Prozessbeginn sechs Jahre nach Lkw-Anschlag von Nizza

Sechs Jahre nach dem Lkw-Anschlag im südfranzösischen Nizza mit 86 Todesopfern hat in Paris der Prozess gegen acht mutmaßliche Helfer des Täters begonnen. Sieben Angeklagte erschienen am Montag vor Gericht, der achte befindet sich derzeit in Tunesien in Haft. Zu den Toten zählten auch drei Berlinerinnen.

Der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel hatte am 14. Juli 2016 einen Lastwagen in eine Menschenmenge gesteuert, die auf der Uferpromenade von Nizza das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag bestaunte. Er wurde von der Polizei noch am Tatort erschossen. Es war der schlimmste Anschlag in Frankreich seit der Terrornacht des 13. Novembers 2015, als dschihadistische Angreifer 130 Menschen töteten.

Angeklagt sind drei enge Bekannte des Täters, die laut Anklage wussten, dass dieser von Gewalt fasziniert war und sich der dschihadistischen Ideologie zugewandt hatte. Sie werden jedoch nicht mehr wie zu Beginn der Ermittlungen als Komplizen eingestuft.

Ramzi Kevin Arefa, Chokri Chafroud und Mohamed Ghraieb, welche die tunesische und teils auch die französische Staatsangehörigkeit besitzen, sind nun vielmehr wegen "Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung" angeklagt. Der 43-jährige Chafroud und der 46-jährige Ghraieb waren laut Anklage je einmal mit dem Täter wenige Tage zuvor die Strecke in dem gemieteten Lastwagen abgefahren. Beide könnten zu 20 Jahren Haft verurteilt werden.

Arefa ist der einzige Angeklagte, dem eine lebenslängliche Haftstrafe droht, weil er Wiederholungstäter ist. Dem 27-Jährigen wird vorgeworfen, den Kontakt zu den Waffenhändlern hergestellt und beim Mieten des Lastwagens geholfen zu haben. Er soll außerdem Nachrichten mit dem Täter ausgetauscht haben. Laut den Ermittlern hatte Lahouaiej-Bouhlel vor der Tat ein Selfie von sich am Steuer des Lastwagens gemacht und verschickt.

Fünf weitere Angeklagte, unter ihnen eine Frau, sind wegen Waffenhandels angeklagt. Laut den Ermittlern kannten sie weder den Täter noch den Anschlagsplan. Sie könnten zu fünf bis zehn Jahren Haft verurteilt werden.

Viele Angehörige erhoffen sich, durch den Prozess mehr über den Täter und die Umstände des Anschlags zu erfahren. "Das kann meine Tochter nicht lebendig machen, aber ich will, dass sie bestraft werden", sagte Barbara Bielfeldt, die Mutter einer getöteten Lehrerin aus Berlin. "Ich hoffe, dass am Ende die Wahrheit steht", sagte Anne Murris, die bei dem Anschlag ebenfalls ihre Tochter verloren hat. Sie rechnet mit "harten Strafen" für die Angeklagten.

Laut den Ermittlern war der Täter psychisch krank und hatte einen Hang zum Sadismus. Er hatte zuvor regelmäßig seine Frau misshandelt. Er soll sich erst wenige Wochen vor dem Anschlag der dschihadistischen Ideologie verschrieben haben. Diese sei für ihn ein "Nährboden" gewesen, um seine Gewaltfantasie auszuleben.

Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte den Anschlag für sich reklamiert. Es konnte jedoch keine direkte Verbindung des Täters zu der Organisation belegt werden. Für den Prozess haben sich knapp 900 Nebenkläger gemeldet. Das Urteil wird am 16. Dezember erwartet.

kol/jes