Nicht noch ein linker Welterklärer

Max Trompeter
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Nicht noch ein linker Welterklärer

Vom derben Witz zum klugen Kommentar: Micky Beisenherz erklärt, was ihn auf die politische Late-Night-Bühne getrieben hat.

Vom derben Witz zum klugen Kommentar: Micky Beisenherz erklärt, was ihn auf die politische Late-Night-Bühne getrieben hat.

Ein ernstes Gespräch ist nicht unbedingt das, was man von einem Interview mit Micky Beisenherz erwartet. Der 42-Jährige wurde als Dschungelcamp-Autor und Zotenlieferant bekannt, mit blumigen, doch teils derben Schmähung für B-Promis. Beim Interview zu seinem neuen Projekt "Artikel 5" verzichtet er aber auf den schnellen Gag. Zu sehen ist das Format seit Ende Mai beim Streaming-Portal Magenta TV (immer donnerstags), Vorbilder dürften amerikanische Late-Night-Formate wie John Olivers "Last Week Tonight" und "Late Night with Seth Meyers" sein. Beisenherz sitzt an einem Schreibtisch und referiert spitz über mal zwei, mal drei Themen. Über den Begriff "Lügenpresse" beispielsweise, über den Wolf oder China. Unvorstellbar noch vor fünf, sechs Jahren, gibt er selbst zu. Doch: "Über die Jahre stelle ich fest, dass ich immer politischer geworden bin und immer stärker interessiert an der Entschlüsselung gesellschaftlicher Phänomene." So erzählt der Castrop-Rauxeler, welcher Politiker ihn am meisten aufregt, wie klimaverträglich er selbst lebt und warum er kein "Schmähgedicht" plant.

teleschau: Gibt es denn nicht schon genügend linke Welterklärer im deutschen Fernsehen, Herr Beisenherz?

Micky Beisenherz: (lacht) Ich weiß gar nicht, ob ich so links bin. Ich tendiere da eher zu "mittig". Ich halte es für ganz gesund, wenn man nicht erkennbar und hart links ist, wie das vielleicht bei anderen im Fernsehen erscheint.

teleschau: Wer wäre das zum Beispiel?

Beisenherz: "Die Anstalt" im ZDF ist sicherlich sehr links. Aber es geht auch gar nicht so darum, wo jemand steht. Wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen für die Themen, die man besprechen will. Und die nehmen wir uns bei "Artikel 5" definitiv.

teleschau: Egal ob links oder "mittig" - wer in den ersten Folgen auffällig oft sein Fett weg bekommt, ist Innenminister Horst Seehofer.

Beisenherz: Was doch auch naheliegend ist. Dieser Mann und große Teile seiner Partei gaben nicht nur mir in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass, sich gehörig aufzuregen. Öfter als man das über, sagen wir mal, die Grünen sagen könnte. Aber die werden uns auch bald wieder die Chance dazu geben. Wenn Habeck dann Kanzler ist oder zumindest in Regierungsverantwortung gerät, kann ich mich bestimmt auch über ihn das ein oder andere Mal auslassen. Nur, dass dies dann gewiss über andere Punkte sein wird als bei Horst Seehofer.

"Mir geht es um Inhalte"

teleschau: Kann man mit Comedy diesen Herren am besten zu Leibe rücken?

Beisenherz: Es geht mir ja nicht um Politiker-Bashing, sondern vielmehr um Inhalte. Und dabei eignet sich die Pointe als kleine, einprägsame Conclusio. Gleichzeitig dient Humor als Ablenkung, während man das Pflaster abreißt. Und da wäre natürlich auch noch der lindernde Charakter des Witzes. Comedy schafft es sogar, diesen immer verbissener geführten intellektuellen und moralischen Grabenkämpfen, bei denen es scheinbar nur die eine oder nur die andere Seite gibt, eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen. Aber eben nur, wenn man sich die Zeit nimmt, sowohl die eine als auch die andere Seite zu betrachten und in keine Hysterie verfällt. Mich interessieren dabei auch Dinge, die allgemein gültig scheinen. Gerade da lohnt manchmal der Blick unter die Motorhaube.

teleschau: Zum Beispiel?

Beisenherz: Ganz strukturelle Probleme, sprich Lehrermangel, Wohnungsnot oder Clankriminalität. Bei vielen solcher Themen scheinen alle einer Meinung zu sein - es gibt aber auch immer mindestens eine weitere Seite. Und es sind Dinge, die uns noch eine ganze Weile in Deutschland und in der Welt begegnen werden. Genauso wie Donald Trump, der uns offenbar mit einer zweiten Amtszeit beglücken wird. Auch da lohnt mal ein gesonderter Blick.

teleschau: Eröffnen sich den Medienschaffenden überhaupt so viele unterschiedliche Blickwinkel?

