Quereinstieg: "180 Menschen, gut ausgebildet – und dann ich: Sohn des Chefs"

Fabian Schremmer ist Polizist, doch das Unternehmen des Vaters fasziniert ihn zu sehr. Er schult um, wird irgendwann Geschäftsführer. Und ist nun Chef seiner Geschwister.

Mit 30 Jahren entschied Fabian Schremmer, die Polizeiuniform abzulegen – und stattdessen Anzug zu tragen.  © Ruthson Zimmerman/​unsplash.com
Mit 30 Jahren entschied Fabian Schremmer, die Polizeiuniform abzulegen – und stattdessen Anzug zu tragen. © Ruthson Zimmerman/​unsplash.com

Manchmal fühlt es sich nicht mehr richtig an, in dem Beruf zu arbeiten, den man seit vielen Jahren ausübt. Oder das Gehalt ist zu gering, Aufstieg nicht möglich, der Job droht wegen des Strukturwandels wegzufallen. Unter dem Stichwort "Neubeginn" berichten Menschen, wie es ist, den alten Beruf aufzugeben und umzuschulen. Hier erzählt der 35-jährige Fabian Schremmer, der Polizeikommissar war und sich zu seinem 30. Geburtstag entscheidet, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Nach nur einem Jahr Übergangszeit wird er Geschäftsführer im Unternehmen seines Vaters.

Fabian Schremmer arbeitete als Schutzpolizist in München, heute ist er Unternehmer. © privat
Fabian Schremmer arbeitete als Schutzpolizist in München, heute ist er Unternehmer. © privat

Das war meine alte Arbeit

Es gibt ja diese klassischen Das-will-ich-später-mal-werden-Berufe, von denen die meisten Kinder träumen: bei der Feuerwehr zu arbeiten, bei der Müllabfuhr, bei der Polizei. Ich war so ein Kind – und der Wunsch, Polizist zu werden, hielt bis nach meinem Schulabschluss an. 2004 versuchte ich das erste Mal, die Aufnahmeprüfung zu bestehen – und scheiterte an den Einstellungsquoten. Den Aufnahmetest hatte ich sehr gut hinbekommen, aber es gab kaum Plätze. Ein halbes Jahr musste ich warten, dann klappte es. Ich wurde zum Polizisten ausgebildet und studierte drei Jahre, um Polizeikommissar zu werden. Anschließend arbeitete ich, ebenfalls sehr klassisch, als Schutzpolizist in München. Das heißt, ich fuhr mit dem Auto Streife, nahm Unfälle und Strafanzeigen auf, war bei Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz oder dem G7-Gipfel dabei. Dann wechselte ich zum Polizeikooperationszentrum nach Passau. Dort arbeiten Kolleginnen und Kollegen der deutschen und österreichischen Bundespolizei mit der bayerischen Landespolizei zusammen. Die meisten machen das bis zum Ruhestand. Weil der Job sicher ist, das Gehalt stimmt, man später eine gute und vor allem sichere Pension beziehen wird. Staatsdienst eben.

 

Warum ich wechseln wollte

Als ich mich zum ersten Mal auf die polizeiliche Aufnahmeprüfung vorbereitete, entschied mein Vater, sich selbstständig zu machen. Er war damals 40 und es war sein Lebenstraum, eines Tages ein eigenes Unternehmen zu haben. Er hat nicht studiert, sondern sich als gelernter Elektriker bis zum Mitglied der Geschäftsführung hochgearbeitet. Nun also ein eigenes Unternehmen, ein mittelständischer Betrieb, Blechverarbeitung. Seine Selbstständigkeit und das neue Unternehmen wurden das Thema bei uns zu Hause. Ich merkte, dass ich mich für diese Firma zunehmend interessierte. Dazu kam, dass meine beiden Geschwister nach der Schule begannen, in dem Unternehmen zu arbeiten. Auch meine Mutter wurde involviert, sie ist gelernte Kauffrau. Der Großteil meiner Familie war also Teil des, ja, Familienunternehmens. Einerseits war ich manchmal froh, außerhalb ihrer Wir-haben-jetzt-gegründet-Blase zu sein. Andererseits war es komisch, nicht mitreden zu können.

