"Nüchtern und sachlich": Die Welt staunt über Deutschlands Corona-Strategie

Moritz Piehler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.
Corona-News wohin das Auge schaut, doch viele Schlagzeilen über Deutschland sind im Moment in der internationalen Presse sehr positiv. (Symbolbild: Getty)
Corona-News wohin das Auge schaut, doch viele Schlagzeilen über Deutschland sind im Moment in der internationalen Presse sehr positiv. (Symbolbild: Getty)

Überall auf der Welt beherrscht die Pandemie die Schlagzeilen. Die internationale Presse schaut besonders genau auf Deutschland, denn die Corona-Strategie hierzulande gilt als vorbildhaft.

Deutschland ist von der Pandemie trotz hoher Zahlen nicht so schwer getroffen, wie andere Länder. Dafür schaut die ganze Welt mit Anerkennung und Interesse auf das Land und seine Corona-Strategie. Obwohl die nachgewiesenen Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus auch in Deutschland mittlerweile längst 100.000 überschritten hat und die Dunkelziffer noch weit höher liegen dürfte, sind hierzulande die Todesfälle durch das Coronavirus bisher unerwartet niedrig geblieben. Momentan geht das Robert-Koch-Institut von etwas über 3,800 Fällen aus, in denen Menschen durch eine Infektion verstorben sind, die allermeisten litten unter Vorerkrankungen.

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Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern sind das sehr niedrige Zahlen, besonders in Spanien und Italien gab es eine deutlich höhere Quote an schweren und tödlichen Fällen. Dafür gibt es eine Reihe von Erklärungsversuchen. Neben der Altersstruktur der Gesellschaft spielen natürlich auch die Infrastruktur und die Gesundheitssysteme der jeweiligen Länder eine große Rolle. Eine Theorie bezieht sich auch darauf, dass das Virus in Deutschland in der Mehrzahl zunächst von Urlaubsrückkehrern verbreitet wurde, die im Schnitt eher jung waren und sich in entsprechenden Altersgruppen aufhalten. Klar ist allerdings anhand der bisher vorliegenden Zahlen, dass in Deutschland ziemlich wirksame Maßnahmen getroffen wurden und die ganz große Katastrophe, die ein realistisches Szenario war, bisher noch ausgeblieben ist. Dafür erntet die Bundesregierung viel Lob und Aufmerksamkeit aus anderen Ländern.

Das “deutsche Geheimnis“

Der britische Guardian sieht zum Beispiel den Föderalismus als einen Schlüssel zur Deutschen Corona-Strategie. Was am Anfang noch nach lähmender Kleinteiligkeit ausgesehen habe und Angela Merkel machtlos wirken ließ, habe sich schnell als Vorteil herausgestellt. “Deutschland beginnt, die Vorteile davon zu entdecken, wenn Macht aufgeteilt wird, anstatt sie zu zentralisieren,” schreibt die linksliberale Zeitung. Die spanische Zeitung La Vanguardia sieht das “Geheimnis der wenigen Toten” in den ausgiebigen Tests und dem guten Gesundheitssystem. “In diesem von der Ausweitung des Virus überbelastetem Europa sind alle perplex über das einzigartige Geheimnis der Deutschen,” schreibt die Zeitung. Die BBC nimmt die deutsche Strategie direkt als Blaupause für das eigene Land: “Was kann Großbritannien von Deutschland über Testen lernen?” titelte die BBC-Website unlängst.

Im Ausland loben viele Pressestimmen Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihr sachliches und unaufgeregtes Management der Corona-Krise. (Bild: Markus Schreiber/Pool via REUTERS)
Im Ausland loben viele Pressestimmen Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihr sachliches und unaufgeregtes Management der Corona-Krise. (Bild: Markus Schreiber/Pool via REUTERS)

Merkel erntet Lob aus dem Ausland: “sachlich und beruhigend”

Die US-amerikanische Journalistin Katrin Bennhold schreibt in der New York Times über das Deutsche Vorbild: “Es gibt signifikante medizinische Faktoren, die für die niedrige Todesrate verantwortlich sind.” Dazu würden vor allem frühzeitige und weit verbreitete Tests gehören und eine relativ hohe Anzahl an Intensivbetten. Vor allem aber attestiert Bennhold den Deutschen “eine Regierung, der getraut wird und Social Distancing Richtlinien, denen weitestgehend gefolgt wird.” Diese Außeneinschätzung dürfte manchen Deutschen vielleicht überraschen, doch auch die Kanzlerin bekommt von der ausländischen Presse ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt.

Der britische Independent sieht Merkel in der Krise mit ihrer “traditionellen Stärke”, sie bleibe "sachlich und ruhig, eher argumentierend als mitreißend, eine Botschaft, die ins Schwarze trifft." Auch die Washington Post lobt die nüchterne Art der deutschen Politik. Besonders im Vergleich zu Boris Johnson und Donald Trump sei die wissenschaftlich fundierte Analyse und Strategie deutlich erfolgreicher, so die renommierte Post. CNN vergleicht Merkels Vorgehensweise ebenfalls mit der wirren Strategie Trumps. Zwar hätten viele Deutsche sich anfangs gefragt, ob die Kanzlerin der Krise noch gewachsen sei, so die CNN-Analyse, “aber bislang hat das deutsche System standgehalten”. Und Merkel habe die Kontrolle behalten “in ihrer typischen Understatement Art.”

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Auch in Lateinamerika wird aufmerksam nach Deutschland geschaut. Die argentinische Zeitung La Nacíon lobt besonders das schnelle Engagement für Kulturschaffende. Deutschland rettet seine Künstler schreibt die Zeitung aus Buenos Aires "erst jetzt merkt man, wie wichtig die Kunst wichtig ist." Ebenfalls in Argentinien lobt der Clarín die Führung von Angela Merkel: Während viele andere Länder noch die Füße stillgehalten haben, war Merkel die erste leitende europäische Politikerin, die die Gefahr erkannt hat.”

Die ausländischen Pressestimmen sind sich ziemlich einig, zumindest was das interne Vorgehen der deutschen Regierung angeht. Doch wie immer in den Zeiten der Pandemie ist auch das nur eine Momentaufnahme. Kritik gibt es vor allem innerhalb von Europa, wie es mit der Solidarität mit stärker betroffenen Ländern aussieht.

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