Ein AfD-Erfolg bedroht die Wirtschaft im Osten

Die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen bestimmen über die Zukunft Ostdeutschlands – die Region droht wirtschaftlich zurückzufallen.

Der Technologiekonzern ist ein erfolgreiches Beispiel für das Unternehmertum in Ostdeutschland. Foto: dpa
  • Wirtschaftlich geht es den östlichen Bundesländern gar nicht so schlecht, wie viele vermuten. Dennoch ist die Stimmung schlecht und die AfD gewinnt massiv an Zustimmung. So ist die Ausgangssituation vor den Wahlen.
  • Die Ursachen für das Stimmungsbild sind tiefer liegende Probleme wie eine generelle Strukturschwäche, ein erheblicher Fachkräftemangel und eine überalterte Bevölkerung.
  • Renate Köcher, die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, spricht im Handelsblatt-Interview über den Bevölkerungsschwund in Ostdeutschland, die Chancen der AfD dort und eine gesamtdeutsche Perspektive. Alle Daten und Fakten zur Wahl finden Sie hier.
  • Wie lässt sich die wirtschaftliche Lücke zwischen den alten und neuen Ländern endlich schließen? Die wichtigsten Ideen im Realitätscheck.

Die Diskussion in der Dresdner Dreikönigskirche plätschert schon seit anderthalb Stunden vor sich hin, als Andreas von Bismarck grundsätzlich wird. „Wir stellen alles, was wir in Sachsen wirtschaftlich erreicht haben, fundamental auf den Prüfstand, wenn wir das nicht schaffen“, sagt der Chemnitzer Unternehmer eindringlich. Alle anderen Probleme, die bis dahin diskutiert wurden, seien egal, wenn das eine nicht gelöst werde.

Mit dem „einen Problem“ meint Bismarck den Fachkräftemangel in dem wirtschaftsstärksten ostdeutschen Bundesland: Fast 300.000 der aktuell zwei Millionen Arbeitskräfte werden der sächsischen Wirtschaft im Jahr 2030 fehlen, so schätzt es die Landesregierung in Dresden. Deren Chef, Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), sitzt links neben Bismarck und lauscht konzentriert.

In den anderen vier ostdeutschen Flächenländern sieht es nicht viel besser aus. Ostdeutschland, noch vor 15 Jahren eine Region der Massenarbeitslosigkeit, droht sich im Rekordtempo in einen Landstrich zu verwandeln, in dem ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften das Wachstum abwürgt.

Bismarck, ein Urururgroßneffe des ersten Reichskanzlers, ist hochgewachsen, trägt einen blauen Anzug und braunen Vollbart. Er hat vor der Landtagswahl in Sachsen die Spitzenkandidaten aller Parteien zu einer „Elefantenrunde“ eingeladen, um die wirtschaftlichen Aussichten des Freistaats zu diskutieren. Im Hauptberuf leitet Bismarck den Strickmaschinenhersteller Terrot. Im Ehrenamt ist der Unternehmer Vorsitzender der Initiative „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“.

In Sachen Weltoffenheit hat sich Sachsen in den vergangenen Jahren, gelinde gesagt, keinen guten Ruf erworben. Und nun könnte alles noch schlimmer werden, mit Folgen auch für die Wirtschaft.

Bei den Wahlen in Sachsen und Brandenburg am kommenden Sonntag und in Thüringen eineinhalb Monate später darf die AfD in allen drei Ländern mit Ergebnissen um die 20 Prozent rechnen. In allen drei Landtagen könnte sie stärkste Kraft werden. Und das, obwohl (oder gerade weil) die AfD-Spitzenkandidaten Björn Höcke (Thüringen), Andreas Kalbitz (Brandenburg) und Jörg Urban (Sachsen) selbst in ihrer Partei noch zum rechten Rand zählen.

Die Konsequenzen der Wahl werden weit über die Grenzen Sachsens und Brandenburg reichen. Wenn die Hochrechnungen am Sonntag um 18 Uhr keine gewaltigen Überraschungen bringen, werden die Berliner Regierungsparteien CDU und SPD ordentlich gerupft – was die Machtbalance in beiden Parteien gehörig stören könnte.

