Niedrigwasser im Rhein birgt Risiko für die deutsche Wirtschaft: Der Nachschub stockt und bringt ausgerechnet die Stromproduktion ins Wanken

Der Rhein in Köln im Juli 2022 - Copyright: Getty Images
Der Rhein in Köln im Juli 2022 - Copyright: Getty Images

Die deutsche Wirtschaft wackelt. Lieferengpässe, steigende Kosten und Zinsen, Arbeitskräftemangel und die enormen Risiken in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine haben nicht nur die Erholung nach der Corona-Krise weitgehend zunichtegemacht. Viele Experten erwarten sogar, dass Deutschland eine Rezession droht, die Wirtschaft also schrumpft. Nun kommt ein großes Risiko hinzu: die anhaltende Trockenheit. Der Wasserstand im Rhein ist ungewöhnlich früh im Jahr so niedrig, dass es Einschränkungen für die Schifffahrt gibt. Das hat Folgen für Unternehmen, Kraftwerke und die gesamte Wirtschaft.

Der Verband der Binnenschiffer warnt bereits: „Das aktuelle Niedrigwasser behindert in zunehmendem Maße die Güterschifffahrt in Deutschland“. Die Schifffahrt zähle beim Transport von Kohle, Getreide, Futtermitteln, Baustoffen, Mineralöl, Containern und Industrie-Rohstoffen zu den "systemrelevanten Größen". Wegen der sinkenden Wasserstände, insbesondere an Rhein, Elbe und Donau, können Schiffe nur noch einen Teil der sonst üblichen Ladung mitnehmen, um nicht auf Grund zu laufen.

Beispiel Kohle: Am Donnerstag warnte der Energiekonzern Uniper, dass der niedrige Wasserstand den Nachschub für das Kohlekraftwerk Staudinger 5 in Hessen gefährde. Es drohe eine Drosselung der Stromproduktion. Aufgrund begrenzter Kohlevorräte könne es bis zum 7. September zu Unregelmäßigkeiten im Betrieb des 510-Megawatt-Kraftwerks kommen. Staudinger ist das größte Kraftwerk in Hessen.

Die Probleme der Binnenschifffahrt sind ein Risiko für die gesamte deutsche Wirtschaft. Darauf weisen die Ökonomen der Deutsche Bank Research hin. Sie erinnern an das Dürrejahr 2018. Damals habe der Stillstand der Binnenschifffahrt zu einem Verlust von 0,2 Prozentpunkten Wirtschaftswachstum geführt. In diesem Jahr könne das Niedrigwasser aufgrund der angespannten Gesamtlage vor allem bei der Energieversorgung einen noch stärkeren negativen Einfluss haben.

Der Wasserstand des Rheins an der wichtigen Messstelle Kaub sei mit 61 Zentimetern (3. August) zwar noch deutlich über dem niedrigsten Stand 2018 mit damals 25 Zentimetern. Er sei aber bereits jetzt so niedrig, dass Schiffe Ladung reduzieren müssen.

Normalerweise würden niedrige Wasserstände erst gegen Ende des Sommers oder im frühen Herbst auftreten. "In diesem Jahr nehmen die Probleme bereits im Juli zu", schreiben die Ökonomen.

Ausgerechnet jetzt stockt der Nachschub für Kohlekraftwerke

In Deutschland wurden 2020 rund vier Prozent aller Güter über Wasserstraßen transportiert, deren wichtigste der Rhein ist. Aktuell ist die Bedeutung der Binnenschifffahrt aber größer. Nach Daten aus dem April 2022 machten Kohle und Koks, Gas, Rohöl und Ölprodukte rund 30 Prozent aller Güter aus, die über Deutschlands Flüsse transportiert wurden.

Für den Plan, den Ausfall von Gaslieferungen aus Russland durch mehr Strom aus Kohlekraftwerken auszugleichen, ist besonders der Rhein von großer Bedeutung. Ein Großteil der benötigten Steinkohle wird aus den Häfen Amsterdam, Rotterdam oder Antwerpen über den Rhein nach Deutschland transportiert. Nach Angaben der Unternehmen reichten die Kohlereserven bei den meisten Kraftwerken nur aus, um etwa eine Woche lang die Stromerzeugung unter Vollast zu gewährleisten.

Neben den Problemen beim Nachschub von Kohle und anderen Gütern bringen niedrige Wasserstände im Rhein weitere Probleme mit sich. Viele Unternehmen an Flüssen wie dem Rhein sind darauf angewiesen, dem Fluss Wasser zu entnehmen, vor allem für die Kühlung. Sinkt der Wasserstand, dürfen sie weniger Wasser entnehmen und dürfen es auch nur zu niedrigeren Temperaturen wieder einleiten.

Die Ökonomen der Deutschen Bank weisen dann noch auf ein besonderes Risiko niedriger Wasserstände hin: "Wenn es unter den gegebenen Umständen einen Unfall gibt und ein Schiff den Fahrkanal blockiert, wären die Folgen viel ernster als in normalen Zeiten."

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