Nuveen Barwari: Kunst und Aktivismus zwischen Nashville und Kurdistan

Wir stellen jede Woche Organisationen und Aktivisten vor, die sich für eine besser Welt einsetzen – auf ganz unterschiedliche Weise, aber immer mit Herzblut und Einfallsreichtum.

Nuveen Barwari führt durch ihre Installation "Peace and Protection" an der Tennessee State University (Bild: Nuveen Barwari)

Gute 10.000 Kilometer trennen Dohuk in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak von Nashville im US-Bundesstaat Tennessee. Eine gewaltige Entfernung zwischen zwei Orten, die für die junge Künstlerin Nuveen Barwari gleichermaßen “Zuhause” bedeuten, und die in gewisser Weise ihre Arbeit beherrscht.

Barwari beschäftigt sich mit dem Leben zwischen zwei Kulturen und der Erkundung der eigenen kurdischen Identität. Dabei lotet die Kunststudentin die unterschiedlichsten Medien und Techniken aus, vom Ölgemälde bis zur Digitalkunst, vom Siebdruck bis zur Installation. Mit ihrer beeindruckenden Kreativität und Konzeptstärke hat sie in der lebendigen Kunstszene Nashvilles und darüber hinaus bereits einige Aufmerksamkeit erregt.

Barwari arbeitet mit den verschiedensten Medien (Bild: Nuveen Barwari)

Ihre Arbeiten haben dabei stets auch einen politischen Charakter, Kunst und Aktivismus sind für sie kaum zu trennen. In den letzten Jahren ging sie etwa für das kurdische Unabhängigkeitsreferendum vom Irak und gegen den türkischen Einmarsch in das westkurdische Afrîn auf die Straße oder setzte sich für die Einführung von Kurdisch-Unterricht in Nashville ein - natürlich immer auch mit ihren kreativen Mitteln. “Kurdisch zu sein zwingt einen gewissermaßen dazu, politisch zu sein, weil die Politik sich so gravierend auf unsere Zukunft auswirkt”, erklärt Barwari Yahoo Nachrichten.

Zeugnis davon legt auch ihre Familiengeschichte ab, die sie immer wieder in ihren Werken aufgreift, und die entscheidend durch einen der tragischen Momente der kurdischen Geschichte geprägt wurde. In den 1970ern kämpfte Barwaris Vater bei den Peschmerga Mustafa Barzanis gegen die Truppen der irakischen Regierung unter Saddam Hussein. Die damaligen Hoffnungen auf ein freies Kurdistan zerschlugen sich 1975 mit dem Abkommen von Algiers zwischen Iran und Irak, durch das Barzani die Unterstützung des Schah und der USA verlor und der kurdische Widerstand zusammenbrach. Wie viele andere musste auch die Familie Barwari vor Saddams Armee fliehen, erst in den Iran, 1977 dann nach Nashville, wo ein Jahr zuvor eine erste Gruppe von Einwanderern den Grundstein für eine kurdische Community gelegt hatte, die heute als die größte der USA gilt.

Durch das Kolorieren alter Fotos macht Barwari die Vergangenheit lebendig (Bild: Nuveen Barwari)

Nuveen Barwari, die als jüngstes Kind der Familie Jahrzehnte später in Nashville geboren wurde, macht diese Geschichte gegenwärtig, indem sie Familienfotos aus dem Irak und den Anfangsjahren in Nashville per Hand koloriert. Ein anderes, immer wiederkehrendes Motiv sind Teppiche, wie man sie in jedem traditionell eingerichteten kurdischen Haushalt findet - und in Barwaris Installationen. Für die Künstlerin stellen sie eine unmittelbare Verbindung in die Vergangenheit dar: “Die Teppiche sind alle gebraucht, deshalb sind immer noch Hautpartikel und DNA darin, was mir dabei hilft, das Thema der Identität zu untersuchen”, erklärt Barwari. Dazu kommt ein hoher Symbolwert: “Teppiche sind dicht und schwer, so wie die kurdische Geschichte”. Für ihre Kunst kann das vollen Körpereinsatz bedeuten: “In einer Performance habe ich den Teppich herumgetragen, auf dem ich aufgewachsen bin. Es hat sich angefühlt, als würde ich all diese Lasten mit mir tragen, nicht nur die physische, sondern auch die emotionalen.”

Doch neben dieser schicksalhaften Schwere steht der Teppich auch für Geborgenheit: “Ich verwende den Teppich in meiner Arbeit oft, um das Zuhause zu repräsentieren und ich habe viele damit experimentiert, dass ich einen Teppich an einem beliebigen Ort platziere und dann meine Schuhe ausziehe und mich hinsetze. Wenn du im Freien einen Teppich ausrollst und dich darauf niederlässt, wird die ganze Welt zu deinem Wohnzimmer. Für den Bruchteil einer Sekunde fühlt sie sich wie Zuhause an, das ist echt verrückt.”