Ein Rechtsruck gegen die Wirtschaft

Dass sie die Berliner Regierungsparteien abstrafen können, dürfte für viele AfD-Wähler in Sachsen und Brandenburg eine Genugtuung sein. Doch Ökonomen befürchten, dass sich die Ostdeutschen damit vor allem selbst bestrafen: Ein Erstarken rechter Tendenzen sei ein wirtschaftlicher Schaden auf mehreren Ebenen, sagt Michael Woywode, Direktor des Instituts für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim: „Zum einen werden die Direktinvestitionen, insbesondere die aus dem Ausland, zurückgehen. Aber auch Kunden aus dem In- und Ausland könnten abgeschreckt werden.“ Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut Dresden bekräftigt: „Rechte Tendenzen schaden dem Standort, daran gibt es keinen Zweifel.“

Ostdeutschland wird am Wahlsonntag einmal mehr im Fokus des weltweiten Interesses stehen. Wie zuletzt im September 2018, als ein mutmaßlich von einem Flüchtling begangener Mord in Chemnitz gewalttätige Demonstrationen in der Stadt auslöste, sich Rechtsextreme zu Hetzjagden auf Ausländer verabredeten und die „New York Times“ titelte: „Die Proteste in Chemnitz zeigen die neue Stärke von Deutschlands Rechtsextremen“.

Ein Wahlerfolg der AfD könnte den Ruf der neuen Bundesländer als Heimat frustrierter Fremdenhasser weiter zementieren. Und das gerade zu jenem Zeitpunkt, an dem der demografische Wandel im Osten voll durchzuschlagen beginnt und es gilt, Fachkräfte aus aller Welt anzulocken, um die vielen in Rente gehenden Arbeitnehmer zu ersetzen.

Eigentlich schien der Aufschwung der vergangenen Jahre geeignet, den wirtschaftlichen Rückstand der neuen Bundesländer zu verkleinern. Während die Arbeitslosigkeit im Osten im Jahr 1999 noch bei mehr als 17 Prozent lag, betrug sie im August 2019 nur noch 6,4 Prozent – kaum noch höher als die 4,8 Prozent in Westdeutschland. Auch die Löhne stiegen im Osten zuletzt stärker als im Westen.

Zwar ist die Produktivität der ostdeutschen Wirtschaft noch rund 20 Prozent geringer als im Westen, doch von 2012 bis 2016 holte sie in jedem Jahr auf. Allmählich schienen die neuen Bundesländer die Schäden von 40 Jahren DDR-Sozialismus endlich hinter sich zu lassen.

Doch der ostdeutsche Aufschwung ist brüchig, der Aufholprozess gegenüber Westdeutschland verläuft quälend langsam und kann jederzeit zum Erliegen kommen – oder ist es schon.

Beispiel Produktivität: 2017 Ist diese Kenngröße für den wirtschaftlichen Fortschritt erstmals seit 2011 in den alten Bundesländern wieder stärker gestiegen als in den neuen.

Beispiel Direktinvestitionen: Laut Bundesbank sind die Projekte ausländischer Geldgeber 2014 und 2017 in Deutschland insgesamt um 15 Prozent gestiegen, in Ostdeutschland nur um rund drei Prozent. In Brandenburg sanken die ausländischen Direktinvestitionen in dieser Zeit sogar.

Beispiel Arbeitslosigkeit: Ihr Rückgang beruht weniger auf einem Einstellungsboom als auf einem kontinuierlichen Rückgang des Arbeitsangebots. Im Jahr 2000 wurden in den neuen Ländern noch 8134 Millionen Arbeitsstunden geleistet. 2018 waren es nur noch 7366 – ein Rückgang um rund zehn Prozent. In den alten Bundesländern ist die Zahl der Arbeitsstunden im selben Zeitraum um mehr als zwölf Prozent gestiegen.

Immer mehr Ostdeutsche gehen in Rente, immer weniger junge Menschen rücken auf dem Arbeitsmarkt nach. Nun rächt sich der demografische Aderlass, den die neuen Länder vor allem in den 1990er-Jahren erdulden mussten.

