Premier League: Pep Guardiola hat doch recht

Oliver Fritsch

Viele möchten einen Abgesang auf ihn und seinen Fußball anstimmen. Doch er gewinnt und gewinnt. Nun hat Pep Guardiola den schwersten Titel der Welt verteidigt.

"Es gibt nur einen Guardiola", sagen seine Spieler. Die Mannschaft von Manchester City lässt seinen Trainer nach der Titelverteidigung hochleben. © Mike Hewitt/Getty Images Sport/Getty Images

81 Sekunden sah es schlecht aus für Pep Guardiola. Brighton ging durch eine Ecke in Führung und nun stand Liverpool auf dem ersten Platz. Welche Klasse Guardiola hat, zeigte dann das Ausgleichstor. Die Elf von Manchester City schlug im entscheidenden Spiel wie ein Champ zurück. Sie kombinierte sich in die Gefahrenzone, im richtigen Moment folgte ein scharfes, genaues Zuspiel in den Strafraum, wo David Silva den Ball soft auf Sergio Agüero ablegte. Tor, 1:1. Wieder mal ein kleines Kunstwerk.

Es war ein klassisches Guardiola-Tor: Der Gegner verteidigte mit elf Mann, acht davon im Strafraum, die anderen drei kurz davor. Gegen dieses Dickicht bleibt Pep-Fußball das beste Unkrautvernichtungsmittel. City schoss drei weitere Tore, siegte zum vierzehnten Mal in Serie, wie in allen Matches in den Monaten Februar, März, April und Mai. Damit wurde City zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte zwei Mal hintereinander englischer Meister.

Schon wieder Guardiola! Viele möchten einen Abgesang auf ihn und seinen Fußball anstimmen. Aber er gewinnt und gewinnt. Nun hat Guardiola den Titel in der zurzeit besten Liga der Welt verteidigt. Der Wettbewerb in England ist hart, die Premier League stellt alle vier Finalisten im Europacup, erstmals seit zehn Jahren steht dasselbe Team an der Spitze wie im Vorjahr. City kann zudem den Pokal gewinnen, es wäre das erste Double in England seit Chelsea 2010. Und das alles, obwohl Guardiolas bester Spieler Kevin De Bruyne in dieser Saison oft verletzt ausfiel.

Als Liverpool, das Team Jürgen Klopps, vorige Woche den FC Barcelona, Peps Heimatclub, knapp schlug, wurde eine alte Debatte wiederbelebt. Klopp gilt in Deutschland als eine Art Gegenspieler zu dem spanischen Johan-Cruyff-Schüler, der in Deutschland mitunter verkannt, bisweilen gar verachtet wird. Vielleicht weil er in München nicht viel gewinnen konnte, denn als er kam, war der FC Bayern gerade Champions-League-Sieger geworden. Vielleicht auch weil in Deutschland der technisch feine Angriffsfußball unter Schönwetterverdacht steht.

Doch mit seinem Stil hat Guardiola im ehrlichsten Wettbewerb und dem besten Gradmesser triumphiert, der Liga. In einem K.-o.-System wie der Champions League kann man auch mal Glück haben, aber in 38 Spielen gleichen sich die Zufälle des Spiels aus. Und dort holte Guardiola in dieser Saison 98 Punkte, im Vorjahr waren es gar 100. Das macht einen Schnitt von über 2,6 pro Spiel. In saisonübergreifend 76 Spielen holte er 64 Siege, heißt: 85 Prozent der Matches gewann sein Team in dieser Zeit, schoss dabei mehr als 200 Tore bei einer Tordifferenz von insgesamt plus 151. Im Schnitt war City zwei Toren besser als der Gegner. Penetrationslosigkeit kann man ihm also nicht vorwerfen.

Seine Nachfolger haben es schwer

Noch mehr Pep-Rekordzahlen: In seinen zehn Jahren mit Barcelona, Bayern und City sammelte er 906 von 1.104 möglichen Punkten, also 82 Prozent. Acht von zehn Mal wurde er Meister – in den drei stärksten Ligen der Welt. Nur José Mourinho, damals noch ein Konkurrent von Guardiola, landete 2012 mal vor ihm. Und im ersten Jahr bei City hatte Guardiola ein paar durchwachsene Monate. Es war der Tiefpunkt seiner Karriere, er wurde Dritter.

