Prognosen: Linksbündnis bei Parlamentswahl in Schweden knapp vorn

Bei der Parlamentswahl in Schweden liegt das linke Wahlbündnis von Ministerpräsidentin Magdalena Andersson laut ersten Prognosen mit äußerst knappem Vorsprung in Führung. Die Sender SVT und TV4 prognostizierten am Sonntagabend einen Abstand zwischen 0,6 und 2,6 Prozentpunkten zum rechten Lager. Sensationell gut schnitten demnach die rechtsradikalen Schwedendemokraten (SD) ab, die erstmals in der Geschichte Schwedens zweitstärkste Kraft werden dürften.

Laut der vom Sender TV4 veröffentlichten Prognose kamen die vier Linksparteien auf 50,6 Prozent der Stimmen und die vier Parteien des rechten Lagers auf 48 Prozent. Der Sender SVT prognostizierte einen noch deutlich knapperen Ausgang, mit 49,8 Prozent für die Linke und 49,2 Prozent für die Rechte. Beide Prognosen sahen die SD mit einem Stimmenanteil zwischen 20,5 und 21,3 Prozent als zweitstärkste Kraft. Mit aussagekräftigeren Hochrechnungen wurde für 22.00 Uhr gerechnet.

Das Rechtslager aus Moderaten, Christdemokraten und Liberalen unter Führung des Spitzenkandidaten Ulf Kristersson hatte mit einem Tabu gebrochen und war zur Wahl erstmals ein Bündnis mit den Schwedendemokraten eingegangen. Sollte das Rechtslager noch die Mehrheit bekommen, würde die ultrarechte Partei erstmals an der Regierung in Stockholm beteiligt sein.

Im Fokus des Wahlkampfes standen wachsende Kriminalität, Einwanderung und Probleme der Integration sowie die steigenden Energiepreise - Themen, mit denen die Schwedendemokraten punkten konnten. Die aus der Neonazi-Bewegung Ende der 80er Jahre hervorgegangene Partei um Parteichef Jimmie Akesson war 2010 mit 5,7 Prozent der Stimmen erstmals in den schwedischen Reichstag eingezogen, 2018 erreichten sie bereits 17,5 Prozent.

Der Aufstieg der nationalistischen Partei in den vergangenen zehn Jahren fällt mit einer deutlichen Zunahme der Einwandererzahl zusammen. Schweden mit seinen zehn Millionen Einwohnern nahm in diesem Zeitraum fast eine halbe Million Asylbewerber auf. Die klare Ablehnung von Zuwanderung und gleichzeitige Verteidigung des schwedischen Wohlfahrtsstaats machten die Schwedendemokraten bei Wählern aus unteren Einkommensschichten und Rentnern beliebt.

Die bisherige Ministerpräsidentin Magdalena Andersson von den Sozialdemokraten sagte bei ihrer Stimmabgabe, der Wahlausgang werde "sehr, sehr knapp". Die 55-Jährige hatte vor einer Regierung gewarnt, "die völlig von den Schwedendemokraten abhängig ist". Das wäre "ein anderes Schweden, das wir für vier Jahre haben würden".

Die wirtschaftlichen Turbulenzen, explodierende Energiepreise, der infolge des Ukraine-Krieges erstmals angestrebte Nato-Beitritt sowie die EU-Ratspräsidentschaft 2023 stellen die künftige Regierung in Stockholm vor große Herausforderungen.

ju/gt