„Ostdeutschland hat eine völlig andere Altersstruktur, da im Laufe der vergangenen 20, 25 Jahre rund 3,5 Millionen vorwiegend jüngere Menschen weggezogen sind“, sagt Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Man habe sich in der Vergangenheit „zu wenig mit der Frage beschäftigt: Was bedeutet die demografische Entwicklung Ostdeutschlands eigentlich wirklich?“

Sie bedeutet vor allem, dass den Unternehmen in den neuen Bundesländern in rasendem Tempo die Arbeitskräfte ausgehen. Qualifizierte Zuwanderer könnten in dieser Situation helfen, doch „Ostdeutschland tut sich deutlich schwerer mit dem Thema“, konstatiert Köcher.

Schwerer als der Westen der Republik, in dem viele junge Zuwanderer, vor allem aus anderen EU-Staaten, in den vergangenen Jahren geholfen haben, den demografischen Wandel abzufedern ,und die Zahl der Arbeitnehmer sogar wachsen lassen.

Knapp 30 Jahre nach dem Fall der Mauer drängt sich die Frage auf: Wie soll die Region ihre gewaltigen Herausforderungen der nächsten Jahre bewältigen, wenn in Landtagen eine rechtspopulistische bis rechtsextreme Partei den Ton angibt? Oder anders gefragt: Ist der Osten noch zu retten? Und, wenn ja, wie?

Ideen für einen „Masterplan Ost“, eine konzertierte Anstrengung, um die wirtschaftliche Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland schneller zu schließen, gab und gibt es einige. Etwa die Forderung nach einem massiven, steuerfinanzierten Investitionsprogramm für die neuen Länder. Oder die Idee, den Osten der Republik in eine deregulierte Sonderwirtschaftszone zu verwandeln.

Besonders provokant ist der Vorschlag des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), die entvölkerten ostdeutschen Regionen aufzugeben und alle politischen Anstrengungen nur noch auf die städtischen Wachstumskerne zu konzentrieren.

Ähnliche Sprengkraft besitzt die Idee, große Zahlen von ausländischen Zuwanderern gezielt nach Ostdeutschland zu locken, um so den Fachkräftemangel abzuwenden. Vergleichsweise harmlos mutet schließlich der Plan an, gezielt Spitzenuniversitäten und Forschungsinstitute in den neuen Ländern anzusiedeln, um so junge Leute in die Region zu locken und Innovationen zu fördern.

Das Handelsblatt hat in einer großen Analyse herausgearbeitet, wer diese fünf verschiedenen Strategien vertritt, wie praxistauglich sie sind und welche Umsetzungschancen sie besitzen.

„Wir müssen hochattraktiv sein“

Und welche Lösungen haben die voraussichtlichen Wahlsieger von der AfD? Ein paar Stunden nach der Diskussion in Dresden sitzt AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban in seinem Landtagsbüro, neben dem die Elbe gemächlich vorbeifließt. Seit dem Abgang von Ex-Parteichefin Frauke Petry führt der Wasserbauingenieur Partei und Fraktion in Sachsen. Urban, ein schmaler Mann im grauen Anzug, gibt sich betont wirtschaftsfreundlich. Seine Leidenschaft gilt dem Bürokratieabbau.

Urban spricht ruhig und überlegt, auch wenn er auf das Aufregerthema Asylpolitik kommt, das für ihn so relevant ist wie vor vier Jahren: „Zu den 100.000 Migranten, die seit 2015 nach Sachsen gekommen sind, kommen täglich neue hinzu. Die Zahl der Asylbewerber, die unsere Sozialsysteme belasten, die oft kriminell werden und den Drogenhandel verstärken, wird immer größer.“

AfD-Mann Urban spricht auch gern über die Russlandsanktionen, die seine Partei ablehnt. Sie hätten der sächsischen Wirtschaft geschadet, der Export dorthin sei um 70 Prozent eingebrochen. Dass der Einbruch schon vor den Sanktionen begann und der Handel mit Russland von vorneherein nur vier Prozent der sächsischen Exporte ausmachte, erwähnt Urban nicht.

Die AfD will eine wirtschaftliche Annäherung an Russland. Sie ist auch die einzige Partei, die den Ausstieg aus dem Braunkohletagebau in der Lausitz grundsätzlich infrage stellt. Vieles von dem, was sie im Landtagswahlkampf fordert, ließe sich, wenn überhaupt, nur auf Bundes- oder EU-Ebene durchsetzen. Über die Russlandsanktionen entscheidet kein Landtag.

