"Pfarrgarten in Nuenen": Van Gogh gegen Haftverschonung

Stefan Koldehoff, Tobias Timm
·Lesedauer: 4 Min.

Die niederländische Polizei hat einen Mann festgenommen, der wertvolle Gemälde aus Museen gestohlen haben soll. Die Bilder könnten Kriminellen als Faustpfand dienen.

Vincent van Gogh, "Der Pfarrgarten in Nuenen", 1884, Groninger Museum, Leihgabe der Gemeinde Groningen © Marten de Leeuw/​Groninger Museum
Vincent van Gogh, "Der Pfarrgarten in Nuenen", 1884, Groninger Museum, Leihgabe der Gemeinde Groningen © Marten de Leeuw/​Groninger Museum

Der Mann kam nachts auf einem Motorroller und trug einen großen Vorschlaghammer bei sich. Sein Ziel war der moderne Bau des Singer Laren Museums in der holländischen Provinz, zwischen Amsterdam und Amersfoort gelegen. Im März 2020 hing hier auch ein Gemälde von Vincent van Gogh: Der Pfarrgarten in Nuenen, gemalt 1884, eine Leihgabe des Groninger Museums für eine Ausstellung. Mehr als fünf Millionen Euro ist das Gemälde wert, darauf können sich Kunstexperten einigen. Der Mann, dessen Gesicht man auf den Aufnahmen der Sicherheitskameras nicht erkennen kann, zertrümmerte mit seinem Hammer flott eine Glastür, lief durch den Museumsshop, zerstörte eine weitere Scheibe und drang in die Ausstellungsräume ein, um kurz darauf mit dem 25 mal 57 Zentimeter großen Van-Gogh-Gemälde unter dem Arm wieder aus dem Museum herauszulaufen.

Das Gemälde ist seither verschwunden, doch am gestrigen Mittwoch teilte die Polizei der Region Mittel-Holland mit, dass sie einen 58-Jährigen in der Ortschaft Baarn festgenommen habe. Der Mann wird des Diebstahls dieses und eines weiteren Gemäldes verdächtigt. Fünf Monate nach dem Einbruch in Laren war nämlich aus einem anderen Museum in der niederländischen Provinz, dem Museum Hofje van Mevrouw Aerden in Leerdam, das Gemälde Zwei lachende Jungen (1627) von Frans Hals gestohlen worden.

Auf Anfragen von ZEIT ONLINE wollten die zuständige Polizei und die Staatsanwaltschaft keine weiteren Details zu dem Festgenommenen und der Beweislage herausgeben. Der holländische Kunstdetektiv Arthur Brand allerdings glaubt Hinweise dafür zu haben, dass die Werke nicht im Auftrag kunstsinniger Kenner gestohlen wurden, sondern Schwerkriminellen als Pfand für Verhandlungen mit den Justizbehörden dienen sollten.

Schon seit den Neunzigerjahren, so berichtet Brand am Telefon gegenüber ZEIT ONLINE, benutzten verurteilte Kriminelle die Herausgabe zuvor gestohlener Gemälde – immer wieder auch von van Gogh – erfolgreich dazu, eine Verminderung ihrer Haftstrafen mit der holländischen Justiz auszuhandeln. Van Goghs hätten sich als eine Art Währung etabliert, um sich Hafterlass zu erkaufen, so Brand. Von dem nun festgenommenen Mann sei der Pfarrgarten in Nuenen für 150.000 Euro in die Hände eines Kriminellen gelangt. Dieser wiederum habe es später an einen bereits wegen Drogenschmuggels in Haft sitzenden Transportunternehmer für 400.000 Euro weiterverkauft: illegaler Kunsthandel im Organisierten Verbrechen. Auch auf diesem Untergrund-Kunstmarkt scheinen schnelle Geschäfte mit sehr hohem Profit möglich zu sein. Arthur Brand hat im vergangenen Jahr Fotografien veröffentlicht, die ihm zugespielt worden waren. Zu sehen sind darauf das Van Gogh-Gemälde und seine Rückseite mit einer aktuellen Ausgabe der New York Times. Diese Aufnahmen sollen den Hehlern quasi als Inserat und als Beweis gedient haben, dass sie tatsächlich das gestohlene Original besitzen.

Als aber vor einigen Monaten die holländische Polizei bekannt gab, dass sie zusammen mit der französischen Polizei das bevorzugte Krypto-Mobiltelefon-System der europäischen Verbrechenselite geknackt habe – EncroChat – und so auch alte Chatverläufe auswerten könne, sei die Unruhe in der Szene groß geworden. Dadurch sei der Bedarf nach neuen Kunstwerken als Faustpfand und Versicherung gegen drohende langjährige Verurteilungen gewachsen, so die Theorie Brands: Womöglich habe dies dann den zusätzlichen Diebstahl des Gemäldes von Frans Hals ausgelöst. Das auf einen Wert von 15 Millionen Euro geschätzte Bild hat eine traurige Kunstraubhistorie, es wurde zuvor bereits zweimal gestohlen, in den Jahren 1998 und 2011, konnte aber jeweils wieder sichergestellt werden.

Wegen des gestohlenen Pfarrgartens von van Gogh ermittle die Polizei inzwischen auch gegen den längst inhaftierten Drogenschmuggler, berichtet nun die Zeitung De Telegraaf; der Anwalt des Verdächtigen wolle sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Bei Hausdurchsuchungen tauchte keines der beiden Kunstwerke auf. Auf Haftverschonungs-Deals gegen Herausgabe gestohlener Meisterwerke will sich der holländische Staat jedenfalls nicht mehr einlassen. Damit die Gier auf dem Kunstmarkt der Kriminellen nicht noch größer wird.

Das sind indes keine guten Nachrichten für das Groninger Museum: Bis zu einer Rückgabe der Bilder könnte es damit Jahre, wenn nicht Jahrzehnte lang dauern – wie im Fall der beiden Frühwerke, die 2002 aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam gestohlen wurden. Sie tauchten erst 14 Jahre später im Haus eines Drogenbosses in Italien wieder auf.