Die berufliche Umorientierung meines Vaters und meine berufliche Erstorientierung fielen also zeitlich zusammen. Da war mein Kindheitstraum, für den ich Sprints übte, an meiner Koordination arbeitete, Ausdauer trainierte. Und da war der Lebenstraum meines Vaters, der ihn sehr herausforderte, meine Lust weckte, mitzugestalten. Als ich – vor allem während der Ausbildung zum Polizisten – in teils langweiligen Kursen saß, begann ich, mich zu fragen, ob das wirklich die Arbeit bis zu meiner Pension sein sollte.

"Ich weiß nicht, wie dieser Findungsprozess verlaufen wäre, hätte ich meine Frau nicht gehabt."

Fabian Schremmer, Geschäftsführer

 

So bin ich auf den Job gekommen

Mein Vater hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich in seinem Unternehmen arbeiten soll. Er hat mich nicht gedrängt, weil er ja mitbekommen hatte, dass mein Wunsch, Polizist zu werden, nicht einfach so dahingesagt war. Also begann ich, gemeinsam mit meiner Frau, die Vor- und Nachteile beider Berufe abzuwägen. Um die Ergebnisse festzuhalten, schrieb ich viele, viele Pro-Contra-Listen. Uns beruhigte es, zu wissen, dass sie – als Lehrerin arbeitend – so viel verdient, dass wir als Familie im Notfall auch nur mit ihrem Gehalt auskommen würden. Ich weiß nicht, wie dieser Findungsprozess verlaufen wäre, hätte ich meine Frau nicht gehabt. Denn was meinen Vater angeht: Einerseits war ich dankbar, dass er keinen Druck ausübte. Andererseits hätte ich an einem gewissen Punkt doch schon gerne gehört, dass er meine Idee, bei ihm mitzumachen, gut findet. Und dass er sich freuen würde, mich dabeizuhaben. Schließlich entschied ich mich, in seiner Firma einzusteigen. Allerdings nur, wenn mein Vater zustimmen würde, dass ich eines Tages seinen Job übernehme und Geschäftsführer werde. Es ging mir dabei nicht um Macht. Sollte ich den Wechsel wagen, wollte ich mich nicht verschlechtern – monetär, aber auch, was die Verantwortung und die Aufgaben betrifft. Ich wurde designierter Nachfolger.

 

So klappt der Quereinstieg

Da ich ja keine Ahnung vom Unternehmersein hatte, entschied ich, mich an der Technischen Hochschule in Deggendorf für einen berufsbegleitenden Masterstudiengang zur Unternehmensnachfolge einzuschreiben. Dort sitzend merkte ich, wie gut es tat, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können. Es half, zu hören, dass auch andere als Sohn oder Tochter bald Chefs beziehungsweise Chefin werden würden, wie sie darüber dachten, welche Konflikte sie hatten, wie sie mit diesem Rollenwechsel umgingen. 2017, als ich begann, mich auf das Dasein als zukünftiger Geschäftsführer vorzubereiten, hatte das Unternehmen 180 Mitarbeiter. 180 Menschen, die in ihren jeweiligen Bereichen gut ausgebildet sind und viele Jahre Berufserfahrung haben. Und dann ich: ein ehemaliger Polizist, fachfremd, der Sohn des Chefs. Ich merkte, wie ich beäugt wurde.

Im Unternehmen wird Blech verarbeitet, das heißt, wir fertigen bestimmte Teile und Gehäuse aus Edelstahl, Stahl oder Aluminium an. Ich begann, in der Fertigung zu arbeiten. Lernte, unter anderem, Maschinen und Anlagen zu bedienen. Ich versuchte, stets früher als die Kolleginnen und Kollegen in der Halle zu sein und möglichst lange zu bleiben. Ich versuchte auch, schnell zu lernen. Ich wollte keine Sonderbehandlung. Unter den 180 Mitarbeitern waren ja auch meine beiden Geschwister. Beide waren und sind in leitenden Positionen tätig. Anfangs sprachen nur mein Vater und ich über meine Pläne, erst, als wir uns geeinigt hatten, weihten wir meine Geschwister ein. Ich hatte große Angst vor ihrer Reaktion. Würde es Widerstand geben? Würden sie meine Zukunftspläne boykottieren? Ich wusste es nicht.

"Ein Jahr lang hatte ich in der Produktion gearbeitet, als es meinem Vater mit einem Mal gesundheitlich schlechter ging. Ich musste also übernehmen."