Den drohenden Fachkräftemangel sieht Urban dagegen gar nicht so dramatisch. „Das ist erst mal eine Prognose“, sagt der AfD-Landeschef. „Durch die Digitalisierung werden viele Bürger ihren Job verlieren.“ Urban nennt Speditionsfahrer, die durch autonome Lkws arbeitslos werden könnten und dann für andere Arbeitsplätze zur Verfügung stünden.

Unternehmer Bismarck kennt das Argument, die Automatisierung senke den Arbeitskräftebedarf: „Wir müssen uns keine Illusionen machen, dass irgendwelche Technologien das alles kompensieren werden.“ Terrot baut Rundstrickmaschinen.

Fast jeder dieser großen Apparate mit einer Krone aus unzähligen Garnspulen, die unten zu Stoffflächen für die Textilindustrie zusammenlaufen, geht in den Export, nach China, Indien oder in die Türkei. Ein Roboter, der diese Maschinen selbst baut, ist bislang noch nicht erfunden worden.

2006 rettete Bismarck, der sich als „in Bayern geborenen preußischen Wahl-Sachsen“ bezeichnet, das Unternehmen vor der Schließung. Die anfangs 100 Beschäftigten hat Terrot seitdem etwa verdoppelt. Jeder zehnte Angestellte ist ein Auszubildender.

Doch obwohl Bismarck wegen der schwächelnden Weltwirtschaft zuletzt sogar Leute entlassen musste, kann er seine Ausbildungsplätze immer schwerer besetzen. Der „Wendeknick“ bei den Geburten, bedingt durch die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung und den Wegzug gerade junger Erwachsener in den 90er-Jahren, schlägt nun voll durch: Die jungen Menschen, die Bismarck jetzt gerne einstellen würde, sind nie geboren worden.

„Wenn einer hier von der Pike auf lernt, braucht er bis zu neun Jahre, bis wir ihn als volle Fachkraft einsetzen können“, sagt Bismarck. Die düstere Prognose der sächsischen Landesregierung für den Arbeitskräftemangel im Jahr 2030 kann nicht erst 2029 abgewendet werden – sondern nur jetzt.

„Wir müssen hochattraktiv für Fachkräfte sein“, sagt Bismarck. Offiziell sei zwar auch die AfD für Fachkräftezuwanderung, „die Ernsthaftigkeit“, so Bismarck, „muss aber bezweifelt werden. Dafür braucht es eben eine Willkommenskultur. Wenn man gegenüber Flüchtlingen massiv die Stimmung vergiftet, fühlen sich auch Fachkräfte nicht wohl.“

Das merkte Bismarck, als ihm ein türkischstämmiger Bewerber aus Nordrhein-Westfalen absagte, den Terrot für den Vertrieb einstellen wollte. „Ich glaube nicht, dass sich meine Familie und ich in Chemnitz wohlfühlen würden“, sei seine Begründung gewesen. 2016 gründete Bismarck den Verein „Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen“, um dem rechten Ruch entgegenzuwirken.

Mitglieder sind Infineon, Wacker Chemie, aber auch rein sächsische Unternehmen wie die Deutschen Werkstätten Hellerau, die weltweit Luxusjachten ausstatten, oder eben Terrot. Am Ende der Podiumsdiskussion holt Bismarck einen Vertreter von VW Sachsen auf die Bühne. Der weltgrößte Autohersteller, der in Zwickau ein Werk betreibt, tritt dem Verein als 70. Mitglied bei.

Die Geschichte von VW in Sachsen ist ermutigend, aber auch symptomatisch: Bis 1991 liefen in Zwickau Trabis vom Band, die nach der Wende keiner mehr wollte. VW übernahm das Werk. Heute arbeiten 8 000 Menschen bei VW in Zwickau. Derzeit wird Zwickau zum ersten Werk im Konzern umgebaut, das nur noch E-Autos produziert – das klingt nach Zukunft.

Konzerne forschen meist im Westen

Doch getroffen wurde die Entscheidung zur Elektrifizierung des Werks nicht in Sachsen, sondern weit weg in Wolfsburg. Über Arbeitsplätze und Investitionen in den neuen Bundesländern wird auch heute noch selten vor Ort bestimmt, sondern in westdeutschen oder ausländischen Konzernzentralen.

