Nobelkarossen-Imperium: Historische Fotos von Kölner Auto-Pionier Bleissem aufgetaucht

Willy Bleissem eröffnete in Köln den ersten unabhängigen Autohandel.

Die Fotos drücken den Stolz des Geschäftsmanns auf das Erreichte aus und geben seltene Einblicke in das Kölner Arbeitsleben lange vor dem Zweiten Weltkrieg.

Hier die schmutzigen Werkstätten mit Monteuren in verölten Overalls, dort die akkuraten kaufmännischen Büros mit ihren Tintenfässern, Kalenderblättern und Stempelkarussells. Und schließlich die herrschaftliche Gestalt Willy Bleissems – Rennfahrer, Wirtschafts-Funktionär, Villen-Besitzer in Marienburg und Gründer von Kölns und sogar ganz Deutschlands erster unabhängiger Automobil-Handlung.

Horst Nordmann kümmert sich eigentlich um die Geschichte der Motor- und Fahrrad-Szene, die bis in die 1940er Jahre in Köln pulsierte wie kaum eine andere Branche. Mit Autos hat er eigentlich nur am Rande zu tun.

Als ihm ein Antiquitätenhändler vor kurzem die Sammlung mit bis zu 100 Jahre alten Aufnahmen aus dem Reich von Willy Bleissem anbot, konnte Nordmann jedoch nicht widerstehen und zahlte einen beträchtlichen Betrag für den Schatz aus 200 Schwarz-Weiß-Fotografien. „Die Fotos wären sonst versteigert und in alle Welt verstreut worden, dann wären sie unwiederbringlich aus Köln verschwunden“, sagt Nordmann.

Bleissem war eine rheinische Frohnatur

Willy Bleissem übernahm 1910 die General-Vertretung für Adler-Automobile für den Kölner Bezirk. Dafür gründete der erst 25-jährige Kaufmann seine eigene Firma: die „Adler Automobil Verkaufsgesellschaft“. „Bleissem ist beschrieben worden als typischer Rheinländer, der dem Frohsinn immer zugewandt war“, sagt Nordmann.

Aber der Freund der berühmten Rennfahrerin Clärenore Stinnes hatte auch eine „Bombenidee“. Kümmerten sich die Frankfurter Adlerwerke bis dato selbst um die Vermarktung ihrer luxuriösen Autos, tat Bleissem dies nun auf eigene Rechnung. „Alle haben davon profitiert“, sagt Horst Nordmann: „Die Adlerwerke konnten sich auf die Produktion konzentrieren, und der Händler hat viel verdient durch den Verkauf und die Reparaturen.“

Schnell sprach sich das innovative Geschäftsmodell herum, Nachahmer fanden sich reichlich. 1927 gründete Bleissem die „Adler-Vertreter Vereinigung“.

Bleissem baute ein kleines Imperium aus noblen Verkaufsräumen und Werkstätten auf. 1911 eröffnete er zunächst ein Ausstellungslokal an der Venloer Straße 23 und eine Werkstatt an der Bismarckstraße. Später folgten Werkstätten an der Antwerpener Straße, an der Aachener Straße und an der Venloer Straße 217.

In der Nähe, an der Piusstraße 22-24, ließ Bleissem in den 1920er Jahren zudem einen riesigen Garagenhof errichten, von dem heute immerhin noch hohe Außenmauern zu sehen sind. Der Rest ist verschwunden und zum Wohngebiet mutiert.

Luxuriöse Autos nach individuellen Wünschen

Verkauften die Adlerwerke zunächst komplette Fahrzeuge, stellte Bleissem das Konzept schnell um. Er ließ sich fortan die nackten Fahrgestelle aus Frankfurt liefern und in Köln nach den Wünschen der Kunden Aufbauten montieren, die er von den zahlreichen Karosserie-Schmieden der Stadt bezog. Zunächst gestaltete sich das Geschäft schwierig, denn die Automarke Adler war in Köln kaum bekannt. Doch nach dem Ersten Weltkrieg ging es stetig bergauf.

Das Unternehmen hatte zunächst viel damit zu tun, militärische Fahrzeuge in zivile zurückzuverwandeln. Aber auch sonst stieg der Absatz seiner Autos, die Bleissem in schicken Verkaufsräumen am Hohenzollernring und am Kaiser-Wilhelm-Ring präsentierte.

Ab 1925 mietete er sich auch für einige Jahre im damals nagelneuen Hansa-Hochhaus ein, eines von Deutschlands ersten Hochhäusern und kurzzeitig das höchste Gebäude des gesamten Kontinents. „Dort war Bleissem der erste Mieter überhaupt“, sagt Nordmann: „Aber er blieb nur bis 1928. Dann ist er wieder ausgezogen, weil es ihm zu teuer wurde.“

Die Rahmenbedingungen für Bleissems Geschäfte waren oft schwierig. Ein Foto aus dem Jahr 1916 zeigt zwar einen seiner Verkaufsräume mit üppiger Blumendekoration, die Autos allerdings standen auf den blanken Felgen. Die dazu passenden Reifen mussten sich die Kunden selbst organisieren, „denn die Reifenproduzenten waren verpflichtet, sie an die Armee abzugeben“, so Nordmann.

Auch die Inflation galoppierte nach dem Krieg ins Uferlose. Trotzdem erlebte die Firma Bleissem ab 1920 ihren großen Aufschwung.

Gute Zeiten auch nach dem Krieg

Neben den alten Mauern an der Piusstraße in Ehrenfeld ist von der einstigen Verkaufsgesellschaft heute noch ein stattliches Gebäude an der Ecke Kaiser-Wilhelm-Ring/Gereonshof übrig geblieben. Nachdem seine Verkaufsräume im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, baute Willy Bleissem dort nach dem Krieg ein neues Wohn- und Geschäftsgebäude auf.

Dort verkaufte er allerdings keine Adler-Autos mehr, sondern DKW, Magirus und Hanomag. Die Adlerwerke hatten schließlich nach dem Krieg ihre Automobilsparte eingestellt. Für Bleissem jedoch brachen erneut gute Zeiten an. Schon bald gehörten 400 Mitarbeiter zur Firma, Bleissem war damit einer der größten Automobilhändler der Bundesrepublik.

„Als Pionier hat Willy Bleissem in Köln für den Siegeszug des Automobils gewirkt“, jubelte eine Zeitung zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 1960. Der Jubilar stehe noch immer Tag für Tag auf der „Kommandobrücke des Unternehmens“. Vier Jahre später starb der Kölner Automobil-Pionier und trat für immer von der Kommandobrücke ab. Das Autohaus Bleissem blieb jedoch bis in die 1990er Jahre bestehen....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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