Polnische Justiz stellt Ermittlungen gegen US-Historiker Gross ein

Historiker Jan Tomasz Gross

Die polnische Justiz hat ihre Ermittlungen gegen den US-Historiker Jan Tomasz Gross wegen Beleidigung der polnischen Nation eingestellt. Die Staatsanwaltschaft habe nicht die Aufgabe, "historische Streitigkeiten beizulegen", erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Kattowitz (Katowice) am Mittwoch. Gegen Gross war ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, nachdem er 2015 in einem Zeitungsbeitrag in der "Welt" geschrieben hatte, die Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs "mehr Juden als Deutsche getötet".

Von der Justiz beauftragte Historiker hätten festgestellt, dass die Zahl der "durch die Handlungen von Polen getöteten deutschen und jüdischen Personen" während des Zweiten Weltkriegs nicht eindeutig zu beziffern sei, erklärte die Sprecherin Marta Zawada-Dybek. Zudem vertrete die Staatsanwaltschaft die Ansicht, dass Gross mit seinem Artikel in der "Welt" nicht "direkt das Ziel verfolgt habe, die polnische Nation oder die polnische Republik zu beleidigen".

Gross hatte in seinem umstrittenen Zeitungsbeitrag den Bogen zwischen dem Verhalten der Polen in der Flüchtlingskrise 2015 und dem polnischen Antisemitismus während des Zweiten Weltkriegs geschlagen. "Polens hässliches Gesicht rührt aus der Nazi-Zeit", schrieb er unter anderem. Die Staatsanwaltschaft in Kattowitz hatte nach eigenen Angaben mehr als hundert Beschwerden von Einzelpersonen und Organisationen erhalten, die sich durch den Beitrag beleidigt sahen.

Gross' wissenschaftliche Positionen lösten in Polen schon häufiger Kontroversen aus. Anfeindungen sah er sich etwa nach der Veröffentlichung seines Buches "Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne" ausgesetzt, in dem er vor allem polnische Einwohner an dem Massaker an Juden im Osten Polens 1941 verantwortlich machte.