Bis heute gibt es keinen ostdeutschen Dax-Konzern, kaum Manager mit Ost-Biografie und nur wenige große Mittelständler. Unter den 500 größten deutschen Unternehmen hat nur eine Handvoll ihre Zentrale in den neuen Ländern.

Deutschlands erste Börsenliga dominieren nun einmal Industriekonzerne alter Provenienz, auch im Westen ist nach 1990 außer Wirecard kein neuer Dax-Konzern entstanden. Und große Familienunternehmen wachsen quasi per Definition über Generationen hinweg.

Es gibt durchaus Beispiele erfolgreichen Nachwende-Unternehmertums: den Technologiekonzern Jenoptik. Oder die Rotkäppchen-Mumm-Sektkellereien, die vom Volkseigenen Betrieb zum größten Sekthersteller Deutschlands wuchsen.

Oder Büromarkt Böttcher, vom einstigen DDR-Spitzenturner Udo Böttcher aus Jena von einem Kopierladen zu einem Online-Bürohändler mit mehr als 350 Millionen Euro Umsatz aufgebaut. Doch die Unternehmen sind noch zu klein, um ganze Städte oder Regionen wirtschaftlich ziehen zu können.

Dass Konzerne und Großbetriebe in Ostdeutschland fehlen, ist ein Problem, allerdings keines, das man mit einem neuen Investitionsprogramm wegsubventionieren kann. Das IWH ging im März in einer Studie der Frage nach, warum die Produktivität im Osten immer noch unter der im Westen liegt?

Ihr Ergebnis: Die geringeren Löhne und die an Aufbau oder Erhalt von Arbeitsplätzen geknüpfte Investitionsförderung, die die Lohnstückkosten im Osten konkurrenzfähig halten sollte, würden inzwischen eher den Druck mindern, die innerbetriebliche Effizienz zu steigern.

Die Kleinteiligkeit der Wirtschaft sei ein Problem, allerdings vor allem deshalb, weil die ostdeutschen Unternehmen dadurch weit weg von den relevanten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen des Landes liegen: Von fast 61 Milliarden Euro, die die deutsche Wirtschaft 2015 für Forschung und Entwicklung ausgab, entfielen weniger als fünf Milliarden Euro auf Ostdeutschland.

Investoren bleiben fern

Verwunderlich ist dabei, dass viele Wähler in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ihre eigene wirtschaftliche Lage ganz anders wahrnehmen als die ihrer Region. In Sachsen schätzen 81 Prozent der Bürger ihre eigene wirtschaftliche Situation als positiv ein. Das habe zwar „auch mit der Bescheidenheit der Sachsen zu tun“, wie AfD-Mann Urban sagt, bevor er auf den noch immer gewaltigen Niedriglohnsektor in Sachsen verweist. Doch früher waren die Löhne noch niedriger, die Jobs knapper und unsicherer.

Inzwischen hingegen halten rund drei Viertel der Ostdeutschen ihren Arbeitsplatz für sicher, genauso viele wie im Westen. Woher also kommt die ostdeutsche Wut, der Frust? Die Bereitschaft, aus Protest rechts zu wählen und dabei den mühsam erreichten Wohlstand aufs Spiel zu setzen?

Die SPD-Politikerin Petra Köpping, Integrationsministerin in Sachsen und Kandidatin für den Parteivorsitz, hat über den langen Schatten der Nachwende-Erfahrungen 2018 ein Buch veröffentlicht: „Integriert doch erst mal uns“, heißt es und liefert Erklärungen, warum die Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen gerade in Ostdeutschland so schlecht ankam: weil sie im eigenen Empfinden auf diese Willkommenskultur verzichten mussten.

„Wir müssen uns mit den Demütigungen, Kränkungen und Ungerechtigkeiten aus jener Zeit beschäftigen“, schreibt Köpping. Etwa der Treuhandanstalt, die in den frühen 90er-Jahren die DDR-Betriebe privatisierte.

Die habe 80 Prozent der Unternehmen an westdeutsche Geschäftsleute verkauft, aber nur sechs Prozent an ehemalige DDR-Bürger – wohl auch, weil die selten genug Vermögen hatten oder einen Kredit bekamen. Häufig, so Köpping, hätten sich westdeutsche Firmen damit Konkurrenz vom Hals geschafft, was heute allerdings nur noch anekdotisch zu belegen ist.