Es stimmt freilich, dass er sich immer einen großen Verein sucht. Aber wie schwer das ist, zeigte sich in Barcelona und München, wo es nach seinem Abgang nicht mehr so gut läuft und seine Nachfolger sich nicht lange halten, vielleicht auch, weil sie an ihm gemessen werden.

Wem Zahlen zu wenig sind, findet auch andere Belege. Steckte man vor einem Match die Mannschaften in fremde Trikots oder schaute man sich das Spiel im Fernsehen ohne Farbe an, würde man nach wenigen Minuten, wenn nicht gar Sekunden, die Elf von Guardiola erkennen. Wie kein anderer Trainer der Welt verpasst er seiner Elf einen Stil und der geht so: technisch hochwertig, kontrollierter Ballbesitz, am Strafraum, im Strafraum, im Torraum.

Es ist natürlich Geschmackssache, aber Pep-Fußball ist auch wunderschön. Viele Tore fallen nach irren Kombinationen und Pässen, die kein Zuschauer oder Gegenspieler kommen sah. Der Offensivmeister lässt alle Spieler angreifen, seine Mannschaft ist stets auf ein Tor aus, aus schwierigen Situationen befreit sie sich spielend, sucht, findet und schlüpft durch die wenigen Nadelöhre, immer entsteht etwas, etwas Gemeinsames. Pep-Fußball ist Kreativität und Spontaneität. Pep-Fußball bewahrt Bolzplatzursprünglichkeit, wo elf Kinder mit einem Ball spielen, miteinander.

Es gibt auch Verehrer, die Guardiola schätzen, weil er angeblich so oft das System wechselt, vom 3–4–3 zum 4–3–3 zum 4–2–2–2. Aber darum geht es weniger auf dem Platz, solche Schemata ergeben sich im Spiel eher zufällig. Wichtiger sind für Guardiola die Qualität der Einzelspieler und die Details ihres Zusammenspiels. Der Pass ist der Kern der Sache: Der Ball wird nicht bloß übergeben, sondern man setzt den Mitspieler in Szene, schenkt ihm einen Vorteil. Die Fußballer von City passen sich den Ball mit der Sicherheit von Basketballern oder anderer Handarbeiter zu, beinahe wenigstens. Sie sagen sich Dinge, indem sie sich den Ball zuspielen. Und natürlich ist der Tiki-Taka-Pep nicht nur ins Passen verbohrt, er verehrte schon immer auch gute Dribbler.

Guardiola kauft selten fertige Stars

Wen das alles nicht von Guardiola überzeugt, der höre die Spieler von ihm reden. Jérôme Boateng sagte, Guardiola habe ihm als erster Trainer das strategische Verteidigen beigebracht. Kevin De Bruyne adelte seinen Trainer als "taktischen Meister". Philipp Lahm betonte die Komplexität der Arbeit Guardiolas. Selbst ein Spieler wie Sinan Kurt, der unter ihm in München nicht zum Zug kam, lobte dessen Detailversessenheit. Spricht man mit Spielern, die unter ihm trainieren durften, aber auch andere Coaches kennenlernten, hört man Sätze wie: "Es gibt nur einen Guardiola."

Kein Wunder, dass er stets die nötige Autorität besitzt und auch Großegos wie Zlatan Ibrahimović die Stirn bieten kann. Andere Trainer verlieren schon mal die Kabine, auch José Mourinho, Antonio Conte, Carlo Ancelotti oder Thomas Tuchel.

Guardiola hat als Nationalspieler Fußball auf dem höchsten Niveau erlebt. Weil er darüber hinaus den Trainerjob als Beruf versteht, den man mit Fleiß und Hinwendung ausübt, macht er Spieler besser. İlkay Gündoğan, der mit einem tollen Freistoß das letzte Tor der Saison erzielte, reifte unter ihm. Er hat nun erstmals in seiner Karriere eine klar definierte Rolle auf dem Feld, näher am Strafraum, wo seine Stärken besser zum Tragen kommen. Den talentierten, aber flausenhaften Leroy Sané erzieht Guardiola – eine Aufgabe, zu der Joachim Löw offenbar die Geduld fehlte. Der Flügelstürmer Raheem Sterling spielt viel stabiler als zuvor. De Bruyne wurde zum Weltstar.

