Eine "Pulverisierung" des gemeinsamen Menschheitserbes

Die Zerstörung Jahrtausende alter Kunstschätze in der irakischen Ruinenstadt Nimrud durch Angehörige des Islamischen Staats (IS) hat in der archäologischen Fachwelt Bestürzung ausgelöst. "Der Schaden ist kaum zu bemessen", sagte Lutz Martin, stellvertretender Leiter des Vorderasiatischen Museums in Berlin, der Nachrichtenagentur AFP am Freitag. Eine Restauration der bis zu 3000 Jahre alten Skulpturen sei angesichts der gezielten Zerstörung mit Maschinen wie Planierraupen und Presslufthämmer kaum mehr vorstellbar, sagte der Archäologe.

Das Vorderasiatische Museum im Pergamonmuseum beherbergt eine der weltweit größten Sammlungen historischer Kunstgüter aus der Region. Darunter befinden sich neben Kopien der berühmten assyrischen Torhüter-Figuren, den "Lamassu", auch ein gutes Dutzend Originalreliefs aus Nimrud, die schon 1855 aus London nach Berlin kamen. "Als ehemalige Hauptstadt des neuassyrischen Reiches zählt Nimrud zu den wichtigsten Kulturstätten des Nahen Ostens", erklärte Martin, der selbst schon an mehreren Ausgrabungen in Syrien und dem Irak beteiligt war.

Die Dschihadisten hätten die von ihnen als Götzenbilder abgelehnten Artefakte geradezu "pulverisiert", sagte Martin. Sein Museum habe in den vergangenen Jahren antike Statuen aus dem syrischen Tell Halaf erfolgreich restauriert, die im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zerstört worden waren. Bei diesen sei die Zerstörung jedoch nicht beabsichtigt gewesen, sagte Martin. Noch sei das genaue Ausmaß des Vandalismus in Nimrud zwar nicht bekannt. Doch es stehe zu befürchten, dass etliche der dortigen Objekte unwiederbringlich verloren seien.

Bedrohte Kunstwerke zu deren Schutz ins Ausland zu verbringen hält der Wissenschaftler für keine Alternative. Dies sei nicht nur äußerst kompliziert, sondern werde von den Verantwortlichen in den betroffenen Ländern auch "sicher nicht gewünscht", sagte Martin.