Beisenherz: Tatsächlich bewege ich mich in meinem Alltag mehr oder minder elegant in verschiedenen Realitäten - irgendwo zwischen dem Diskurs bei Twitter und dem bei meinem Freund Harry im Pott auf der Terrasse. Da stößt man auf ganz unterschiedliche Befindlichkeiten, auf Unterschiede, aber auch auf Gemeinsamkeiten. Das färbt ab. Manchmal bin ich mehr Twitter, manchmal bin ich mehr Autowerkstatt Castrop-Rauxel. Auch in mir gibt es verschiedene Standpunkte. Und viele Fragen.

teleschau: Diese Fragen scheinen bei Ihnen - auch abseits Ihrer neuen Sendung - vermehrt politischer Natur zu sein.

Beisenherz: So ist es. Das liegt natürlich vor allem an dieser Welt, in der wir leben. In den vergangenen zehn Jahren ist eine eindeutige Politisierung in unserer Gesellschaft zu beobachten. Zuletzt erkannte man das alleine jeden Freitag an den leeren Klassenzimmern. Die Frage ist nur: Was macht man daraus? Ich kann für Greta Thunberg und die demonstrierenden Schüler sein, gleichzeitig aber nächste Woche in den Flieger nach Mallorca steigen.

"Ein kluger Widerspruch ist mir lieber als ein dummer Applaus"

teleschau: Wie gehen Sie persönlich mit diesem Zwiespalt um?

Beisenherz: Ich bin passionierter Bahnfahrer, was aber Masochismus gleichkommt. Was Fleisch angeht, versuche ich mich, sehr bewusst und nachhaltig zu ernähren und auf Massentierhaltung zu verzichten. Keine Plastikflaschen, unterstützen von Hilfsorganisation ... lauter Kleinigkeiten. Die Krux des Ganzen ist ja: Je lauter gebrüllt wird, desto schwieriger ist es für jeden, immer neuen moralischen Standards zu genügen. Nie zufrieden versuche ich mich also, Schritt für Schritt einem Ideal anzunähern, wissend, dass ich die 100 Prozent nie erreichen werde. Trotzdem geht in Sachen Ökologie natürlich einiges voran.

teleschau: An anderen Baustellen dafür weniger.

Beisenherz: Sonst scheint vieles festgefahren, das stimmt. Was auch daran liegt, dass gerade im sozialen Bereich das lautstarke Aufregen oft sehr substanzlos ist. Nicht nur in der Welt der AfD scheint es keine Grauschattierungen zu geben. Auch auf der anderen Seite wird in einem kurzen Tweet die eigene Meinung in die Welt hinaus geblasen und alles andere in Bausch und Bogen abgekanzelt.

teleschau: Trotzdem ist Twitter, wie schon erwähnt, eines Ihrer Lieblingswerkzeuge. Warum das?

Beisenherz: Ach, da haut man auch mal ohne die ganz große Impulskontrolle einen raus, an dem sich die Leute reiben können. Bei Twitter ist allerdings meist interessanter, was im Anschluss entsteht - oft nämlich sehr intelligente Diskurse und für mich der ein oder andere Erkenntnisgewinn. Ich erwarte auch nicht, dass alles, was ich öffentlich äußere, beklatscht wird. Ein kluger Widerspruch ist mir lieber als ein dummer Applaus. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, alles zu wissen, und lasse mir gerne auch mal was von intelligenteren Menschen erklären.

teleschau: Jan Böhmermann hat 2016 mit seinem "Schmähgedicht" über den türkischen Präsidenten Erdogan am ganz großen Rad internationaler Politik gedreht. Ist das für sie vorbildhaft?

Beisenherz: Mit Blick auf das, was nach dem "Schmähgedicht" Jan Böhmermann erfahren musste: Ich habe ein erfülltes und glückliches Privatleben, das ich durch mein berufliches Treiben unbeschädigt lassen will. Von daher ist so etwas nicht zu erwarten. Nein, ich will langfristig durch Qualität überzeugen, mehr als über den kurzfristigen Schockeffekt.

teleschau: Sprechen Sie Jan Böhmermann etwa die langfristige Qualität ab?

Beisenherz: Ganz und gar nicht. Böhmermann ist ein großartiger Unterhalter und einer der kreativsten Köpfe, die es im deutschen Fernsehen gibt. Sowieso brauchte der bestimmt kein "Schmähgedicht", um mittel- bis langfristig Erfolg mit seiner Sendung zu haben.