Zur Erinnerung: Sané war in Schalke meist Ersatzspieler. Gündoğan hatte vor seinem Wechsel auch aufgrund seiner Verletzungen kaum noch jemand auf der Rechnung. Sterling wurde belächelt. De Bruyne fiel zuvor bei Mourinho in Chelsea durch. Klar, Manchester City gibt viele Millionen aus, aber Guardiola kauft selten fertige Stars. Er erkennt die stillen Reserven und entwickelt sie.

Tatsächlich haben die Guardiola-Skeptiker einen Punkt: Drei Mal scheiterte er in München im Halbfinale der Champions League, mit City nun zum zweiten Mal im Viertelfinale. Wie in diesem Jahr war es oft ein knappes Aus. Im Hinspiel verschoss City einen Elfmeter, im Rückspiel stand ein City-Stürmer vor dem vermeintlichen Siegtor minimal im Abseits. Haben die Finalisten Liverpool und Tottenham in dieser Champions-League-Saison besser gespielt als City? Nein, aber so ist das K.-o.-System nun mal.

Die Konkurrenz in Europa ist natürlich noch größer, zudem nimmt sie Anleihen am spanischen Fußball, der in diesem Jahrzehnt bislang fast alles gewonnen hat. Vor fünfzehn Jahren war der Spitzenfußball defensiver, italienischer. Heute ist er offensiver und der Ballbesitz in des Gegners Hälfte ist bei allen europäischen Spitzenteams ein prägendes Mittel, weil die beste Antwort auf die immer stärker werdende Verteidigung. Andere haben was von ihm übernommen. Pep hat einfach recht.

Auch Klopps Fußball ist in England feiner geworden, er hat mit besseren Fußballern zu tun. Seine Stärken sind aber andere: Er macht seine Jungs heiß, treibt sie zum Stürmen, bringt eine ganze Region hinter sich. Seine Mannschaften leben von Wucht, Dynamik, Begeisterung, auch den Fehlern des Gegners. Über den taktischen Detailarbeiter Klopp hört man wenig, stattdessen sprechen Fans, Mitarbeiter und Spieler begeistert über den Menschenfänger, der den Engländern den Brexit ausreden könnte.

Liverpool war stark wie nie

Guardiola hingegen erreicht vor allem seine Spieler. Er hat – und das ist vielleicht seine größte Schwäche – wenig Sinn für die identitätsstiftende Kraft des Fußballs, die außerhalb des Platzes liegt. Auch schlägt er keine Wurzeln und hat kein Problem für einen Club zu arbeiten, der, wenn die Recherchen des Spiegels stimmen, mit seinen Milliarden die Regeln der Uefa umgeht. Dem kühlen Katalanen würde man auch zutrauen, Katar zu trainieren, wenn es dort gute Fußballer gäbe und er was gewinnen könnte. Von Klopp könnte er sich abschauen, wie man den zwölften Mann für sich gewinnt. Der gibt in einem engen, emotionalen Spiel womöglich mal den Ausschlag.

In Sachen Struktur, Ordnung und Feintuning bleibt jedoch Guardiola der Meister. In der Rückrunde ist der Trainer ein wenig wichtiger als in der Hinrunde, weil es zunehmend in der Saison auf Führung ankommt. Da holte City acht Punkte mehr als der sehr starke Konkurrent. Auch im letzten Spiel gegen die Wolverhampton Wanderers gestattete der FC Liverpool dem Gegner Chancen und Anteile. In den Duellen, in denen es auf Qualität besonders ankam, hat er den Titel verloren. Von den sechs schwersten Auswärtsspielen Chelsea, Tottenham, City, United, Arsenal und Everton gewann Liverpool nur eins. Das direkte Duell ging mit einem Remis und einem Sieg an City.

Im Vorjahr musste José Mourinho, der mit Manchester United eine sehr starke Saison hinlegte, seinem Erzfeind Guardiola gratulieren. In diesem Jahr wurde Klopp, der mit Liverpool nur ein Mal verlor, Zweiter. Sagenhafte 97 Punkte erreichte er, die hätten in fast jeder anderen Saison zur englischen Meisterschaft genügt. Nur zwei Mal in der Historie der Premier League holte jemand noch mehr: Manchester City 2018 und Manchester City 2019, die Teams von Pep Guardiola.