Pflegekräfte: Beschimpft, bedroht, geschlagen

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Patienten und Angehörige attackieren Pflegekräfte und Ärztinnen im Dienst. Deren Arbeitgeber und die Politik schützen sie selten – und Betroffene schweigen oft.

Laut Studien erleben mehr als drei Viertel aller Pflegekräfte Gewalt im Dienst – doch viele Betroffene schweigen, selten werden Fälle angezeigt. © DEEPOL/​plainpicture
Laut Studien erleben mehr als drei Viertel aller Pflegekräfte Gewalt im Dienst – doch viele Betroffene schweigen, selten werden Fälle angezeigt. © DEEPOL/​plainpicture

Julia B. liebt ihren Beruf, auch wenn er sie in gefährliche Situationen bringt. Um zu zeigen, was sie meint, kramt die Pflegekraft ihr Handy aus der Tasche, scrollt durch ihre Aufnahmen bis zu einem Foto. Es zeigt ein Krankenhauszimmer, das aussieht, als wäre darin eine Granate detoniert. Ein Beatmungsgerät liegt zerstört am Boden, daneben ein kaputter Computer, überall Verbandsmaterial, das Bett ist auseinandergezerrt. "Das war ein junger Mann, er kam mit einem psychotischen Schub zu uns auf die Intensivstation", sagt B. Bei der Blutabnahme sei er ausgerastet, habe angefangen, um sich zu schlagen, mehrere Kollegen und Kolleginnen hätten vergeblich versucht, ihn zu beruhigen. "Als ich dazukam, hielten drei Kollegen die Tür von außen zu und hofften, dass er nur in dem Zimmer wütet."

Als er sich ausgetobt hatte und nach Hause wollte, hätten sie ihn gehen lassen und aufgeräumt. Konsequenzen habe das alles nicht gehabt, die Klink habe neue Geräte bestellt, mehr nicht. "Es gibt viele von diesen Fällen", sagt B., die schon lange in einem Berliner Krankenhaus arbeitet und aus Sorge um ihren Job ihren echten Namen nicht veröffentlichen möchte. Sie berichtet von Angehörigen, die ihr vor der Klinik auflauern, sie bedrängen und bedrohen, von wütenden Patienten, die brüllen und auch zuschlagen. Einer sei ihr mal nach draußen gefolgt und habe ihr Motorrad kaputtgetreten.

81 Prozent der Pflegekräfte erleben Gewalt

Was sie beschreibt, erleben alle Pflegekräfte, mit denen ZEIT ONLINE und das ARD-Politikmagazin Report Mainz für diese Recherche gesprochen haben. Auch die überwiegende Mehrheit von mehr als 1.000 Pflegekräften, Ärzten und Ärztinnen, die an einer aktuellen Umfrage dazu teilgenommen haben, bestätigt das: 81 Prozent von ihnen erlebten Gewalt im Arbeitsalltag, Frauen wie Männer, Auszubildende genauso wie Menschen, die den Beruf schon viele Jahre ausüben.

Es sind Menschen wie Torsten, der als Gesundheits- und Krankenpfleger auf einer Intensivstation in einer norddeutschen Klinik arbeitet und vorsichtshalber seinen Nachnamen nicht öffentlich nennen will. "Ich werde ungefähr einmal im Monat angegriffen", sagt er. Alkohol und Drogen sind eine Ursache, aber auch die Nachwirkungen von Operationen. Er erinnert sich an einen Patienten, der nach der OP verwirrt aufwachte. Er habe ihn beleidigt, bespuckt, um sich geschlagen. "Mit Beschimpfungen kann ich umgehen, alles andere nehme ich persönlich", sagt Torsten. Der Mann habe ihm das Handgelenk umgedreht und ihn und seine Kollegen bedroht. "Wir konnten uns sogar zu dritt nicht wehren und mussten die Polizei rufen." In solchen Situationen fühlt sich der Krankenpfleger alleingelassen, von seinem Arbeitgeber, aber auch von der Gesellschaft. "Es macht mich traurig", sagt er. In der Corona-Krise hätten viele für seinen Berufsstand applaudiert, doch kaum einer wisse wirklich, was Pflegekräfte alles aushalten müssten.

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