No words, all love? Keshas atemberaubende Grammy-Performance lässt tief blicken

Kesha legte bei den Grammys 2018 einen unglaublich kraftvollen Auftritt hin. (Bild: AP Images)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Es war einer der Gänsehaut-Momente der diesjährigen Grammy-Verleihung: Umringt von anderen Sängerinnen wie Camila Cabello und Cyndi Lauper performte Kesha ihren Song “Praying”. Der emotionale Auftritt, an dessen Ende sich die Künstlerinnen in den Armen lagen, war nicht nur ein musikalischer Höhepunkt des Abends. Es war auch das starke Statement einer Gruppe von Frauen, die sexueller Gewalt den Kampf ansagen. Was genau hinter dem musikalischen Befreiungsschlag von Kesha steckt, in welcher Weise sie persönlich betroffen ist, wurde während der Grammys aber mit keinem Wort erwähnt – andernfalls wäre die Veranstaltung weitaus finsterer, aber auch ehrlicher gewesen.


Bei Keshas Grammy-Performance ging es im Grunde darum, das gesamte System der Musikindustrie zu verurteilen, wie Caroline Framke, Autorin der News-Website Vox.com, treffend feststellte. Denn: Keshas Song ist eine Anklage. Eine Anklage gegen den Musikproduzenten Lukasz Gottwald alias Dr. Luke, gegen den sie 2014 wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht zog. Den Prozess verlor sie. Mehr noch: Sie durfte nicht aus dem Vertrag mit dem von Dr. Luke gegründeten und zu Sony Music gehörenden Plattenlabel Kemosabe Records aussteigen, der die Produktion von insgesamt fünf Album vorsieht.

Keshas Song: eine Anklage gegen den Musikproduzenten Lukasz Gottwald alias Dr. Luke (Bild: Tonya Wise/Invision for ASCAP/AP Images)

Man stelle sich das mal vor: Eine Frau zieht in einem Vergewaltigungs-Prozess vor Gericht und muss anschließend auch weiterhin zum Profit ihres mutmaßlichen Peinigers beitragen.

Unabhängig vom juristischen Ausgang: Wie um alles in der Welt kann ein Plattenlabel mit Milliarden-Umsätzen so etwas von der Künstlerin verlangen? Dass Sony so gnädig war, ihr für die kommenden Alben einen anderen Produzenten als Dr. Luke in Aussicht zu stellen, ändert nichts an der perfiden Situation.

Kesha musste sich beugen und veröffentlichte im August 2017, fünf Jahre nach ihrer letzten Platte, ihr drittes Album “Rainbow”, auf dem sich auch der Track “Praying” befindet. Die Widrigkeiten, unter denen die gefeierte, dezidiert feministische Platte und damit auch der bei den Grammys performte Song entstanden, werfen ein erschreckendes Bild auf ein Business, das trotz aller symbolträchtigen Kritik gefeiert und nicht verurteilt werden will, während der wichtigste Musikpreis des Jahres verliehen wird. Dabei wäre solch ein Abend die perfekte Gelegenheit gewesen, um einem Millionenpublikum vor den Bildschirmen die eigentliche Bedeutung von Keshas Auftritt zu erklären und damit die Abgründe einer Industrie vor Augen zu führen, die sich im Zweifelsfall für den Profit entscheidet.

Nach Keshas umjubelter Performance wollte sich Sony Music trotz allem wohl solidarisch zeigen und twitterte “No words. All love. #GRAMMYs”, begleitet von einem GIF des Auftritts. Fast so, als wolle man auf einen Zug aufsteigen, den man selbst zum Entgleisen bringt. Haben die dann wohl auch gemerkt. Kurze Zeit später wurde der Tweet wieder gelöscht.

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