Die innere Zerrissenheit zwischen ihren beiden Heimaten schlägt sich in Barwaris Installationen oftmals drastisch nieder: Auch die Teppiche werden zerrissen, zerschlissen oder zerschnitten. “Wenn ich diese Teppiche zerschneide, symbolisiert das die Diaspora und wie wir uns hin- und hergerissen fühlen zwischen zwei Orten, die wir Zuhause nennen”, erklärt Barwari und schildert ihre eigenen Erfahrungen: “Ich habe von der 6. bis zur 11. Klasse in Kurdistan gelebt, dort bin ich praktisch aufgewachsen. Das waren sehr wichtige Jahre für mich, Dohuk wurde mein Zuhause und als ich für das letzte High-School-Jahr und das College in die USA zurückgekehrt bin, habe ich mich sehr fremd gefühlt.”

Teppiche sind ein zentrales Motiv in Barwaris Werk (Bild: Nuveen Barwari)

Eine weitere Verbindung nach Kurdistan stellt die Sprache als Identitätsstifterin dar. Ihr zollt Barwari unter anderem mit einer Kollektion von T-Shirts Tribut, die sie über den Online-Shop ihrer Webseite “fufucreations.com” vertreibt. Im Mittelpunkt der Designs stehen zumeist ihre Interpretation des Peace-Symbols, das sie mit der Sonne aus der kurdischen Flagge kombiniert, und das kurdische Wort für “Frieden”, “Ashti”. In Zeiten, in denen über die Kurden nahezu ausschließlich im Zusammenhang mit Kriegen berichtet wird, hofft die Künstlerin, möglichst oft diesen Dialog anzustoßen: “Was steht auf deinem Shirt?” - “’Ashti’, das bedeutet ‘Frieden’ auf Kurdisch”. “Es ist eine Einführung für Menschen, die vielleicht nicht wissen, wer die Kurden wirklich sind: Dass wir ein Volk des Friedens sind.”

Ein Foto aus der Serie "Preserving The Kurdish Culture In Nashville" (Bild: Robert Nguyen)

Die Motive fanden auch in der kurdischen Heimat Anklang: 2018 waren Barwaris T-Shirts durch die Vermittlung von Popsängerin Dashni Morad auf dem Laufsteg der Kurdistan Fashion Week zu sehen. “Das war ein großartiger Moment”, schwärmt die junge Künstlerin. “Es war wie das Gütesiegel aus dem Mutterland, die Bestätigung, dass meine Arbeit hier bedeutsam ist.”

Denn Barwari sieht ihr Schaffen als Beitrag zum kurdischen Nation Building. “Ich denke, wir Künstler sind alle Erbauer von Nationen und Kulturen. Aber bei kurdischen Künstlern muss man das noch etwas wörtlicher nehmen”, führt sie aus und verweist auf David McDowall, der ein Standardwerk zur jüngeren kurdischen Geschichte geschrieben hat. Darin schreibt er den Künstlern die Aufgabe zu, die vielfach zersplitterten Kurden überhaupt erst davon zu überzeugen, sich jenseits von Stammes- und Religionszugehörigkeiten als ethnische Gruppe zu definieren.

Aus diesem Grund würden gerade Künstler auch von den verschiedenen Regimes, die über kurdische Minderheiten herrschten und herrschen, als Gefahr angesehen und verfolgt. Barwari erinnert etwa an den Musiker Mihemed Şêxo, der in Syrien wie auch im Iran politisch verfolgt wurde, weil er auf Kurdisch sang, oder an Saeed Gabari, der von den Folterern des Saddam-Regimes vor eine grausame Entscheidung gestellt wurde: Er musste wählen, ob ihm die die Zunge oder die Augen genommen werden sollten. Er wählte die Augen und singt bis heute seine Lieder. “Das sind die Künstler und Erbauer einer Nation, zu denen ich aufblicke”, sagt Nuveen Barwari. “Künstler sind diejenigen, die keine Angst davor haben, die Menschen in ihrer Lebens- und Denkweise herauszufordern.”

Diese Haltung will Barwari auch einer jüngeren Generation vermitteln: Schon neben dem Studium gibt sie Kurse zum Thema “Arts and Activism” für Kinder und Jugendliche. Dabei stellt sie zunächst die eigene Arbeit vor und regt ihre Schüler so dazu an, sich kreativ mit den Themen auseinanderzusetzen, die für ihr eigenes Leben wichtig sind. Im Unterrichten sieht sie auch ihre Zukunft: Noch hat sie ein dreijähriges Masterstudium an der University of Tennessee vor sich, danach will Nuveen Barwari als Kunstlehrerin nach Kurdistan zurückkehren und irgendwann ihr eigenes Zentrum für Kunst und Aktivismus gründen. “Ich werde einfach nur machen, machen, machen.” Und weiter an der kurdischen Nation bauen.