Die Mär vom Rückenwind der AfD: Sogar die Europawahl zeigt, wie stark die AfD zuletzt an Zustimmung verloren hat – Analyse

Alice Weidel, Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende der AfD, und Tino Chrupalla, AfD-Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD, geben eine Pressekonferenz nach der Europawahl. - Copyright: Picture Alliance
Alice Weidel, Parteivorsitzende und Fraktionsvorsitzende der AfD, und Tino Chrupalla, AfD-Bundesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD, geben eine Pressekonferenz nach der Europawahl. - Copyright: Picture Alliance

Die AfD sieht sich im Aufwind. Bei der Europawahl wurde die Partei in Deutschland mit 15,9 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft. „Mehr Rückenwind gibt's ja nicht", triumphierte Parteichef Tino Chrupalla am Wahlabend. Gegner der in Teilen rechtsextremen Partei erschraken vor dem Ergebnis und fürchten, die AfD könne schon bald in die Nähe der Macht kommen. Die Wahrheit ist - wie oft - komplizierter, wie ein genauer Blick auf das Wahlergebnis zeigt. Die AfD ist zwar stark, Rückenwind hat sie aktuell aber nicht. Im Gegenteil hat die zuletzt stark an Zustimmung verloren.

Die Freude der AfD und das Erschrecken ihrer Gegner bezieht sich den Vergleich der Europawahl mit dem Ergebnis der vorigen Europawahl 2019. In diesem Vergleich legte die AfD um 4,8 Prozentpunkte auf einen Stimmenanteil von 15,9 Prozent zu. In allen ostdeutschen Bundesländern erhielt die AfD zudem die meisten Stimmen einer Partei. Und dort sind bald Landtagswahlen, am 1. September in Thüringen und Sachsen sowie am 22. September in Brandenburg.

AfD verliert seit Jahresanfang ein Viertel ihrer Wähler

Es gibt aber auch eine andere Sicht auf das Wahlergebnis und den Trend für die AfD. Zu Jahresbeginn lag die AfD in den Umfragen zu Europawahl noch bei 22 Prozent. Seither hat die Partei stetig an Zustimmung verloren. Legt man die Wahlbeteiligung bei der Europawahl von 64,8 Prozent zugrunde, haben sich seit Jahresbeginn über 2,4 Millionen Menschen von der AFD abgewendet. Statt der damals hochgerechnet 8,8 Millionen Menschen wählten am Sonntag 6,3 Millionen die AfD. Anders gesagt, verlor die AfD seit Jahresbeginn etwa eine Viertel der Menschen, die sie damals noch wählen wollten.

Ein ähnliches Bild geben die regelmäßigen Umfragen zur Bundestagswahl und auch zu den Landtagswahlen. Bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl fiel die AfD seit Jahresbeginn von durchschnittlich 21,9 Prozent auf aktuell 16,5 Prozent. Das entspricht einem ähnlich hohen Verlust.

Auch den Umfragen zu den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg büßt die AfD ein, die Verluste sind dort aber geringer. Die AfD liegt in den Umfragen zu allen drei Landtagswahlen vorn. Der Vorsprung war zuletzt aber kleiner worden. Details gibt es in diesem Artikel.

Das sind die Gründe für das Abrutschen der AfD

Dass die AfD aktuell eher Gegenwind als Rückenwind hat, liegt laut Meinungsforschern an vielfälgigen Gründen. Ein wichtiger Faktor ist das neue Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Die Partei der früheren Linken-Politikerin vertritt bei Themen wie der Zuwanderung oder Russlands Krieg gegen die Ukraine ähnliche Positionen wie die AfD. Beide Parteien unterstützen eher Russland und blieben am Dienstag demonstrativ der Rede des ukrainischen Präsidenten Selensky im Bundestag fern. Wie die AfD spricht auch das BSW vorranging Wähler im Osten an, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind. Als Partei mit eher linkem Hintergrund grenzt sich das BSW aber von rechtsextremen und völkischen Tendenzen ab - anders als die AfD.

Die Nähe der AfD zu Rechtsextremen, Neonazis und offen völkischem Gedankengut wird als zweiter wichtige Grund ihrer Verluste in Umfragen genannt. Das erste Abrutschen der AfD lösten Enthüllungen aus, dass die AfD mit dem Gedanken spielt, Ausländer und auch Deutsche mit ausländischen Wurzeln zu deportieren. Es folgten Demonstrationen gegen Extremisten und für die Demokratie in vielen Städten.

Der Verfassungsschutz stuft Teile der AfD auch wegen solch völkischem Gedankenguts als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung" ein. Gerichte bestätigten dies. Der Thüringische AfD-Spitzenkandidat Björn Höcke wurde wegen des Verwendens einer Nazi-Parole zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Urteil in erster Instanz ist noch nicht rechtskräftig.

Ihre beiden Spitzenkandidaten für die Europawahl zog die AfD aus dem Wahlkampf an. Gegen Petr Bystron laufen Ermittlungen wegen des Verdachtes, er habe Geld aus Russland angenommen. Spitzenkandidat Maximilian Krah sorgte mit verharmlosenden Äußerungen zur Nazi-Organisation SS dafür, dass sogar die rechte ID-Fraktion im Europäischen Parlament die AfD ausschloss. Gegen einen Mitarbeiter Krahs laufen Ermittlungen wegen des Verdachts der Spionage für China.

Kern der AfD-Wähler ist Rechtsextremismus egal

Am Montag schloss die AfD Krah dann aus ihrer Delegation im Europäischen Parlament aus - also ausgerechnet jenen Politiker, der am Sonntag bei der Europawahl auf allen Wahlzetteln namentlich die Wahlliste der AfD angeführt hatte.

Wie sich das Wahlergebnis der AfD bei der Europawahl auf die Zustimmung zu der Partei auswirkt, ist offen. Der Verlust an Zustimmung bezieht sich schließlich rückblickend auf die Zeit seit Jahresbeginn. Interessant ist dazu auch ein Befund: In einer Befragung nach der Wahl gaben 82 Prozent der befragten AfD-Wählenden an, dass es ihnen egal sei, dass die Partei in Teilen als rechtsextrem gilt, solange sie die richtigen Themen anspreche.

Die Zahlen der Umfragen stammen direkt von den Instituten oder von der Website wahlrecht.de.