Papst Benedikt tritt zurück

Rom/Berlin (dapd). Papst Benedikt XVI. beendet sein Pontifikat mit einem historischen Schritt: Als erstes katholisches Kirchenoberhaupt der Neuzeit tritt der 85-Jährige Ende Februar aus Gesundheitsgründen freiwillig zurück. Ein neuer Papst soll nach Vatikan-Angaben noch vor Ostern gewählt werden. Spitzenvertreter von Kirchen und Politik reagierten mit Bedauern auf die überraschende Ankündigung Benedikts.

"Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben", sagte der Papst am Montag im Apostolischen Palast auf Lateinisch bei einem Treffen mit Kardinälen. Um die Kirche zu steuern und das Evangelium zu verkünden, sei "sowohl die Kraft des Köpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen".

Daher verzichte er auf das Amt des Bischofs von Rom, so dass am 28. Februar, um 20.00 Uhr, der Stuhl des Heiligen Petrus vakant sein werde. Benedikt dankte den Kardinälen "für alle Liebe" und bat um Verzeihung für seine Fehler. Er selbst wolle auch in Zukunft "der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen". Joseph Ratzinger war am 19. April 2005 zum Nachfolger von Johannes Paul II. gewählt worden und steht damit seit knapp acht Jahren an der Spitze der 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Nach dem Rücktritt Benedikts müssen die Kardinäle aus aller Welt zusammenkommen und im Konklave einen neuen Papst bestimmen.

Rückzug ins Kloster

Von Benedikts Ankündigung wurden selbst seine Mitarbeiter überrascht. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat diese Versammlung Ihre bewegende Botschaft gehört", betonte Kardinal Angelo Sodano im Namen der im Vatikan versammelten Kardinäle dem Papst. "Wir haben sie mit Fassungslosigkeit und beinahe ungläubig gehört." Vatikansprecher Federico Lombardi sagte wenig später: "Der Papst hat uns ein bisschen überrascht." Es habe keine Anzeichen von Depression oder Mutlosigkeit gegeben.

Papst-Bruder Georg Ratzinger dagegen war über den Schritt informiert, allerdings noch nicht allzu lange, wie er auf dapd-Anfrage in Regensburg sagte. Zugleich warb er um Verständnis für seinen Bruder, der mit dem "kontinuierlichen Abbau der geistigen und körperlichen Kräfte im Alter" zu kämpfen habe.

Benedikt XVI. ist nach Angaben von Theologen erst der dritte Papst in der 2.000-jährigen Kirchengeschichte, der sich vom Amt zurückzieht. Die beiden anderen Rücktritte liegen allerdings sechs und sieben Jahrhunderte zurück. Das katholische Kirchenrecht schreibt vor, dass ein Papst aus freien Stücken zurücktreten und dies hinreichend kundmachen muss. Weitere Bestimmungen, beispielsweise zur Zukunft des emeritierten Papstes, gibt es nicht.

Benedikt wird nach seinem Rücktritt vorübergehend in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo bei Rom wohnen, wie Lombardi laut Radio Vatikan sagte. Anschließend werde er in das bisherige Karmel-Kloster innerhalb der Vatikanmauern ziehen, das derzeit noch renoviert werde. Dort werde er ein Leben in Gebet und Meditation führen.

Politiker zollen Papst Respekt

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte den scheidenden Papst als Mann mit großer Weisheit und menschlicher Bescheidenheit. In seiner Person, seinen Schriften und Ansprachen hätten viele Menschen, nicht nur Katholiken Orientierung und Ermutigung zum Glauben gefunden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte, Benedikt habe den Dialog mit anderen Kirchen und Religionen gesucht und Juden wie Muslimen die Hand gereicht. Sie bescheinigte dem Papst Bescheidenheit, "tiefe Bildung" sowie ein lebendiges Interesse an der europäischen Einigung. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte: "Wir sind stolz auf das Pontifikat von Papst Benedikt XVI.. Deutschland und Bayern haben ihm unendlich viel zu verdanken."

Auch Großbritanniens Premierminister David Cameron äußerte sein Bedauern. "Millionen Menschen werden ihn als geistliches Oberhaupt vermissen", sagte er laut BBC. Irlands Premierminister Enda Kenny bescheinigte dem Papst ein tiefgründiges Pflichtbewusstsein gegenüber der Kirche. Frankreichs Präsident Francois Hollande sprach von einer Entscheidung, die zu respektieren und nicht weiter zu kommentieren sei.

Einsatz für die katholisch-jüdische Freundschaft

Zutiefst bewegt zeigte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch: "Papst Benedikt gibt aller Welt ein leuchtendes Beispiel wirklichen Verantwortungsbewusstseins und lebendiger Liebe zur Kirche", sagte der Freiburger Erzbischof und sprach von einer "großen menschlichen und religiösen Geste". Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sieht eine "Zäsur" für die Kirche in Deutschland.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dankte Benedikt XVI. für alle theologischen Gespräche und Diskussionen. Präses Nikolaus Schneider bezeichnete Benedikts Entscheidung als "bewegend". Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, lobte den Papst für seinen Einsatz für die katholisch-jüdische Freundschaft. "Kein Papst zuvor ist mehr Schritte gegangen, um die Beziehung zu Juden zu verbessern", sagte er in New York.

Auf einen Neuanfang im Vatikan hofft unterdessen die papstkritische Bewegung "Wir sind Kirche". Sie will Anforderungen an einen neuen Papst formulieren, "der Antworten auf die Anforderungen der Zeit gibt". Der Tübinger Kirchenkritiker Hans Küng dämpfte Hoffnungen auf einen Kurswechsel im Vatikan: "Es dürfte schwierig sein, in dem aufgrund der fatalen Personalpolitik der beiden letzten Päpste höchst konservativen Kardinalskollegium eine Person zu finden, die die Kirche aus ihrer vielschichtigen Krise herausführen könnte."

dapd

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