Pflichtteil beim Erben: Dieser Anteil steht euch zu, auch wenn ihr enterbt wurdet

Auch enterbten Personen steht in den meisten Fällen ein Pflichtteil des Erbes zu. - Copyright: Getty Images / Pascal Broze
Auch enterbten Personen steht in den meisten Fällen ein Pflichtteil des Erbes zu. - Copyright: Getty Images / Pascal Broze

Wer kennt sie nicht: Filmszenen, in denen ein Charakter dramatisch enterbt wird und keinen Cent des Familienvermögens bekommt, nur um sich dann auf andere Weise in der Welt durchschlagen zu müssen. Auch im echten Leben können Menschen ihre Familienangehörigen enterben. Aber – anders als im Film – geht der Enterbte nicht gänzlich leer aus, denn ihm steht der sogenannte Pflichtteil zu. Wir erklären euch, was es damit auf sich hat, wie hoch der Pflichtteil ist und was ihr tun könnt, wenn ihr selbst in einer solchen Situation seid.

Erben ohne Testament
Erben ohne Testament

Grundsätzlich kann jeder Mensch, der ein Testament aufsetzt, seine Erben ohne Begründung enterben und andere Personen oder Organisationen an ihrer Stelle als Erben einsetzen. Damit das Testament jedoch überhaupt gültig ist, muss es einige Anforderungen erfüllen und formellen Vorschriften entsprechen. So muss es, dem Deutschen Anwaltsverein zufolge, unter anderem in handschrift­licher Form und klar als Testament gekennzeichnet sein.

Zudem müssen Ort und Datum sowie die Unterschrift mit dem gesamten Vor- und Nachnamen darauf stehen. Der Verfasser muss außerdem testierfähig sein – also im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten. Sind die Voraussetzungen erfüllt und das Testament ist gültig, so ist auch eine darin vermerkte Enterbung gültig. Das heißt, dass die enterbte Person nicht den kompletten Anteil bekommt, der ihr gesetzlich zustehen würde.

Dieser Pflichtteil steht euch beim Erben zu

Doch auch, wenn jemand in einem formal korrekten Testament enterbt wurde, steht dieser Person ihr Pflichtteil zu. Dieser ist in Deutschland gesetzlich geregelt und im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. Grundsätzlich Anspruch auf den Pflichtteil haben dem Deutschen Erbenzentrum zufolge der Ehepartner oder eingetragene Lebenspartner des Erblassers, seine Kinder, seine Eltern (falls er keine Kinder hatte) sowie die Enkel und Urenkel (falls ihre Eltern nicht mehr leben und sie die nächsten in der Erbfolge sind).

Seine Höhe beträgt, laut § 2303 BGB, die "Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils". Mehr über den gesetzlichen Erbteil könnt ihr hier nachlesen.

Wie viel Geld das in eurem Fall konkret ist, lässt sich also nicht pauschal sagen, da der Anteil abhängig vom gesamten Wert des vererbten Vermögens ist. Zudem spielt es eine Rolle, in welchem persönlichen beziehungsweise verwandtschaftlichem Verhältnis ihr zum verstorbenen Menschen steht. Bei Ehepartnern ist außerdem auch der Güterstand der Ehe entscheidend.

Als Beispiel: Eine Mutter hat zwei Kinder – ihre beiden einzigen Erben – und vererbt ihrer Tochter im Testament ihr gesamtes Vermögen mit 80.000 Euro. Ihr Sohn ist enterbt. Dieser kann nun allerdings seinen Pflichtteil einfordern. Der gesetzliche Erbteil würde sich eigentlich auf 40.000 Euro belaufen – beide Geschwister bekämen gleich viel. Wie oben erklärt, bekommt der enterbte Sohn nun also zumindest die Hälfte davon, also 20.000 Euro. Diese könnte er von seiner Schwester einfordern, obwohl er im Testament enterbt wurde.

Ansprüche auf bestimmte Gegenstände oder Immobilien habt ihr laut der Sparkasse beim Pflichtteil übrigens nicht, sondern "nur anteilig auf deren rechnerischen Wert".

In diesen Fällen erlischt der Anspruch auf den Pflichtteil

In besonders schwerwiegenden Fällen steht einer enterbten Person kein Pflichtteil zu. Dem Deutschen Erbenzentrum zufolge muss dafür im Testament erwähnt und begründet werden, dass – und warum – der Anspruch verfällt. Zudem muss, laut § 2333 BGB, mindestens einer der folgenden Gründe zutreffen:

  • 1. Die enterbte Person trachtet dem Erblasser, dessen Ehepartner oder Nachkommen, oder "einer dem Erblasser ähnlich nahe stehenden Person" nach dem Leben.

  • 2. Die enterbte Person hat sich "eines Verbrechens oder eines schweren vorsätzlichen Vergehens gegen eine der in Nummer 1 bezeichneten Personen schuldig macht".

  • 3. Die enterbte Person hat "die ihm dem Erblasser gegenüber gesetzlich obliegende Unterhaltspflicht böswillig verletzt".

  • 4. Die enterbte Person wurde "wegen einer vorsätzlichen Straftat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung rechtskräftig verurteilt". Oder es wurde eine Unterbringung der Person "in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt wegen einer ähnlich schwerwiegenden vorsätzlichen Tat rechtskräftig angeordnet".

So kommt ihr als Enterbter an euren Pflichtteil

Wenn keiner der zuvor genannten Gründe für eine komplette Enterbung auf euch zutrifft, dann stellt sich die Frage, wie genau ihr an den euch zustehenden Pflichtteil kommt. Zunächst ist gut zu wissen, dass ihr den Pflichtteil nicht automatisch ausgezahlt bekommt, sondern ihn beantragen müsst. Und damit solltet ihr nicht allzu lange warten, denn nach drei Jahren verjährt euer Anspruch darauf.

Um euren Anspruch geltend zu machen, müsst ihr die Erben dazu auffordern, euch den Pflichtteil auszuzahlen. Dies muss in schriftlicher Form passieren und ihr müsst den konkreten Betrag, eure Bankverbindung sowie eine Zahlungsfrist angeben. Sollten die Erben sich weigern, euch den Teil auszuzahlen, müsst ihr eventuell eine Pflichtteilsklage einreichen. Ihr braucht für das Einfordern nicht unbedingt einen Anwalt, es kann jedoch empfehlenswert sein, einen zu engagieren.

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Was könnt ihr tun, wenn ihr geerbt habt – und jemand von euch seinen Pflichtteil fordert?

Habt ihr selbst geerbt und eine enterbte Person fordert ihren Pflichtteil von euch und anderen Erben ein, seid ihr grundsätzlich dazu verpflichtet, diesen auszuzahlen. Nur, wenn mindestens einer der oben aufgeführten Gründe für eine komplette Enterbung auf die Person zutreffen, müsst ihr den Pflichtteil nicht auszahlen. Zudem kann der Enterbte laut der Sparkasse fordern, dass ihr in einem Nachlassverzeichnis Auskunft über den Umfang des Nachlasses gebt. Er habe außerdem "Anspruch darauf, dass durch Gutachten die Sachwerte geschätzt werden". Auch dieser Forderung müsst ihr als Erben daher nachkommen.