Nie unser Boris

“Der Spieler” soll laut Titel in dieser Doku im Vordergrund stehen, doch es geht wie immer um das Gesamtpaket Boris Becker. Denn nur an Tennis denkt bei seinem Namen niemand. Und so nutzt Becker selbst den Film, um ein paar Dinge klarzustellen.

Happy Birthday, Boris Becker. Unsere, pardon, eine Tennislegende wird 50 Jahre alt. Das erste Geschenk? Zwei Tage zu früh zwar, aber dennoch sehr charmant: Eine XXL-Dokumentation in der ARD. Eine TV-Kritik von Cord Sauer.

Von Leimen nach Wimbledon, über Monte Carlo und New York rein in den ganz großen Tenniszirkus. Die frühen Stationen im Leben von Boris Becker, sie stehen exemplarisch für eine beispiellose Karriere. Eine Karriere, der man standesgemäß ein großes Denkmal gebaut hat im Heimatland des Stars, Deutschland. Wäre da nicht das Problem mit dem Denkmalschutz.

Man kann sich diesem einen Eindruck einfach nicht erwehren: Boris Becker hatte alles, aber vielleicht war das auch irgendwie zu viel. Die Zeit nach seinem Karriereende? Immer wieder geprägt von Negativschlagzeilen. Affären, Steuerprozess, Trash-TV, gesundheitliche Probleme, Medienkrieg, finanzielle Schwierigkeiten. Mit anderen Worten: Das Denkmal hat ganz schön was abbekommen in den letzten Jahrzehnten.

 

Früher Volksheld und heute? „Who is this guy?“

Boris Becker erzählt von seinem Leben. Er spielt die Hauptrolle – als eine Art tragischer Held. All die Erfolge, all der Ruhm schön und gut. Aber: „Seit über 30 Jahren lebe ich öffentlich, dafür zahlt man einen Preis“, sagt er und wirkt dabei wie ein angeschlagener Boxer in der neunten Runde. Ein bisschen ist noch zu gehen, aber das alles wirkt in Teilen doch wie ein riesengroßes Missverständnis.„Unser Bobbele“, ein Nationalheld, der nie jemandem gehören wollte. Der nie „unser Bobbele“ sein wollte.

Beckermania. Während die Doku immer wieder im ewig Gestrigen schwelgt und Wegbegleiter wie Ex-Coach Günther Bosch, Ex-Manager Ion Tiriac, die Schwester oder Jugendfreunde zu Wort kommen lässt, so zeigt sie auch eindrucksvoll die verletzliche, die hochsensible Seite des Superstars. Erwartungsdruck. Öffentlichkeit. Die im Sommer 2017 aufkommenden Schlagzeilen über eine mögliche Insolvenz belasten ihn: „Ich würde gern nie wieder in der BILD stehen, nie wieder auf irgendeinem Sender zu sehen sein. Aber ich habe die Wahl nicht.“

Neue Aufgaben, neues Leben

Dabei muss Becker für seine jüngsten beruflichen Stationen mehr als geschätzt werden. Novak Djokovic holte ihn 2013 als Coach zurück auf die ganz große Tennisbühne, es folgte das Engagement als Eurosport-Experte – eine Rolle, die Becker seither grandios ausfüllt. Im Spätsommer dann die neue Rolle als Head of Men’s Tennis für den Deutschen Tennisbund. Ehrenamtlich. Die Boulevardpresse kümmert all das herzlich wenig. Ist der jetzt pleite oder nicht?

Und so wird hoch oben am Becker-Denkmal akribisch weiter gebastelt. Es wird beschädigt, repariert, ausgebessert. Derweil steht der, dem es gewidmet ist, weiter unten mit eigenem Werkzeug und und probiert auf Knöchelhöhe, die Säge anzusetzen. Das wird so nicht funktionieren, möchte man ihm zurufen. Aber er will das nicht hören, er braucht unseren Ratschlag nicht. „Ich war noch nie euer Boris, noch nie“, sagt Becker gen Ende der Doku überzeugt und beinahe mahnend direkt in die Kamera.

Es ist ein Appell, der schnörkellos in das Wohnzimmer der Zuschauer dringt. Vermutlich aber vergebens. Das Denkmal bleibt. Ebenso wie der ewige Wunsch nach Privatsphäre.

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