Onlinespiel mit Suchtfaktor: Psychologen erklären den plötzlichen Hype um Wordle

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Ein solches Bild haben vermutlich viele schon auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gesehen.
Ein solches Bild haben vermutlich viele schon auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gesehen.

Anfang des Jahres 2022 tauchten unter anderem beim Kurznachrichtendienst Twitter Bilder von grünen und gelben Quadraten auf. Es handelte sich um Screenshots von Wordle, einem einfachen Puzzlespiel, das die Internetgemeinde anscheinend in seinen Bann gezogen hat.

Für alle, die mit dem Online-Spiel noch nichts anfangen können: Ziel von Wordle ist es, ein Wort mit fünf Buchstaben in sechs Versuchen zu erraten. Wenn du den richtigen Buchstaben an der richtigen Stelle errätst, färbt sich die Kachel grün. Wenn es der richtige Buchstabe an der falschen Stelle ist, wird er gelb. Ein graues Plättchen bedeutet, dass der Buchstabe gar nicht im Wort vorkommt. Millionen Menschen teilen täglich ihre Fortschritte und Ergebnisse mit anderen.

Dabei hat das Spiel mal ganz klein angefangen: Die "New York Times" berichtet, dass Josh Wardle, ein Software-Ingenieur aus Brooklyn, das Spiel als Spiel für sich und seine Freundin Palak Shah entwickelte. Sie liebt Wortspiele, also entwickelte er ein Ratespiel nur für die beiden. In Anspielung auf seinen Nachnamen nannte er es Wordle. Im Oktober veröffentlichte er das Spiel für die breite Masse. Mitte Januar hatte das Spiel laut dem britischen Magazin "The Guardian" bereits zwei Millionen Spieler.

Der britische Psychologe Lee Chambers, der sich auf Umwelt- und Wohlfühl-Coaching spezialisiert hat, sagte zu Business Insider, dass Wordle deshalb so viele Menschen begeistere, weil es sowohl die sprach- als auch die logikverarbeitenden Bereiche unseres Gehirns stimuliere. Wie alle Spiele führt auch Wordle zu einer Ausschüttung von Dopamin, einem Hormon, das uns Freude und Befriedigung spüren lässt.

Wordle ist bei weitem nicht das erste Spiel, das viral geht. Farmville und Candy Crush dominierten in den frühen 2010er Jahren die Facebook-Startseiten, während in den ersten Tagen der Pandemie viel über die Spiele Houseparty und Animal Crossing gesprochen wurde. Doch Wordle unterscheidet sich in einigen Punkten von anderen Programmen. Erstens braucht man zum Spielen nur einen Internetbrowser – es müssen keine Spielkonsolen gekauft oder Apps heruntergeladen werden. Zweitens bekommt man nur die Chance auf ein Rätsel pro Tag. Sobald das Wort erraten wurde, muss man bis nach Mitternacht warten, um ein neues angezeigt zu bekommen.

Business Insider sprach mit Experten, um herauszufinden, was außer dem richtigen Zeitpunkt außerdem zur ersten viralen Sensation des Jahres 2022 geführt hat.

Der Erfinder von Wordle hat es leicht teilbar gemacht

Wardle sagte der "New York Times", dass er Mitte Dezember 2021 dem Spiel eine Option zum Teilen von Ergebnissen hinzugefügt hat, als er bemerkte, dass die Spieler ihre Ergebnisse manuell mittels kleiner Handybildern eintippten. Die automatisierte Option ermöglicht es den Spielern, ihre Ergebnisse zusammen mit einer visuellen Darstellung des Weges, den sie zum Erraten des Wortes genommen haben, auf Twitter zu posten, ohne das Wort des Tages zu verraten. Das habe dazu beigetragen, ein Gefühl der Gemeinschaft rund um das Spiel zu schaffen. So sieht ein typisches Wordle-Posting dann auf Twitter aus:

"Die Beiträge haben einen hohen Wiedererkennungswert, sodass man das Gefühl hat, Teil des Spiels zu sein, unabhängig davon, ob man die heutige Aufgabe gelöst hat oder nicht", sagt die Sozialwissenschaftlerin Juliet Landau-Pope.

