Ökonom warnt: "Unsere Kinder und Enkel werden ein schweres Leben haben"

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Der Club of Rome sah schon vor Jahrzehnten einen Kollaps voraus, der die Welt in der Mitte des 21. Jahrhunderts treffen würde. „Mittlerweile ist es fünf Sekunden vor zwölf“, sagt der ehemalige Generalsekretär der Organisation, Graeme Maxton. Mit seinem Buch „Change – Warum wir eine radikale Wende brauchen“ versucht der Ökonom all jene aufzurütteln, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben.

Die Folgen des Klimawandels sind heute schon dramatisch. Doch es wird noch viel schlimmer. (Bild: Getty Images)

Die Zahl, ab der es auf der Erde richtig ungemütlich wird, lässt sich klar benennen: Wird es auf der Erde zwei Grad heißer als es vor der Industrialisierung war, löst das eine Kettenreaktion aus, deren Ausmaß man sich gar nicht vorstellen möchte. Graeme Maxton beschreibt sie so: „Der Permafrost in Russland und Kanada wird viel schneller schmelzen als heute und setzt das darunter befindliche CO2 frei, das sich seit Zehntausenden Jahren darunter befindet. Das wird die Erderwärmung dramatisch beschleunigen.“

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Während Eis Wärme reflektiert, wird sie vom Wasser absorbiert, was den Prozess weiter beschleunige. Durch die höheren Temperaturen werden große Teile der Regenwälder absterben, wodurch noch mehr CO2 in die Atmosphäre gelangt. Dass sich die Veränderung des Klimas über Jahrzehnte hinziehen wird, ist für Maxton kein Trost, denn: „Wenn das erst einmal in Gang gekommen ist, können wir nichts mehr tun. Dann wird die Erde so heiß, dass sie für viele Lebewesen, darunter den Menschen, nicht mehr bewohnbar ist.“

Graeme Maxton äußert sich besorgt zum Klimawandel (Bild: Club of Rome)

1,5 Grad sind heikel, 2 Grad sind katastrophal

Als ehemaliger Generalsekretär der international besetzten Organisation Club of Rome, die sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschen einsetzt, beschäftigt sich Maxton seit Jahren mit dem drängenden Problem der Klimaerwärmung. Seit dem Beginn der Industrialisierung hat sich die Erde um 1,2 Grad erhöht. Laut IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) müssten schon 1,5 Grad vermieden werden, dieselbe Grenze steht auch im Pariser Klimaabkommen. Die 1,5 Grad Erwärmung zu vermeiden, sei schon heute illusorisch, sagt der Autor. „Vielleicht bleiben uns noch zwölf Jahre, um die zwei Grad zu vermeiden. Dafür müssten wir unser System aber von Grund auf ändern.“

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich schon heute

Anzeichen, dass das System schon jetzt kollabiert, gebe es zuhauf, meint der Ökonom: Artenverlust, die riesigen Mengen an Plastik in den Meeren, die Ernteausfälle in Schweden, die Hitze in Griechenland, der niedrige Wasserstand der Flüsse in Deutschland, die Migration. „All das ist Teil des gleichen Problems, der Klimaerwärmung. Wenn wir dafür in den nächsten Jahren keine Lösung finden, haben wir überhaupt keine Zukunft. Unsere Enkel und auch schon unsere Kinder werden ein schweres Leben haben.“

Wer jetzt hofft, Maßnahmen wie die Energiewende, das kürzlich in der EU beschlossene Plastikverbot, Impact Investing oder gar die Bemühungen einzelner Idealisten, die versuchen, ihren ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten, könnten den erhofften Erfolg bringen, liegt laut Maxton völlig falsch. „Vergessen Sie das alles, denn nichts davon hat funktioniert. Was wir am dringendsten tun müssen, ist den CO2-Ausstoß zu stoppen.“

In den nächsten 20 Jahren müssten die Emissionen um 80 Prozent gesenkt werden

 Laut Maxton, der sich auf die IPCC bezieht, müsste dieser in den nächsten zehn Jahren um 35 Prozent reduziert werden und um ganze 80 Prozent in den nächsten 20 Jahren. Was das bedeutet: „35 Prozent weniger Emissionen bedeuten 35 weniger Autos, 35 Prozent weniger Flüge, 35 Prozent weniger Schiffe und Lkw.“ Erreicht werden kann das nur durch eine Intervention des Staats, der zum Beispiel die Steuern auf Treibstoff drastisch erhöhen müsste.

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„Wo ein Liter Benzin heute 1,50 Euro kostet, könnten es in zehn Jahren 150 Euro sein.“ Die Menschen müssten schrittweise daran gewöhnt werden, auf Autos, Schiffe oder Flugzeuge zu verzichten. Wie das bei den meisten Menschen ankommen würde, kann Maxton sich vorstellen. Und dennoch sagt er: „Wir befinden uns in einer Notfallsituation, die extreme Maßnahmen erfordert. Die Leute müssen nicht zurück in die Steinzeit, aber der Lifestyle könnte wieder dem in den 1960er- und 1970er-Jahren gleichen.“

Wachstum schadet mehr, als er hilft

Mit den Menschen müsste auch die Wirtschaft komplett umdenken und sich endlich von der Vision verabschieden, dass sie immer weiterwachsen könne und solle. Laut Maxton braucht die Welt kein Wachstum, der weder Arbeitsplätze schaffe noch die Armut bekämpfe. Fakt ist, dass stetiger Wachstum den ökologischen Fußabdruck verschlechtert – und das können wir uns laut Maxton nicht mehr erlauben.

Nicht nur die Tiere sind von den Folgen des Klimawandels bedroht. (Bild: Getty Images)

Dem gebürtigen Schotten, der mittlerweile in der Schweiz lebt, ist klar, dass die von ihm geforderten Maßnahmen einen enormen ökonomischen und finanziellen Schaden verursachen würden. „Viele Menschen, die in der Kohle-, Öl-, oder Benzinindustrie arbeiten oder in der Fahrzeug- und Flugzeugbranche werden ihre Arbeit verlieren.“

In seinem Buch “Change!” beschreibt Graeme Maxton, warum wir eine radikale Wende brauchen. (Bild: Komplett Media)

Die Lösung: „Sie müssen vom Sozialsystem so unterstützt werden, dass auch sie den Wandel unterstützen.“ Einen Mittelweg kann es für Maxton nicht geben. Er sagt: „Entweder wir ergreifen die nötigen Maßnahmen, um die zwei Grad zu vermeiden oder nicht. Es gibt nur Schwarz oder Weiß. Wenn die Kettenreaktion erst einmal in Gang gesetzt ist, können wir nichts mehr tun.“

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