NFL: Don Hutson: Der Mann, der das Passspiel salonfähig machte

Spricht man heutzutage über die größten Receiver in der fast 100-jährigen Geschichte der NFL, denkt man schnell an Jerry Rice und die, die nach ihm kamen. Vergessen wird jedoch oft der Mann, der das Passspiel überhaupt erst salonfähig gemacht hat. SPOX beleuchtet das Schaffen von Don Hutson, dem vielleicht größten Spieler in der Geschichte der Green Bay Packers.

Spricht man heutzutage über die größten Receiver in der fast 100-jährigen Geschichte der NFL, denkt man schnell an Jerry Rice und die, die nach ihm kamen. Vergessen wird jedoch oft der Mann, der das Passspiel überhaupt erst salonfähig gemacht hat. SPOX beleuchtet das Schaffen von Don Hutson, dem vielleicht größten Spieler in der Geschichte der Green Bay Packers.

Wer ist der größte Receiver in der fast 100-jährigen Geschichte der NFL? Weithin wird bei dieser Frage Jerry Rice genannt. Gute Argumente kann man auch für Randy Moss oder Terrell Owens finden. Doch diese Herren spielten allesamt in der Moderne. In einer Zeit, in der das Passspiel ein zentraler, und - glaubt man Analytikern - auch der wichtigste Part der Offensive im Football ist.

Gewissermaßen der Urvater der genannten Hall-of-Famer ist jedoch Don Hutson, die "Antilope von Alabama". Hutson nämlich war es, der in den 30er und 40er Jahren, als Passspiel nichts anderes war als ein Verzweiflungsakt, die Liga revolutionierte.

Hutson war der erste "moderne" Receiver und darf mit Fug und Recht in einem Atemzug mit Babe Ruth genannt werden, der im Baseball Homeruns schlug, als die Liga dieses Konzept noch gar nicht erfasst hatte. Hutson tat das gleiche mit Touchdown-Receptions. Er fing mehr Touchdowns durch die Luft als andere Teams insgesamt.

Und er war es auch, der heute komplett alltägliche Receiving-Routes zum Leben erweckte.

Don Hutson: Das Potenzial zeigte sich schnell

Wirklich gewollt war diese Revolution allerdings anfangs nicht. Hutson spielte auf der High School vor seinem Senior-Jahr nicht mal Football. Er spielte Baseball und bemannte das Center Field der Pine Bluff High School in Arkansas. Und er setzte seine Baseball-Karriere auch auf dem College von Alabama fort, wo er durch ein partielles Baseball-Stipendium gelandet war.

Ins Footballteam indes gelangte er als Walk-On, also jemand, der kein Stipendium erhielt. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, schon früh sein Potenzial aufblitzen zu lassen: Als End in der damals gängigen Single-Wing-Formation avancierte er schon früh zu einer echten Attraktion.

Den "anderen" End gab im Übrigen ein gewisser Paul "Bear" Bryant, der letztlich zu einem der herausragendsten Head Coachs in der Geschichte des College Footballs wurde. Über Hutson sagte dieser einst: "Er war selbst damals schon sehenswert. Wir sind per Anhalter nach Pine Bluff gefahren, nur um ihn spielen zu sehen. Ich sah, wie er auf der High School mal fünf Touchdowns in einem Spiel gefangen hat."

Mit Hutson gewann die Crimson Tide zweimal den Rose Bowl. Und in Alabama kam Hutson auch auf die wegweisende Idee, Routes zu kreieren, also geplante Laufwege für einen Receiver. Diese dachte er sich zusammen mit Halfback Dixie Howell aus, der damals meist die Pässe auf Hutson warf - von Quarterbacks war noch keine Rede.

Welche Routes das genau waren, wusste Hutson indes in einem Interview mit Sports Illustrated in den 90er Jahren allerdings nicht mehr. Doch: "In Green Bay war die erste Route, die wir gelaufen sind, die Down-and-out und die Down-out-and-back-in." Zudem prägte Hutson die sogenannte "Chair"-Route, die man heute wohl am ehesten als "Slugo", also Slant and Go, bezeichnen würde. Auch könnte man sie als frühe Form des "Double Moves" bezeichnen. Hutson lief an, täuschte einen Cut nach innen - oder außen - an und nahm dann wieder den Sprint Richtung Endzone auf.