Der Psychologe Chambers glaubt, dass die Verbreitung der Spielergebnisse der Schlüssel zu seiner Beliebtheit im Internet ist. „Wenn wir die Quadrate ständig in unserem Twitter-Feed sehen, bedeutet das, dass es etwas zu lösen gibt und dass andere schon daran herumrätseln“, sagt Chambers. „Das verleitet uns dazu, selbst nachzuforschen.“ Auch die Ästhetik könnte eine Rolle spielen, vermutet Chambers, denn die farbigen Blöcke können beruhigend wirken, da sie „ein Maß an psychologischer Ordnung schaffen, selbst wenn sie von Chaos umgeben sind“.

Die Einfachheit des Spiels macht es auch zu einem perfekten Futter für weitere humorvolle Auseinandersetzungen mit den Farbquadraten, die inzwischen Twitter überschwemmen und anscheinend bei den Leuten gut ankommen, was die Begeisterung für das Spiel noch steigert: Ein Nutzer verglich die Wordle-Blöcke mit den Schiffscontainern auf dem Schiff Ever Given, das wochenlang im Suezkanal festsaß, während andere die Wordle-Blöcke in alltägliche Bilder verwandelten und Beiträge mit Bezug zum Spiel erstellen.

Eine Twitter-Nutzerin begann sogar, ihre Wordle-Ergebnisse in einem Kreuzstich zu verewigen, und inspirierte damit eine Bekannte dazu, ebenfalls das Spiel zu spielen.

Die Funktionalität des Spiels führt zu einem Gefühl der Verbundenheit

Womit sich Wordle von anderen Spielen absetzt ist, dass Spieler auf der ganzen Welt das gleiche Wort am gleichen Tag erraten. „Die Tatsache, dass wir alle versuchen, dasselbe Rätsel zu lösen, bringt uns näher und gibt uns das Gefühl, ein größeres Problem gemeinsam anzugehen“, sagt Chambers.

Die kollektive Erfahrung trage auch zum Konkurrenzdenken bei. Harrison Gowland, ein Videospielentwickler, sagte, dass er die Ergebnisse anderer Online-Spiele, die er spielt, nicht mit anderen teilt. Aber bei Wordle verspüre er den Wunsch, dies zu tun. „Es gibt sowohl ein Gemeinschaftsgefühl im Sinne von 'Wie schwierig fanden die Leute es diesmal?' als auch einen Wettbewerbsaspekt im Sinne von 'Wie schnell habe ich dieses Wort im Vergleich zu den anderen erraten?'“, sagte er. Gowland glaubt, dass ein Teil der Motivation aus einem Gefühl des Gruppendrucks resultiert, aus dem Wunsch, nicht außen vor zu sein und nicht den Eindruck zu erwecken, dass man einen Trend verpasst.

Eine wohltuende Ablenkung zum richtigen Zeitpunkt

Die Sozialwissenschaftlerin Landau-Pope sagte, das Gemeinschaftsgefühl helfe gegen die Einsamkeit, die viele von uns aktuell im wirklichen Leben fühlten, „besonders in diesen dunklen Wintermonaten“. Im Gegensatz zu vielen anderen Online-Spielen kann Wordle nur einmal am Tag gespielt werden, dadurch berge es kaum die Gefahr der Abhängigkeit, die andere Online-Spiele mit sich bringen. „Es ist eine sehr kluge Entwicklung, denn die Leute wissen, dass sie, wenn sie süchtig werden, nicht mehr als ein paar Augenblicke pro Tag verschwenden können“, sagt Landau-Pope.

Die Zeit könnte auch der Schlüssel zum Erfolg von Wordle gewesen sein, sagte Chambers. Da die Wordle-Rätsel mit einem Tageszähler nummeriert sind, können sie uns helfen, die Orientierung innerhalb des Wochenrhythmus zu behalten, da unsere Zeitwahrnehmung durch die Einschränkungen während der Corona-Pandemie und das Arbeiten von zu Hause aus, häufig nicht mehr ganz so rund läuft.

Landau-Pope sagte, dass der Sinn für eine solche Gemeinschaftsaufgabe genau das sein könnte, wonach viele genau zu dem Zeitpunkt gesucht hatten, als das Spiel bekannter wurde. „Bei all der politischen Unzufriedenheit, der wirtschaftlichen Unsicherheit und der anhaltenden Gesundheitskrise gibt es einen Mangel an guten Nachrichten in den sozialen Medien“, sagt Landau-Pope weiter. „Wordle hat uns allen etwas Leichtes, Spielerisches gegeben, auf das wir uns konzentrieren können, wenn auch nur für ein paar Momente des Tages.“

Diesen Text hat Christiane Rebhan aus dem Englischen übersetzt, das Original findet ihr hier.

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