Ramelow im ZDF: "Ich habe sechs Stunden auf einen Bildschirm geschaut"

Frank Rauscher
·Lesedauer: 5 Min.
"Bis 23.45 Uhr habe ich nicht gewusst, wo die Bundeskanzlerin ist und ein Teil der Ministerpräsidenten abgeblieben ist", sagte Ramelow am Mittwoch im "ZDF-Morgenmagazin". (Bild: ZDF / Screenshot)
"Bis 23.45 Uhr habe ich nicht gewusst, wo die Bundeskanzlerin ist und ein Teil der Ministerpräsidenten abgeblieben ist", sagte Ramelow am Mittwoch im "ZDF-Morgenmagazin". (Bild: ZDF / Screenshot)

Was bringen die neuen Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz? - Dunja Hayali und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow lieferten sich dazu im "Morgenmagazin" einen kleinen Schlagabtausch. Der Linken-Politiker ließ dabei auch tief blicken, wie in der Nacht zum Dienstag diskutiert wurde.

In einer weiteren Mammutsitzung haben sich Bundesregierung und Ministerpräsidenten auf zusätzliche Schließtage zu Ostern geeinigt - seither geht es hoch her im Land: Über das, was in der Nacht zum Dienstag als Ergebnis präsentiert wurde, wird viel gestritten, auch weil diverse Unklarheiten nach wie vor nicht ausgeräumt sind. Am Mittwochmorgen lieferten sich dazu Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Moderatorin Dunja Hayali einen Schlagabtausch, als im ZDF- "Morgenmagazin"-Interview die Frage "Was bringen uns die Beschlüsse?" erörtert wurde.

"Fünf Tage harter Mini-Lockdown mit offenen Supermärkten am Samstag - das soll nun helfen?", leitete Hayali das ausführliche Gespräch mit dem Politiker ein. "Von einer umfassenden Strategie und Öffnungsperspektive sind wir weit entfernt", kommentierte die Reporterin. Leidtragende seien "Kinder, Kultur, Restaurants, Hotels, Einzelhandel und viele, viele mehr". Ramelow verwies auf die veränderte Pandemielage durch die Virus-Mutationen. Vor allem Länder, die an den Grenzgebieten zu Tschechien und Frankreich liegen, seien davon betroffen, sagte Thüringens Ministerpräsident und prangerte die "fatale Fehlentwicklung mit den Mallorca-Flügen" an: "Wir sind auf einmal innerhalb der Bundesrepublik unter Druck geraten, weil alle Menschen dachten, dass jetzt Urlaub angesagt ist." - Eine "fatale Kommunikationsproblematik", befand Ramelow: Viele in Deutschland hätten sich gefragt, warum sie nicht öffnen dürften, während Reisen nach Mallorca möglich sind.

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In der Ministerpräsidentenrunde habe man jedoch vor allem vor der Frage gestanden, ob es in naher Zukunft noch genügend medizinische Versorgungsbetten im Land gibt, so Ramelow. Er sprach von einem massiven Anstieg der Zahl der Corona-Patienten in den Krankenhäusern - darunter seien auch immer mehr jüngere Menschen. Deswegen sei es zu der Entscheidung gekommen, "die Osterruhe zu nutzen, um hinterher die Teststrategie massiv hochzufahren". Die gesamte Wirtschaft sei nun "endlich dran, die Mitarbeiter zu testen", erklärte der Politiker. "Und wir sind dran, in den Schulen und Kindergärten, die Testungen zweimal in der Woche so zu organisieren, dass sie funktionieren." Dann wurde es emotionaler.

