Polen will von Deutschland 1,3 Billionen Euro an Weltkriegs-Reparationen

Polen fordert von Deutschland Reparationen für im Zweiten Weltkrieg erlittene Schäden in Höhe von umgerechnet 1,3 Billionen Euro. Warschau wolle mit Berlin über Entschädigungen in diesem geschätzten Volumen verhandeln, sagte am Donnerstag der Vorsitzende der rechtspopulistischen Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski. Es handele sich um eine Summe, welche die deutsche Wirtschaft "perfekt verkraften" könne, "ohne erdrückt" zu werden. Die Bundesregierung in Berlin erklärte die Reparationsfrage hingegen für "abgeschlossen".

Die PiS hat in den vergangenen Jahren immer wieder das Thema deutscher Reparationszahlungen aufgebracht. Kaczynski räumte am Donnerstag ein, es sei ein "langer und schwieriger" Prozess zu durchlaufen, bis Polen Reparationen erhalte.

Der PiS-Chef präsentierte auf einer Pressekonferenz in Warschau einen Bericht zur Höhe der Schäden, die sein Land infolge der deutschen Invasion und Besatzung erlitten hat. Kaczynski sagte, über diesen Report hinaus "haben wir auch eine Entscheidung getroffen" - und zwar jene, "Deutschland zu bitten, über diese Reparationen zu verhandeln".

Der Bericht wurde am 83. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen veröffentlicht, mit dem am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begonnen hatte. Kaczynski hob hervor, dass die Invasion durch Nazi-Deutschland seinem Land "enormen Schaden" zugefügt habe. Die Folgen der "unglaublich verbrecherischen, unglaublich grausamen" Besatzung dauerten "in vielen Fällen bis zum heutigen Tag" an.

Einen großen Teil der errechneten Gesamtsumme von 1,3 Billionen Euro mache "die Entschädigung für den Tod von mehr als 5,2 Millionen polnischen Bürgern" aus, sagte Kaczynski. Der Bericht liefert weitere Zahlen: Demnach wurden 2,1 Millionen Menschen aus Polen zur Arbeit nach Nazi-Deutschland deportiert. Davon habe jeder im Durchschnitt zwei Jahre und neun Monate gearbeitet.

590.000 polnische Staatsbürger hätten von pseudomedizinische Experimenten und aus der Haft in Konzentrationslagern Behinderungen davongetragen, heißt es in dem Bericht. Von 1939 bis 1945 habe Polen zudem 50 Prozent seiner Anwälte, 40 Prozent der Ärzte und 35 Prozent der Universitätsprofessoren verloren.

Die menschlichen Verluste wurden für den Bericht berechnet als Verlust von Gehältern, die ein Mensch für den Rest seines Lebens verdient hätte und die somit dem polnischen Bruttoinlandsprodukt verloren gingen.

Die materiellen Verluste werden in dem Report auf 170 Milliarden Euro geschätzt. Auf vier Milliarden Euro beziffert der Bericht den Schaden bei Kunst- und Kulturgütern. Die Verluste im Bankensektor beliefen sich demnach auf 18,8 Milliarden Euro, im Versicherungsbereich auf 7,2 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung sieht allerdings keine rechtliche Grundlage für die erneuten Reparationsforderungen aus Polen. "Die Position der Bundesregierung ist unverändert, die Reparationsfrage ist abgeschlossen", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Berlin argumentiert damit, dass die kommunistische polnische Führung 1953 ihren Verzicht auf deutsche Reparationen erklärt hatte und diesen Verzicht "mehrfach bestätigt" habe.

Gegenwind kommt aber auch von der liberalen polnischen Opposition. Sie warf der PiS vor, sich mit der Reparationsforderung ein Jahr vor den Parlamentswahlen innenpolitisch profilieren zu wollen. "Die PiS-Initiative zu den Kriegsreparationen taucht seit mehreren Jahren immer dann auf, wenn die PiS eine politische Erzählung aufbauen muss", erklärte der frühere EU-Ratspräsident Donald Tusk, der heute Vorsitzender der Bürgerplattform PO ist. Kaczynski wolle die Unterstützung für die Regierungspartei "auf dieser antideutschen Kampagne" aufbauen.

oer/dja