Präsidentschaftswahl in Frankreich: Die Zeit der dicken Versprechen

Wahlplakate in den französischen Alpen (Bild: AFP)

Am Sonntag ist Frankreich Wahltag – und gleich vier Kandidaten liegen fast gleichauf. Das Land wirkt ziellos. Und könnte uns allen einen Alptraum bescheren.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Irgendwie scheint es in Frankreich eine Vorliebe für jene Art von Kaisern zu geben, deren neueste Kleider mit äußerst wenig Stoff auskommen. Nur noch wenige Tage vor dem ersten Wahlgang sind Versprechen und Slogans en vogue, die nach der Wahl niemals eingelöst werden könnten. Aber sie stillen die Sehnsucht nach Größe und Gloria, zumindest für kurze Zeit.

Dieser letzte Schrei schmerzt.

Da tönt von ganz links der Altkommunist Jean-Luc Mélenchon, „ich habe mein Leben dem französischen Volk gewidmet“, und kommt mit diesem Märchen auch noch gut an. Aus seiner Wundertüte quellen der Austritt aus der EU, aus der Nato, eine „Renationalisierung“ von Industrien samt einer ökonomischen Milchmädchenrechnung, die selbst gestandenen Sozialisten, die in der Schule in Mathe stets eine Fünf hatten, ob der strotzenden Denkfehler Mélenchons nur ungläubig die Stirn runzeln lässt.

Parolen auf Knopfdruck

Und auf der ganz rechten Seite positioniert sich die angebliche Post-Faschistin Marine Le Pen, die nun, da sie in den Umfragen zurückfällt, wie auf Knopfdruck zum Megaphon greift; immerhin müssen die Stammwähler mobilisiert werden, und das macht man mit Parolen möglichst unter der Gürtellinie. Daher ihr Gestammel von „Frankreich zuerst“, dem ähnlichen Bashing von EU und internationaler Kooperation und dem Impuls, Frankreich „zu verteidigen“.

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Tja, vor wem eigentlich? In Frankreich herrscht eine lebhafte Debatte über Identität. Das ist an sich ja gut, Nachdenken hilft. Nur gibt es eine Tendenz, sämtliche Unbill im Land, und derer gibt es viele, nur gewissen Gruppen anzukreiden – und diesen schwarzen Peter ziehen regelmäßig nicht die reformunwilligen Politiker, sondern jene Franzosen, deren Wurzeln etwa in der arabischen Welt oder Afrika liegen. Nicht umsonst hat dieses Land Menschenverächter wie den Schriftsteller Michel Houellebecq hervorgebracht, der mit seinem Identitätsgequatsche so groß herausgekommen ist, dass Google ihn bei der Suche nach französischen Schriftstellern noch vor Victor Hugo, Marcel Proust, Albert Camus und Jules Verne ausspuckt. Da ist etwas passiert, etwas schreckliches, und diese Suppe sollte schnell ausgelöffelt und verdaut werden.

Polarisierung hilft keinem Land

Okay, ich mache gerade den gleichen Fehler, vor dem ich in der vorhergehenden Türkei-Kolumne gewarnt habe, nämlich mit dem gehobenen Zeigefinger zu fuchteln, aber in Frankreich droht ein Erdrutsch, in dem das gesamte Lager der politischen Mitte begraben werden könnte.

Was, wenn Le Pen und Mélenchon in die Stichwahl einziehen, wenn die Franzosen die Wahl haben zwischen Pest und Cholera?

Viele Wähler erscheinen orientierungslos. Die Wirtschaft kommt nicht richtig in Gang, die Beharrungskräfte bei kastenähnlichen Politikern, Managern von monopolartigen Firmen und großen Gewerkschaften sind stark. Doch anstatt diese Anwandlungen einer vergangenen Großmacht zu bemühen, stünde den Franzosen mehr Demut und echte Reflektion gut; nicht jene Bauchpinselei des angeblich Identitären. Praktische Problemlösung statt Glorienschein, echte Solidarität statt abstrakte Ideologie – damit käme das Land voran.

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