Psychologische Effekte - Gibt Biden auf? Um eine gute Entscheidung zu treffen, muss er vor allem: klar denken

US-Präsident Joe Biden hört zu, als während einer Zeremonie zur Verleihung der Ehrenmedaille im Weißen Haus am 03.07.2024 posthum zwei Gefreite der US-Armee geehrt werden.<span class="copyright">Susan Walsh/AP/dpa</span>
US-Präsident Joe Biden hört zu, als während einer Zeremonie zur Verleihung der Ehrenmedaille im Weißen Haus am 03.07.2024 posthum zwei Gefreite der US-Armee geehrt werden.Susan Walsh/AP/dpa

Joe Bidens Auftritt beim TV-Duell war ein Desaster, seine Umfragewerte stürzen ab und in der eigenen Partei werden Zweifel laut. Doch ob Biden kommende Woche das Handtuch wirft, hängt laut Leadership-Profi Kishor Sridhar von drei psychologischen Faktoren ab.

Letzte Woche erlebte Biden im TV-Duell so etwas wie seinen Laschet-Moment. Während Armin Laschet seine Wahlchancen weglachte, verschlief Biden seine. Das Ergebnis ist das Gleiche. Wähler wenden sich ab, die eigene Partei beginnt öffentlich an der Eignung des Kandidaten zu zweifeln.

Für sich genommen hätten beide Fehltritte nur geringe Auswirkungen auf den Wahlerfolg. Laschets Lachen beim Besuch der Flutopfer war zwar unangebracht, aber nach ein paar Tagen medialer Aufmerksamkeit hätte es keine weiteren Auswirkungen auf seine Wahlchancen gehabt.

Auch andere Präsidentschaftskandidaten wie seinerzeit Barack Obama haben in der Vergangenheit schlechte Leistungen bei TV-Duellen gezeigt und dennoch die Wahl für sich entscheiden können.

Für Laschet und Biden gilt gleichermaßen: Diese Fehltritte waren nur der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es ist ein Damm gebrochen für all die Zweifel, die innerhalb und außerhalb der Partei bestanden. Reflexartig lautet dann die politische Parole „Weiter so“ und „Jetzt erst recht“. Doch statt Durchhalteparolen ist Klarheit gefragt.

Führungskräfte in der Wirtschaft unterliegen oft drei psychologischen Verzerrungen, die sie davon abhalten, klare, manchmal radikale Entscheidungen zu treffen. In der Politik ist es oft nicht anders und es ist wahrscheinlich, dass auch Joe Biden diese drei Effekte überwinden muss, um die faktisch beste Entscheidung für sich und seine Partei zu treffen.

1. Biden kann nicht loslassen, wie auch viele andere Politiker und Führungskräfte

Kurskorrekturen in Politik und Wirtschaft werden oft vom Sunk-Cost-Effekt, dem psychologischen Phänomen der versunkenen Kosten, gebremst. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat bereits zahlreiche Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt. Je mehr man in etwas investiert hat, desto weniger ist man bereit, davon loszulassen.

Deshalb halten wir an schlechten Plänen oder Entscheidungen fest und reden sie uns schön. Dieser Sunk-Cost-Effekt führt dazu, dass Investmentbanker gutes Geld schlechtem hinterherwerfen und Unternehmen Projekte fortsetzen, von denen jeder weiß, dass sie zum Scheitern verurteilt sind, nur weil bereits viel Zeit investiert wurde. Geld, Zeit, Leidenschaft sind gefühlte Investitionen, die uns an einem aussichtslosen Plan festhalten lassen.

Jemand wie Joe Biden, der sein ganzes Leben, seine ganze Karriere in diese Präsidentschaft investiert hat, hat mehr investiert und damit versenkte Kosten als die meisten anderen, die ihn davon abhalten, eine nüchterne Entscheidung zu treffen und loszulassen.

 

2. Der Erfolg von gestern sagt nichts über den Erfolg von morgen aus

Führungskräfte und Politiker neigen gleichermaßen dazu, Erfolge von gestern zu nutzen, um den vermeintlichen Erfolg von morgen vorherzusagen. Doch dass der Firmenpatriarch in den 80er-Jahren ein Unternehmen erfolgreich aufgebaut hat, sagt nichts über die Zukunftschancen aus.

Nur weil ein Vertriebsmitarbeiter vor zwei Jahren Rekordumsätze erzielt hat, bedeutet das nicht, dass dies im nächsten Jahr so sein wird, insbesondere wenn ein gnadenloser Gegner ins Spiel kommt.

Bidens Vertraute verweisen auf seinen Erfolg als Präsident in den letzten Jahren. Doch die Menschen wählen Biden nicht für die Vergangenheit, sondern für die nächsten vier Jahre. Kann man einem alten und gebrechlich wirkenden Biden wirklich den wichtigsten und schwierigsten Job der Welt anvertrauen, nur weil er es die letzten drei Jahre ganz passabel gemacht hat?

3. Erfolg hat man selbst, an Misserfolg sind die anderen schuld

Führungskräfte, wie Politiker, vereinnahmen Erfolge gerne für sich selbst. Misserfolge hingegen werden äußeren Umständen zugeschrieben. Allgemein neigt der Mensch dazu, zu glauben, dass er mehr kontrollieren kann, als tatsächlich möglich.

Diese Kontrollillusion hat schon zu mancher Selbstüberschätzung geführt. Das kennt jeder, dessen Chef oder Chefin sich für die Leistungen des Teams brüstet, ohne wirklich dazu beigetragen zu haben.

Diese Kontrollillusion ist weitverbreitet. Donald Trump war während seiner Präsidentschaft ein Paradebeispiel dafür. Er hat persönlich Covid besiegt und Frieden auf der Welt gestiftet, an allem, was schief gelaufen ist, sind die Demokraten schuld. Und auch Joe Biden bleibt zumindest nach außen hin überzeugt, dass er alles unter Kontrolle hat und es ihm alleine möglich ist, Trumps erneute Präsidentschaft zu verhindern.

Dieses Phänomen ist auch in der Wirtschaft weit verbreitet. Auch in Unternehmen glauben viele Führungskräfte, dass ihr Team durch sie bessere Leistungen erbringt. Oft ist es jedoch so, dass Mitarbeiter trotz ihrer Vorgesetzten gute Leistungen erbringen. Für Biden stellt sich die Frage, ob die Wähler für einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten stimmen würden, weil er Joe Biden ist oder ob sie trotz Joe Biden für ihn stimmen würden.

Um schwierige Entscheidungen zu treffen, braucht es nüchterne Selbstreflexion

Politiker unterliegen genauso wie Führungskräfte aus der Wirtschaft psychologischen Verzerrungen. Da hilft nur eines: klares Denken und nüchterne Selbstreflexion.

Auch Joe Biden braucht nun klare, nüchterne Selbstreflexion und sollte sich und seinen Vertrauten zwei Fragen stellen:

  • Was fehlt wirklich, um Trump zu schlagen?

  • Und was kann er selbst noch dazu beitragen, um aufzuholen und die Lücke zu füllen?

Entweder haben Joe Biden und sein Team noch eine Überraschung parat, die binnen der nächsten Wochen die Wende bringt, oder er müsste psychologische Wahrnehmungsverzerrungen überwinden und rational betrachtet zu dem Schluss gelangen, dass er Platz machen müsste für einen besseren demokratischen Kandidaten, damit dieser neue Kandidat Joe Bidens eigentliches Ziel erfüllt: eine erneute Präsidentschaft von Trump zu verhindern.