfD "destruktive Stimmungsmache" in Corona-Krise vor

Dabei stehen die USA mit über 1,5 Millionen Fällen und aktuell fast 95,000 Toten weit vor allen anderen Ländern der Welt. Dennoch finden in fast allen Bundesstaaten Öffnungen und Lockerungen statt, auf die nicht zuletzt das Weiße Hause gedrungen hatte. Studien-Leiter Shaman sagte in dem Interview diplomatisch und doch deutlich: “Man kann da sitzen und mit dem Finger auf irgendjemanden zeigen und ihm die Schuld geben. Aber die Wahrheit ist, dass jeder von uns seine eigenen Schüsse ziehen wird, wer die Verantwortung trägt.”

Spätestens im November bei den Präsidentschaftswahlen wird sich zeigen, ob die US-Amerikaner Trumps Corona-Strategie ebenso gelungen fanden, wie er selbst.

VIDEO: Der Presse keine Freude machen: Trump verweigert erneut Schutzmaske