Deutsche Ostseeküstenfischerei unter Druck

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Fischer fangen derzeit im Greifswalder Bodden Heringe. Fischer Dirk Baumann durfte vor fünf Jahren noch 220 Tonnen Hering fischen, im Jahr 2021 liegt seine Quote bei nur noch acht Tonnen.
Fischer fangen derzeit im Greifswalder Bodden Heringe. Fischer Dirk Baumann durfte vor fünf Jahren noch 220 Tonnen Hering fischen, im Jahr 2021 liegt seine Quote bei nur noch acht Tonnen.

Sinkende Fangquoten sollen Fischbestände in der Ostsee schützen, denen der Klimawandel zusetzt. Sie könnten sich erholen, so dass auch Fischer wieder mehr fangen dürften. Doch es hakt.

Greifswald (dpa) - Als der zehn Meter lange Kutter «Seewolf» am frühen Morgen sein Ziel im Greifswalder Bodden erreicht, ist es noch dunkel, die Temperatur liegt im Minusbereich. Zwischen pommerschem Festland und der Insel Rügen hat Fischer Dirk Baumann am Vorabend seine Netze gestellt.

Jetzt holt er sie mit zwei Helfern ein. Darin: 700 Kilogramm Heringe, die silbern im Scheinwerferlicht glänzen. «Vor vier, fünf Jahren haben wir 220 Tonnen fischen können, und jetzt darf ich 8 fischen - mehr nicht», sagt der 55-Jährige, der seit 1983 Fischer ist. Grund sind die für dieses Jahr nochmals gesenkten Fangquoten für Hering in der westlichen Ostsee. Andere Kollegen dürften gerade einmal zwei, drei oder fünf Tonnen fischen, sagt Baumann. «Da kann man kaum die Kosten von bezahlen.»

An der deutschen Ostseeküste gibt es immer weniger Fischer. Zuletzt wurden in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein an der Ostsee nach Angaben der Länder noch 417 Berufsfischer gezählt. 2010 waren es demnach 650, Anfang der 1990er Jahre noch mehr als 1300. «Das liegt natürlich auch daran, dass die Quoten in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind», sagt Claus Ubl vom Deutschen Fischereiverband. «Gerade, was die beiden Brotfischarten an der Ostsee betrifft, den westlichen Dorsch und den westlichen Hering.» Von diesen Fischen hätten die Fischer traditionell gelebt. «In Mecklenburg-Vorpommern noch mehr vom Hering und in Schleswig-Holstein noch mehr vom Dorsch.»

Christopher Zimmermann leitet das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock. Dessen Bestandsprognosen sind zusammen mit denen von Instituten anderer Anrainerstaaten maßgeblich für die Festlegung der Fangquoten durch die EU. Die Fangmenge für den Hering der westlichen Ostsee sei seit 2017 um 94 Prozent gesenkt worden, sagt Zimmermann. Auch dem für Schleswig-Holstein wichtigen Westdorsch gehe es nicht gut. «Auch da sind die Quoten in den letzten Jahren um fast 90 Prozent gesenkt worden». Für 2021 seien sie zwar etwas erhöht worden, wegen schwachen Nachwuchses sei eine erneute Senkung aber absehbar.

Dass es dem Hering der westlichen Ostsee so schlecht geht, hat nach einer Studie des Thünen-Instituts zum größten Teil mit dem Klima zu tun. Demnach stören warme Temperaturen im Winter die Entwicklung der Heringslarven. Seit etwa 2004 lasse die Nachwuchsproduktion nach, sagt Zimmermann. «Und immer, wenn wir denken, tiefer kann es nicht runter gehen, geht’s noch tiefer runter». 2020 sei das schlechteste Jahr gewesen, seit das Institut vor 30 Jahren mit Untersuchungen dazu begonnen hat. 2020 sei in der westlichen Ostsee der wärmste Winter in dem Zeitraum gewesen. Die Wissenschaftler geben die Produktion des Nachwuchses anhand eines Index wieder. Der liege im Schnitt bei etwa 10.000. Für 2020 liege er bei 230 - «die blanke Katastrophe» sei das.

Da man den Klimawandel nicht zurückdrehen könne, blieben nur Fangquoten, um Bestände zu stärken. Theoretisch könne der Hering der westlichen Ostsee trotz Klimawandels zehnmal so viel Ertrag liefern wie aktuell, betont Zimmermann. Das wäre aber immer noch weniger als die Hälfte dessen, was er Anfang der 1990er Jahre geliefert habe. Es gibt laut Zimmermann allerdings einen Haken: Die Heringe wanderten - etwa in den Kattegat und Skagerrak. Hier seien die Fangquoten in den vergangenen vier Jahren aber nur um etwas über 50 Prozent reduziert worden. «Was am Ende dazu führt, dass einfach mehr Hering im Kattegat und Skagerrak von den Skandinaviern gefischt wird und unsere Fischer in die Röhre gucken.» Daher erhole sich der Hering nicht.

Für Fischer Dirk Baumann haben auch zwei natürliche Fressfeinde einen erheblichen Einfluss: Kormorane und Kegelrobben würden zu viel Fisch fressen. «Und wir kriegen dafür die Quittung. Wir kriegen die Quoten gekürzt.» Institutsleiter Zimmermann hält dagegen, dass Kormorane nach seinen Erkenntnissen kaum Einfluss auf die Population von Hering oder Dorsch haben. Er weiß aber um die Probleme mit Robben. Die fressen nach seinen Worten Heringe aus Stellnetzen so heraus, dass nur noch die Grete übrig bleibe.

Für seine Zukunft ist Baumann wenig optimistisch: «Das wird so kommen, dass wir uns wohl vor der Rente noch an Land einen Job suchen müssen.» Die Fischereigenossenschaft, bei der auch Baumann Mitglied ist, schrumpft nach Aussage des Vorsitzenden, Michael Schütt. Die 26 Plätze mit Liegeplatz und Fischerhütte seien jahrzehntelang begehrt und belegt gewesen. Wenn ein Fischer aufgehört habe, sei ein anderer nachgerückt. «Jetzt geht es nicht mehr.» In den vergangenen zwei, drei Jahren sei die Mitgliederzahl auf 21 gesunken. Andere Genossenschaften hätten schon aufgehört oder dächten darüber nach.

Zimmermann fordert, die Entwicklung der Fangflotte nicht dem Markt zu überlassen. Stilllegungsprämien etwa sollten so auf unterschiedliche Schiffsgrößen verteilt werden, dass kleinere Boote in Betrieb bleiben, die etwa für den Verkauf vor Ort oder den Tourismus wichtig sind. Aber auch größere Schiffe, damit Genossenschaften und Verarbeitung an Land weiter bestehen. Man müsse sich jetzt überlegen, wie die Ostseeküstenfischerei in 30 Jahren aussehen soll. Auf so eine langfristige Strategie aber habe die Politik bisher «wenig Appetit».