Osterspaziergang durch Köln: Glitzernder Schrott vor Traumpanorama

Industriekultur und Natur am Deutzer Hafen und an den Poller Wiesen.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…, mit diesen Worten beginnt Goethes Faust seinen berühmten Osterspaziergang. Ich kann mich zwar nicht erinnern, den Rhein in Köln je zugefroren gesehen zu haben. Trotzdem lade ich Sie ein, es dem Doktor Faust nachzutun. Auch mein Osterspaziergang führt Sie, wie Faust es schildert, „über die grünende Flur“ – aber nicht nur.

Der Startpunkt liegt rechtsrheinisch unter der Severinsbrücke. Hier beginnt, ziemlich unspektakulär, der Deutzer Hafen mit den Landeplätzen der Boote von Wasserschutzpolizei und Feuerwehr. Das ganze Areal ist wegen der geplanten Umgestaltung in aller Munde, und ich habe im „Stadt-Anzeiger“ schon viel über das Projekt „Neue Stadt“ gelesen.

Morbider Charme der Industrie

Aber ganz ehrlich: Ich war noch nie vorher dort. Dabei lohnt es sich – gerade jetzt. Denn noch können Sie hier den ganz eigenen morbiden Charme eines Industriegeländes im Niedergang erleben – und als Kontrast dazu die Poller Wiesen mit einem der großartigsten Panorama-Blicke auf Köln.

In Richtung Süden laufen Sie zunächst halblinks hoch auf die Siegburger Straße. Wenn Sie mit der KVB-Linie 7 herkommen, steigen Sie am besten hier an der Haltestelle Drehbrücke aus. Ein Stück weiter rechts geht es auf den Poller Kirchweg, und bald stehen Sie auf der Rückseite der Ellmühle, vielen als Aurora-Mühle geläufig. Noch bis 2020 wird hier Getreide verarbeitet. An Werktagen kann man zusehen, wie das Korn mit riesigen Schnorcheln von den Lastschiffen am Ufer in die Mühle gesaugt wird.

Das Gebäude, heute im Besitz der Firma „Good Mills“, ist ein eindrucksvoller Industriebau des frühen 20. Jahrhunderts – charakteristisch in seinem klaren Aufbau, der kubischen Form und den exakt gesetzten Fensterreihen. Ich finde es gut, dass solch eine Architektur unter Denkmalschutz gestellt wird, zumal wenn mit ihr über die industrielle Nutzung hinaus etwas Sinnvolles anzufangen ist. Und das scheint im Konzept der Neuen Stadt der Fall zu sein, das die zentralen Teile der alten Mühle in die künftige Bebauung einbezieht.

Markenzeichen und Synonym für Mehl

In einer nostalgischen Anwandlung hoffe ich, dass das Aurora-Logo auf der Hauswand zum Fluss hin erhalten bleibt und restauriert wird. Name und Markenzeichen, Anfang der 50er Jahre vom Kölner Familienunternehmer Clemens Auer kreiert, sind allen vor 1970 Geborenen ein Begriff – ich würde fast sagen, ein Synonym für Mehl.

Ich persönlich habe dazu übrigens noch eine ganz besondere Beziehung. Unsere Tochter sollte nämlich Aurora heißen. Mein Mann und ich fanden den Namen schön, und wir hielten es zudem für eine schöne Idee, ein Mädchen nach der Göttin der Morgenröte zu benennen.

Unsere Freunde und Bekannten aber schrien unisono auf: „Seid ihr wahnsinnig?! Da denkt doch jeder nur an Mehl!“ Tatsächlich hat sich die gesungene Werbung für „Aurora mit dem Sonnenstern“ tief ins kollektive Gedächtnis meiner Generation eingegraben. So haben wir uns damals anders entschieden und unsere Tochter Antonia getauft. Obwohl Aurora doch wirklich ein schöner Name ist.

Es geht hinunter ans Hafenbecken

Gleich rechts hinter dem Komplex der Ellmühle gelangen Sie über eine kleine Stichstraße hinunter ans Hafenbecken. Nicht ganz legal, weil das Betreten einer quer verlaufenden Gleisanlage offiziell verboten ist. Aber es wird Sie schon niemand verhaften deswegen.

Hier haben Sie einen guten Überblick über das Gelände, an dessen vernachlässigtem Zustand ablesbar ist, dass sich hier bald etwas ändern soll. Besonders fasziniert hat mich der Schrottplatz linker Hand. Bei schönem Wetter glitzert und funkelt das Altmetall vieltausendfach in der Sonne. Das hat einen ganz eigenen Reiz.

Im Gegensatz zum Rheinauhafen auf der gegenüberliegenden Flussseite, wo die Immobilienpreise und die Mieten weit jenseits dessen sind, was sich der Normal-Kölner leisten kann, soll es hier in Deutz auch bezahlbaren Wohnraum geben. Das Konzept mit seiner Mischung aus Wohnungen, emissionsfreiem Gewerbe und zusätzlichen Attraktionen wie dem „Regenwasserschwimmbad“ erinnert mich ein wenig an die Hamburger Hafencity. Als ich für Sie das Areal erkundete, musste ich auch noch einmal an Fausts Osterspaziergang denken:

Aus niedriger Häusern

dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und

Gewerbes-Banden,

Aus dem Druck von

Giebeln und Dächern,

Aus der Straße

quetschender Enge,

Aus der Kirchen

ehrwürdiger Nacht

Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sie können ein Stück am Wasser entlang weiter Richtung Süden laufen, oder Sie gehen die paar Meter zurück und folgen dem Poller Kirchweg bis zur Straße Am Schnellert, wo Sie auf den Bahndamm stoßen, der die östliche Verlängerung der Südbrücke ist. Wenn Sie hier rechts abbiegen, sind es nur noch ein paar Meter, bis Sie zu den Poller Wiesen gelangen und den Rückweg in Richtung Deutz antreten können.

Mit dieser riesigen unbebaubaren Grünfläche vor der Haustür wird das hier für die künftigen Bewohner der „Neuen Stadt“ am Hafenbecken bestimmt ein großartiger Lebensraum. Bei meinen Besuchen im Bayenturm, Alice Schwarzers Frauenmediaturm am linken Rheinufer gleich gegenüber, habe ich schon manches Mal auf die andere Seite geschaut und gedacht: „Wie toll wäre das, da drüben zu wohnen!“

Ich beneide bereits jetzt alle, die das später einmal dürfen. Und irgendwie hat die Vorstellung, dass hier auf altem Grund ein Stadtteil zu neuem Leben erwachen soll, für mich auch etwas Österliches.

Zufrieden jauchzet

groß und klein;

hier bin ich Mensch,

hier darf ich’s sein!

Mit diesem Schlusswort Johann Wolfgang von Goethes wünsche ich Ihnen frohe Ostern.

Aufgezeichnet von Joachim Frank...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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