Ein Manöver, das für den herkömmlichen Cornerback nur schwer zu verteidigen war in der damaligen Zeit, denn Hutson war schnell - er lief die 100 Yards - die Länge des Spielfelds - in 9,7 Sekunden.

Don Hutson kam er widerwillig zum Football

Nach einem kurzen Baseball-Intermezzo entschied sich Hutson dann doch dazu, professionell Football zu spielen. Und das, obwohl er "gar nicht über Profi-Football nachdachte", denn "man schrieb darüber nicht mal in den Tageszeitungen".

In der NFL war er trotzdem so beliebt, dass ihn gleich zwei Teams verpflichteten. Die Brooklyn Dodgers und Green Bay Packers hatten beide zur gleichen Zeit gültige Verträge eingereicht. Der damalige NFL-Präsident Joseph Carr entschied daraufhin, dass die Packers den Zuschlag bekamen, weil Hutson dort früher anfangen sollte.

Bevor Hutson dann mit seiner Dominanz auf dem Platz begann, setzte er zunächst Maßstäbe auf finanzieller Ebene: Die Packers zahlten die damals sagenhafte Summe von 300 Dollar pro Spiel! "Das war bei weitem mehr als die Packers jemals einem Spieler gezahlt hatten", verriet Hutson Jahrzehnte später: "Jede Woche haben sie mir je zwei Schecks über 150 Dollar von zwei verschiedenen Banken gegeben, damit keiner erfuhr, wie viel ich verdiente."

Letztlich war Hutson jeden Cent wert. Schon in seinem ersten Spiel zeigte er seine Wichtigkeit: In Woche 2 gegen die Chicago Bears 1935 fing Hutson als erste Aktion überhaupt einen 83-Yard-Touchdown-Pass von Halfback Arnie Herber - es war der einzige Score beim 7:0-Sieg.

Mit Herber, den Hutson einen "großartigen Passgeber" nannte, revolutionierte er schließlich das Passspiel der NFL. Alles unter der Führung von Head Coach Curly Lambeau, der diesen neuen Stil zusätzlich befeuerte. Jener gilt als einer der Architekten des Passspiels.

Don Hutson - Split End der Green Bay Packers

Hutson spielte fortan als Split End, eine Rolle, die es so noch nicht gab. Anstatt wie ein herkömmlicher End direkt neben der Offensive Line postiert, stand er weit vom Offensive Tackle entfernt nahe der Seitenlinie. Also dort, wo heute ein Wide Receiver aufgestellt ist. Eine Revolution!

Auf dieser Position kam dann Hutsons Kreativität zum Tragen. Er etablierte den "Quit"-Move, den Hutson als "Stop-and-Go" bezeichnete. "Den haben wir erfunden", erinnerte sich Hutson. Auch das ist gewissermaßen ein Vorgänger des "Double Moves".

Lambeau war es auch, der den Wert von Spezialisten erkannte - wenn auch seinerzeit in eingeschränkter Form. Damals war es üblich, dass Spieler sowohl offensiv als auch defensiv spielten. Aufgrund seiner Physis (1,86 m, 84 kg) sollte er eigentlich Defensive End spielen - also als Antwort auf den offensiven End des Gegners.

Das jedoch hätte viel Kraft gekostet, sodass Lambeau letztlich Larry Craig im Jahr 1939 verpflichtete. Ein Blocking Back in der Offense. Defensiv übernahm er den End-Job von Hutson, der sich dann als Safety etwas schonen durfte. "Das war großartig für mich", sagte Hutson: "Hätte ich sonst Bronko Nagurski tacklen sollen, wenn wir gegen die Bears gespielt hätten? - Er hätte mich überrannt." Nagurski freilich war ein kräftiger Fullback, der knapp 20 Kilogramm mehr auf die Waage brachte als Hutson.

Hutson setzte stattdessen neue Maßstäbe. Im Laufe seiner elfjährigen NFL-Karriere stellte er diverse Receiving-Rekorde auf und beendete seine Karriere schließlich mit 99 Touchdown-Receptions sowie zahlreichen Saisonbestmarken, die über Jahrzehnte hinweg bestand hatten. Erst Leute wie Steve Largent (Seattle Seahawks) und schließlich Jerry Rice brachen einige von Hutsons Rekorden.