Was bringen die neuen Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz? - Dunja Hayali und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow lieferten sich dazu im
Was bringen die neuen Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz? - Dunja Hayali und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow lieferten sich dazu im "Morgenmagazin" einen kleinen Schlagabtausch. (Bild: ZDF / Screenshot)

"Was wir brauchen, ist mehr Impfstoff"

Als die Journalistin nachhakte, was "denn nun am Gründonnerstag" sei, wurde der Ton eines bis dahin geschmeidigen Interviews rauer. Ist es "ein Feiertag, oder müssen Menschen doch zur Arbeit gehen, weil es eben nur ein Ruhetag und damit Homeoffice möglich ist? - Das können Sie ja ganz kurz beantworten", meinte Hayali, was Ramelow jedoch verneinen musste: "Nein, das kann ich nicht beantworten", entgegnete der Linken-Politiker, "weil das die Bundesregierung heute erst liefern wird". Und dann ließ der Ministerpräsident tief blicken, was den Verlauf der Gesprächsrunde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel angeht: In der Nacht zum Dienstag habe er "bis 23.45 Uhr überhaupt nicht gewusst, wo die Kanzlerin ist und wo ein Teil der Ministerpräsidenten abgeblieben" ist, erklärte Ramelow. Er habe "sechs Stunden vor dem Bildschirm gesessen und darauf gewartet, dass die Viertelstunde Pause, um die gebeten worden ist, auch mal beendet wird und man gesagt bekommt, was eigentlich passiert". Von dem Gründonnerstagsvorschlag habe er dann um 23.45 Uhr zum ersten Mal gehört, wobei die Regierung angekündigt habe, das Thema bis Mittwoch klären zu wollen. "Denn die Frage ist berechtigt", so Ramelow. Er sei "dafür, die Osterruhe jetzt anzuordnen, aber dann muss sie juristisch einwandfrei sein".

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Nach einem Einspieler über die Verteilung der sogenannten Infektionstreiber gingen die Meinungen dann vollends auseinander. Während Hayali konstatierte, dass die Treiber nicht im Einzelhandel, in der Gastronomie oder bei den Hotels zu finden seien, sondern im privaten Bereich, und fragte: "Wieso dann erneut alles zu?", betonte Ramelow, dass 75 Prozent der Infektionsfälle völlig unklar seien. "Das diffuse Geschehen" sei eben das Problem. Es führe dazu, dass in Thüringen mehrere Landkreise über einer Inzidenz von 300 lägen. Auffällig sei, dass es besonders die jungen Menschen sind, die das Virus tragen - "sie werden aber nicht symptomatisch", so der Ministerpräsident, der daher forderte: "Wir müssen die Virusweitergabe unterbrechen und die Impfungen hochfahren." Ramelow: "Was wir brauchen, ist mehr Impfstoff." - "Aber der kommt ja nicht", spielte Hayali den Ball kühl zurück.

"Sehr emotional, man spürt ihre Wut"

Die "Moma"-Moderatorin wollte noch einmal auf die fragwürdige Nacht in der Ministerpräsidentenrunde zu sprechen kommen. "Ich kann ihnen sagen, was ich gemacht habe", schmetterte ihr ein nun sichtlich emotionaler Bodo Ramelow entgegen: "Ich habe sechs Stunden auf einen Bildschirm geschaut und mich gefragt, was hier eigentlich passiert." Er sprach von einer "seltsamen Art des kommunikativen Umgangs". Auf eine weitere Diskussion über Sinn oder Unsinn der gefassten Beschlüsse wollte er sich nun nicht mehr einlassen. "Ich kann ihnen sagen, was mir nicht gefällt: Mir gefällt das Virus nicht. Ich möchte es genauso gerne loswerden, wie es die Bevölkerung loswerden möchte", holte Ramelow aus.

Er sei sich bewusst, "dass die Bevölkerung genauso müde ist, wie auch die Politik müde ist", sagte der Ministerpräsident. "Wir sind jetzt seit zwölf Monaten im Ausnahmezustand, und dieser Ausnahmezustand kann nur durch Impfen und Immunisierung beendet werden. Wir müssen dem Virus entgegentreten. Wir müssen weniger über das Virus an sich reden, sondern mehr über den Menschen, den Wirt, der trägt es weiter. Und wenn der sich schützt, dann könnten die Infektionszahlen auch deutlich niedriger sein." Diskussion beendet? Nicht ganz. Dunja Hayali schickte noch eine Einordnung hinterher: "Sehr emotional, man spürt ihre Wut", analysierte sie. "Aber am Ende hilft es nichts, wir brauchen Lösungen."

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