Man muss Köpping nicht in jedem Punkt folgen, um zu erkennen: Die von vielen im Westen gehegten Klischees vom starrsinnigen, unselbstständigen und larmoyanten DDR-Bürger werden der Nachwendezeit nicht gerecht.

Allein 1990, schreibt Köpping, machten sich 60.000 Ostdeutsche selbstständig. Viele scheiterten am fehlenden Kapital. Anders als die Gründerzeit der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg war 1990 eben nur im Osten eine Stunde null. Im Westen stand die kapitalkräftige Konkurrenz längst bereit.

Und dann, so ließe sich diese Erzählung fortschreiben, lässt ausgerechnet die erste Kanzlerin mit DDR-Biografie eine Million Flüchtlinge ins Land, anstatt sich um ihre ostdeutschen Landsleute zu kümmern.

Das alles hat zu einem Mangel an dem beigetragen, was der Bevölkerungswissenschaftler Reiner Klingholz als „Gefühl der Selbstwirksamkeit“ bezeichnet: Viele Menschen in Ostdeutschland hätten das Gefühl, dass sie die Gesellschaft, in der sie leben, kaum beeinflussen können, weder durch Wahlen noch durch Ehrenamt.

Mittwoch vergangener Woche, im brandenburgischen Spremberg. Es sind noch elf Tage bis zur Wahl. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) steht inmitten von 130 Besuchern, die an diesem lauen Sommerabend in den Biergarten „Zur Post“ gekommen sind. Es riecht nach Bratwurst, Bier und Zigarettenkippen, unter den aufgespannten Sonnenschirmen leuchten bunte Lichterketten in den Abend hinein.

Woidkes Mission an diesem Abend wird schnell klar: versuchen, den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Natürlich werde Brandenburg mit seiner großen Lausitzer Kohleregion sich verändern, wenn Deutschland wie vereinbart bis 2038 aus der Kohleverstromung aussteigt. Aber die Politik kümmere sich. Der Bund stelle der Lausitz allein 17 bis 18 Milliarden an Hilfsmitteln bereit, das sei „verdammt viel Geld“.

Doch an diesem Abend in Spremberg wird auch deutlich, wie trist und zugleich aufgebracht die Stimmung auf der Straße ist. Ein Wahlkämpfer aus Woidkes Team formuliert es so: „Die Menschen hier denken: Erst nehmt ihr uns die Glas- und Textilindustrie weg, dann unsere Kinder und Enkel, die in den Westen abhauen. Und jetzt auch noch die Kohle.“

Hinzu komme das latente Gefühl, bei Löhnen und Renten immer noch gegenüber dem Westen benachteiligt zu werden. Mit Wahlkampfveranstaltungen komme man „kaum gegen die Stimmung an“, sagt der Wahlkämpfer. Eigentlich ginge das nur in einem langen Eins-zu-eins-Gespräch. Da würden viele Menschen irgendwann merken, dass es ihnen eigentlich gar nicht so schlecht gehe. Doch dazu fehle selbst einem volksnahen Politiker wie Woidke, der in Brandenburg fast jeden Sportverein kenne, die Zeit.

Wenn am Sonntag im Osten gewählt wird, müssen sich die 5,4 Millionen Wahlberechtigten entscheiden: zwischen einer Politik, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellt, und einer, die in der Vergangenheit leben will. Ein neuer Masterplan Ost könnte die Lösung sein.

Ein intelligenter Mix aus mehreren der fünf Strategien, die das Handelsblatt vorstellt. Solch ein Masterplan kann helfen, die wirtschaftliche Lücke zwischen Ost- und Westdeutschland zu schließen. Er kann aber auch das Gefühl der Zurücksetzung lindern, das viele Ostdeutsche seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert empfinden.

Solch ein Masterplan kann allerdings wenig bewirken, wenn die Ostdeutschen aus lauter Frust die AfD zur stärksten politischen Kraft machen. Eine Politik, die auf mehr Braunkohle und weniger Migranten setzt, wird Brandenburg und Sachsen nicht voranbringen – im Gegenteil.

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