Raketenattacke auf Kiew - Experte zu Putins Großangriff: „Russen nutzen die Zeit, solange sie die Oberhand haben”

Heftiger Raketenangriff: Luftalarm in der gesamten Ukraine, Explosionen in Kiew<span class="copyright">dpa</span>
Heftiger Raketenangriff: Luftalarm in der gesamten Ukraine, Explosionen in Kiewdpa

Die Lage in der Ukraine hat sich am Montag dramatisch zugespitzt, nachdem die russische Armee das Land in mehreren Angriffswellen massiv bombardiert hat. Militärexperte Ralph Thiele erklärt, worauf der russische Angriff abzielt.

In Kiew sind bei russischen Angriffen nach Angaben des Innenministeriums mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Auch ein Kinderkrankenhaus sei getroffen worden. Auch in anderen Teilen des Landes hat das russische Militär Ziele angegriffen, etwa in der westukrainischen Stadt Schytomyr sowie in den Städten Dnipro und Krywyj Rih im Südosten. Was steckt hinter dieser heftigen Angriffswelle?

Schwächung der ukrainischen Luftabwehr

Der Militärexperte Ralph Thiele erklärt in einem Interview mit FOCUS online, dass die russischen Angriffe die ukrainische Luftabwehr schwächen sollen, vor allem „weil die Waffen- und Munitionslieferungen aus dem Westen nicht rechtzeitig angekommen sind“.

„Die Russen nutzen jetzt die Zeit, solange sie noch die Oberhand haben“, erklärt er weiter. Der Experte betont, dass die aktuellen Angriffe die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine herausfordern würden, „insbesondere durch den Einsatz von Hyperschallraketen“.

Denn: Die Hyperschallraketen würden den Einsatz der ukrainischen Patriot-Raketen als Gegenmaßnahme erfordern. Mit anderen Worten: Das russische Bombardement aus der Luft soll die ukrainische Abwehrmunition leerlaufen lassen. Und das gelingt derzeit, weil die Ukraine zur Abwehr einer Hyperschallrakete mehrere Patriot-Raketen einsetzen muss. „Die sind nach den jüngsten Angriffen schnell aufgebraucht“, resümiert Thiele.

„Nicht auszuschließen, dass dies ein bewusster Angriff auf zivile Infrastruktur war“

Der Russland-Experte Gerhard Mangott vermutet, dass Putin mit der massiven Attacke seine Stärke gegenüber der Ukraine beweisen wollte. Und: „Es ist nicht auszuschließen, dass dies ein bewusster Angriff auf zivile Infrastruktur war“, sagte er dem RND.

Danielle Bell, die Leiterin der Beobachtermission für Menschenrechte der Vereinten Nationen in der Ukraine, nannte den Angriff „einen der ungeheuerlichsten Angriffe, die wir seit Beginn der Invasion erlebt haben“.

Das Personal habe die kleinen Patientinnen und Patienten kurz vor dem Angriff am Montag im Bunker in Sicherheit gebracht, sagte sie. Ansonsten wäre die Opferzahl deutlich höher gewesen. Nach ihren Angaben kamen bei dem Angriff zwei Menschen ums Leben.

Die Weltgesundheitsorganisation hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 fast 1900 Angriffe auf Krankenhäuser, Arztpraxen, Krankenwagen und ähnliche Ziele gezählt. Nach dem universell geltenden humanitären Völkerrecht dürfen solche Einrichtungen zur Gesundheitsversorgung nicht angegriffen werden, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz schon oft auf X erklärt hat.

Langfristige Entwicklung des Konflikts

Experte Thiele warnte nun davor, dass die zunehmende Brutalität des Konflikts die Aussichten auf Friedensverhandlungen erheblich erschweren könnten, da „beide Seiten versuchen, ihre Position zu verbessern“. „Allerdings werden die Ukrainer noch einige Monate brauchen, um signifikante Erfolge zu erzielen, wahrscheinlich bis zum Frühjahr nächsten Jahres.“

Thiele prognostiziert weiter, dass sich der Konflikt zu einem Abnutzungskrieg entwickelt, der sowohl die militärischen Kräfte als auch die innenpolitische Stabilität der Ukraine stark belasten wird. „Die ständigen Angriffe erschweren Verhandlungen und erhöhen die Gewaltbereitschaft“, so Thiele.

Die Botschaft Putins sei ganz klar, meint auch Mangott: „Ihr eskaliert, wir eskalieren“, vor allem im Hinblick auf die Unterstützung des Westens in den vergangenen Wochen.