Fabian Schremmer, Geschäftsführer

 

So läuft es im neuen Job

Die Zusammenarbeit mit meinen Geschwistern klappt gut. Es gibt Themen, bei denen ich weiß, dass ich sie mit den beiden anders besprechen muss, und das mache ich dann auch. Ich fülle die Position des Geschäftsführers anders aus, als mein Vater das getan hat. Dass es diesen Unterschied gibt, liegt daran, dass er Gründer und Inhaber ist – ich bin als Geschäftsführer mit anderen Erfahrungen dazugekommen. Bei der Polizei habe ich gelernt, dass man als Team viel mehr erreichen kann. Seit ich im Unternehmen bin, stärke ich die mittlere Führungsebene. Gebe Verantwortung ab. Vertraue den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mittlerweile habe ich das Gefühl, mich ausreichend bewiesen zu haben und von allen akzeptiert zu sein. Meinen Vater empfinde ich als eine Art beratenden Freund. Er gibt mir Ratschläge, kritisiert mich aber auch. Seine Präsenzstunden im Unternehmen hat er reduziert, um mir als neuem Geschäftsführer Raum zu lassen.

 

Welche Probleme es gibt

Ich wusste ja, dass ich meinen Vater eines Tages ablösen würde – dass es dann so schnell gehen würde, kam jedoch überraschend. Ein Jahr lang hatte ich in der Produktion gearbeitet, als es meinem Vater mit einem Mal gesundheitlich schlechter ging. Ich musste also übernehmen. Von einem auf den anderen Moment Entscheidungen zu treffen, die weitreichend sein können, davor hatte ich großen Respekt. 2020 dann kam die Pandemie, wurde das Material knapper, jetzt gibt es Krieg in der Ukraine. Krisenmodus. Das größte Problem ist der Fachkräftemangel für unsere Firma. Ausreichend geeignetes Personal zu finden, ist inzwischen eine wachstumsentscheidende Größe. Mein Vater, dessen Zuspruch mir damals, bei der Entscheidung, zu wechseln, gefehlt hat, sagte mir nun schon ein paar Mal, dass es das Unternehmen in der Form wohl nicht mehr geben würde, wäre ich nicht da. Das zu hören, tut natürlich sehr gut. Und es spornt mich unglaublich an, auch weiter gute Arbeit zu machen und meinen Weg zu gehen.

 

So haben sich mein Gehalt und meine Zufriedenheit verändert

Dass ich nun mehr verdiene, ist nicht entscheidend für mich. Meine Frau und ich, unsere Familie, wir haben ein Dach über dem Kopf, haben enorme Freiheiten, genug zu essen und zu trinken, haben wunderbare Kinder und sind alle gesund. Mehr braucht es im Grunde auch schon nicht.

Obwohl unser Unternehmen sehr gut dasteht und beständig wächst, ist die Sicherheit nicht mit der einer Verbeamtung zu vergleichen. Ja, ich verdiene deutlich mehr, arbeite aber auch deutlich mehr und trage die gesamte Verantwortung. Heißt: Ich habe mehr Stress. Als Polizist trägt man natürlich auch viel Verantwortung, ist aber letztlich in seiner Funktion Teil einer staatlichen Behörde, eines übergeordneten Systems. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam und meine Uniform auszog, streifte ich damit auch die Gedanken an meine Arbeit ab. Das ist jetzt anders. Wenn es nachts in der Produktion ein Problem gibt, kann ich nicht einfach weiterschlafen. Als Geschäftsführer bin ich maßgeblich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich, viele von ihnen haben selbst Familie. Der Druck, ihnen weiter einen Arbeitsplatz bieten zu können, ist groß. Diese Verantwortung ist jedoch auch eine Ehre, zumindest empfinde ich es so: Wenn ich gute Arbeit mache, wenn die Kolleginnen und Kollegen gute Arbeit machen, geht es dem Unternehmen gut und damit all den Familien, die daran hängen.

Was mir gefällt: Als Polizist war ich eher in einer eigenen Welt unterwegs, die von außen her kaum zugänglich ist. In der freien Wirtschaft ist das Netzwerk ein ganz anderes, sowohl branchenübergreifend als auch gesellschaftlich. Der Austausch ist intensiver, die Anerkennung größer.

 

Ist das jetzt der Job fürs Leben?

Es waren einige Jahre, die es brauchte, bis ich zu meiner jetzigen Position gefunden habe. Und auch, wenn die ersten Jahre als Geschäftsführer sehr intensiv waren – ich merke, dass ich beruflich angekommen bin. Das Gefühl, unser Familienunternehmen als zweite Generation zu lenken, hoffentlich weiter erfolgreich zu steuern, erfüllt mich mit Glück.

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