Polen: Unter Tage steigt das Ansteckungsrisiko

Ulrich Krökel

Enge Stollen, viele Menschen in Transportkabinen: Das Kohlerevier in Schlesien ist Corona-Hotspot. Die Pandemie bedroht die Zukunft des ohnehin angeschlagenen Bergbaus.

Ein Bergmann in einer polnischen Zeche © Kacper Pempel/​Reuters

Die täglichen Statistik-Tweets des polnischen Gesundheitsministeriums sprechen eine unmissverständliche Sprache. 245 Neuinfektionen mit dem Coronavirus meldete die Behörde am Donnerstag. Davon entfielen allein 189 auf die Woiwodschaft Schlesien. Dort befindet sich Polens "Pott", ein Kohle- und Industrierevier, in dem die großen Städte wie Katowice, Chorzów, Bytom und Zabrze ohne erkennbare Grenzen ineinander übergehen. Solidarität und Nähe sind in der Region ein historisch tief verwurzeltes Lebensgefühl. Das geforderte Abstandhalten bei der Seuchenbekämpfung fällt da doppelt schwer. Von landesweit gut 20.000 bestätigten Corona-Infektionen entfällt etwa ein Drittel auf den Hotspot Oberschlesien.

Polnische Medien verglichen die Metropolregion mit ihren 4,5 Millionen Menschen bereits mit dem chinesischen Wuhan und spekulierten über eine Abriegelung. Das jedoch weist die Regierung in Warschau bislang vehement zurück. Es reiche aus, die Virusbekämpfung in den Kohlegruben zu verbessern. Tatsächlich zeigt sich bei genauerem Hinsehen schnell, dass der Corona-Hotspot Schlesien vor allem eine Quelle hat: den Bergbau. Rund die Hälfte der Infektionen im Revier entfallen auf Grubenarbeiter. Fünf der größten von rund 30 oberschlesischen Zechen mussten deshalb vorübergehend schließen. Das Ansteckungsrisiko in den engen Stollen, den Waschkauen und beim Ein- und Ausfahren, wenn sich Dutzende Menschen in einer Transportkabine drängen, erwies sich als viel zu hoch.

Zum Beispiel in der Zeche Bobrek in Bytom. Innerhalb kürzester Zeit wurde dort Anfang Mai jeder vierte der gut 2.000 Arbeiter positiv auf das Virus getestet. Die Gesundheitsbehörden handelten und schlossen die Zeche. Doch die Kohle und die Arbeit sind für die Region einfach zu wichtig, um einen dauerhaften Shutdown durchstehen zu können, und so setzten alle Beteiligten alles daran, die Förderräder möglichst bald wieder zum Laufen zu bringen. Mit Erfolg. 1.500 negativ getestete Kumpel sind seit Wochenbeginn unter verschärften Hygieneregeln wieder unter Tage im Einsatz – eine um ein Vielfaches schnellere Shutdown-Lockerung als in den allermeisten anderen Wirtschaftssektoren.

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