Green Bay Packers: Drei Championships mit Don Hutson

Darüber hinaus gewannen die Packers in Hutsons Zeit drei NFL Championships, Hutson selbst wurde zweimal zum MVP gewählt, schaffte es viermal in den Pro Bowl und acht Mal ins All-Pro-Team.

Hutson ist zudem laut Ron Wolf, dem einstigen General Manager der Packers, "sicherlich der größte Spieler in der Geschichte dieser Franchise", denn "in der Ära, in der er spielte, war er der dominierende Spieler des Sports".

Und er war so etwas wie der direkte Vorfahre von einer anderen Packers-Legende namens Brett Favre, wenn es darum geht, seine Karriere zu beenden. Wie Favre rund 60 Jahre später erklärte Hutson Anfang der 40er Jahre des Öfteren seinen Rücktritt, nur um dann doch wieder zum Team zurückzukehren. Dabei ging es ihm mehr um die eigene Gesundheit als um nachlassende sportliche Leistungsfähigkeit: "Ich habe versucht aufzuhören, bevor ich getötet werde", sagte Hutson Sports Illustrated offen.

Hutsons Bedeutung für den Sport ist schier unermesslich, wenn man sich die Entwicklung des Spiels in den vergangenen 70 Jahren anschaut. Umso bemerkenswerter ist es, dass Hutson gar nicht so erpicht darauf war, das Spiel zu spielen. Sein Traum war es schon zu College-Zeiten, ein eigenes Unternehmen zu führen. Er war zudem der einzige Spieler im Footballteam, der Wirtschaft studierte.

Das ging so weit, dass er zu seiner Studienzeit zusammen mit Bryant einen Waschsalon in Tusculoosa/Alabama betrieb, "Captain Kidd Cleaners". Da keiner von beiden jedoch wirklich Ahnung vom Waschen hatte, verkauften sie den Laden nach zwei Jahren wieder.

Hutson als Businessman: Waschsalon, Bowlingbahn und Autohäuser

Einen weiteren Business-Anlauf startete Hutson dann in Green Bay. Er eröffnete das "Packer Playdium", eine Bowlingbahn. Damit war Hutson so erfolgreich, dass er sogar darüber nachdachte, die Footballkarriere zu beenden und sich komplett auf die Bowlingbahn zu konzentrieren.

Wirklich Geld machte er schließlich mit seinen Autohäusern in Racine/Wisconsin, wo er sowohl Chevrolet als auch Cadillac anbot. "Ich habe Autos nie als Ziel gesehen. Das war einfach etwas, das mir zufällig in den Schoß gefallen ist. Ich wollte einfach nur ein Geschäft führen, irgendein Geschäft."

Dieser Teil seines Lebens begann Anfang der 50er Jahre, zuvor jedoch verabschiedete sich Hutson, der nie ein Spiel verletzungsbedingt verpasst hatte, mit einer rekordträchtigen letzten Saison 1945. Hutson trug sich wohl auf immer und ewig in die Geschichtsbücher ein mit seinem 29-Punkte-Viertel gegen die Detroit Lions.

Die Packers gewannen mit 57:21 und Hutson zerstörte Detroit im Alleingang im zweiten Viertel. Er erzielte vier Touchdowns und kickte fünf Extra-Punkte. Kein Spieler hat jemals mehr Punkte in nur einem Viertel erzielt.

Don Hutson erzielte 29 Punkte in einem Viertel

"Nun, es herrschte starker Wind und genau in die Richtung der Endzone. Man konnte den Ball keine 20 Yards in die andere Richtung werfen. Aber das haben die Verteidiger nicht in ihre Köpfe bekommen, das war alles", blieb Hutson angesprochen auf diese Partie bescheiden.

Nach Ende seiner Karriere wurde Hutson die große Ehre zuteil, ein Mitglied der Gründungsklasse der Hall of Fame zu sein - und zwar in der College und der Pro Football Hall of Fame!

Eine angemessene Wertschätzung für einen, der das Spiel revolutionierte.

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