"Positiv getestet, trotzdem bei der Arbeit": Rumänische Tönnies-Mitarbeiter schildern im ZDF Skandalzustände

teleschau

Wie konnte es zu dem Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik kommen? Das ZDF-"auslandsjournal" ließ in der Sendung am Mittwoch rumänische Arbeiter zu Wort kommen. Die berichten von dramatischen Umständen und empören sich über Ministerpräsident Armin Laschet.

Mehr als 1.500 Mitarbeiter in der Fleischfabrik der Firma Tönnies sind bislang positiv auf das Coronavirus getestet worden. Fünf davon kämpfen auf der Intensivstation um ihr Leben. Wie es dazu kommen konnte, wird derzeit ermittelt. Im ZDF-"auslandsjournal" schilderten am Mittwochabend rumänische Werksvertragsarbeiter die Arbeitssituation.

Claudiu-Ioan Simile befindet sich derzeit in Quarantäne, mit ihm sind zehn weitere Arbeiter aus seiner Unterkunft bereits mit dem Coronavirus infiziert. "Die Männer sind krank geworden und umgefallen", schildert er im Interview via Videoanruf. "Arbeiter, die positiv getestet wurden, waren trotzdem bei der Arbeit." Solange sie sich gut fühlten, habe das auch niemanden gekümmert. Abstand am Band sei in der Fabrik einfach nicht möglich gewesen.

Viele der Arbeiter seien außerdem empört, das Ministerpräsident Armin Laschet ursprünglich Rumänen und Bulgaren für den Ausbruch verantwortlich gemacht hatte. In Deutschland gab es im April etwa 130.000 Corona-Fälle - in Rumänien waren es zum selben Zeitpunkt nur rund 7.000. "Wir haben es sicher nicht mitgebracht", ist auch Claudiu-Ioan Simile überzeugt. Corona sei bereits vorher in Deutschland gewesen.

"Härteste Erfahrung meines Lebens"

Auch Alberto Gogu berichtet von seinen Erfahrungen bei Tönnies. Er ist bereits vor einigen Tagen aus Deutschland abgereist und befindet sich wieder in seiner Heimat Rumänien. Ob er mit dem Virus infiziert ist, weiß er nicht. Seine Reise dauerte fünf Tage mit dem Zug und dem Bus, bis er wieder in seinem Dorf war. "Ich arbeite seit zwölf Jahren immer wieder in Deutschland. Aber was ich in den vergangenen drei Monaten erlebt habe, war die härteste Erfahrung meines Lebens", erklärt er niedergeschlagen.

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Gogu und seine Frau gehörten zu den Ersten, die im April aufgrund der Ernteinitiative der Bundesregierung kamen, um bei der Ernte zu helfen - obwohl Deutschland damals als Corona-Risikoland galt. Auf dem Spargelhof, wo Gogu arbeiten sollte, wurde kein Abstand gehalten, weder in den Bussen, die die Arbeiter zum Feld bringen, noch in den Wohncontainern. Statt zwei Männern mussten sich vier einen Container teilen. Im "auslandsjournal" waren Aufnahmen aus den Containern zu sehen: Dicht gedrängt stehen die Betten der Arbeiter nebeneinander, Platz zum Ausweichen gibt es nicht.

Albeto Gogu verlor seinen Job auf dem Spargelhof und heuerte bei Tönnies an. Doch die Zustände waren auch hier nicht besser - im Gegenteil. "Ich hatte echt Angst, dass ich krank werde", so Gogu. "Mit 50 Kilo Fleisch im Arm, wie willst du da auf Abstand achten!" Als er einmal seine Chefin darauf aufmerksam machte, dass er krank sei und nicht mehr könne, habe sie lediglich mit den Worten "Du darfst nicht aufhören!" reagiert.

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Zwölf Jahre lang hat Gogu regelmäßig in Deutschland gearbeitet, eine Rückkehr kommt für ihn aber nun nicht mehr infrage. "Ich will nicht mehr zurück nach Deutschland, nicht mal, wenn das alles vorbei ist. So was habe ich in den 44 Jahren meines Lebens noch nicht erlebt."

Im Video: Clemens Tönnies – Fleischmogul im Corona-Sturm