Realität stellt Facebooks große Visionen auf die Probe

Zum Auftakt der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 wirkte Facebooks Gründer und Chef Mark Zuckerber locker und gut aufgelegt Foto: Noah Berger

Facebooks Gründer und Chef Mark Zuckerberg wurde oft vorgehalten, er sei bei öffentlichen Auftritten steif und fast schon mechanisch.

Aber zum Auftakt der hauseigenen Entwicklerkonferenz F8 wirkte der 32-Jährige jetzt schließlich locker und gut aufgelegt. Er lachte viel, startete mit einer Kaskade von Scherzen über den neuesten Film aus der «Fast-and-Furious»-Reihe und nahm sich selbst auf die Schippe als er mit einem dicken Stapel Papier in der Hand auf die Länge seines jüngsten Weltverbesserungs-Manifests anspielte.

Die große Ankündigung des Tages war eine Plattform, mit der auf einem Smartphone-Bildschirm virtuelle Objekte in die Darstellung realer Umgebungen integriert werden können. Das nennt man erweiterte Realität und der Spiele-Hit «Pokémon Go» war ein Wegbereiter. Genauso wie die virtuellen Masken im Fotodienst Snapchat, bei dem Facebook gerade ziemlich kaltblütig eine Funktion nach der anderen kopiert. Facebook denkt aber weiter. So könnten zum Beispiel Facebook-Freunde für einen im Restaurant nur auf dem Display sichtbare Notizen zu den besten Gerichten hinterlassen. Oder man bringt virtuelle Kunstwerke auf weiße Häuserwände. Die Technologie werde «unsere physische Realität verbessern», versprach Zuckerberg.

Außerhalb des F8-Universums kam Facebook in diesem Moment in ganz anderen Schlagzeilen vor. Eine gute Stunde bevor Zuckeberg die Bühne des traditionsreichen Civic-Konzertsaals im kalifornischen San Jose betrat, endete die tagelange Fahndung nach dem Mann, der ein Mord-Video beim Online-Netzwerk hochgeladen hatte. Auch der Schlusspunkt war blutig: Der flüchtige Verdächtige tötete sich nach einer kurzen Verfolgungsjagd selbst. Er hatte am Wochenende einen scheinbar zufällig ausgewählten Rentner auf offener Straße erschossen und die Tat gefilmt.

Facebook löschte das Video mit dem Mord zwar 23 Minuten nach dem ersten Nutzer-Hinweis darauf. Doch damit blieb es über zwei Stunden online. Ein erstes Video, in dem die Tat angekündigt worden war, blieb gänzlich unbemerkt. Und nach dem Hinweis auf einen Livestream, in dem der Verdächtige danach den Mord gestand und von weiteren Tötungen sprach, passierte erst einmal nichts.

Das zeige, dass Facebook noch viel Arbeit vor sich habe, räumte Zuckerberg auf der F8-Bühne ein. Er sprach der Familie des Opfers sein Beileid aus und versicherte: «Wir werden weiterhin alles tun, was wir können, um solche Tragödien zu verhindern.» Die Frage ist jedoch, welche Möglichkeiten hat das weltgrößte Online-Netzwerk dafür überhaupt?

Facebook hat inzwischen rund 1,9 Milliarden Nutzer - eine in der Geschichte einmalige Ansammlung von Menschen. Sie können jederzeit jedes Detail aus ihrem Leben mit allen teilen. Doch genau darin liegt auch die Kehrseite von Zuckerbergs Vision. «Das Problem damit, jeden auf der Welt zu vernetzen, ist, dass eine Menge Leute Arschlöcher sind», formulierte es der bekannte Silicon-Valley-Reporter Mat Honan von «BuzzFeed» und hielt Facebook und Zuckerberg nach dem F8-Auftritt vor, die Realität auszublenden.

Insbesondere das Livestreaming entfesselte Möglichkeiten, die schwer zu kontrollieren sind. So wurden über Facebook Live eine Vergewaltigung und Selbstmorde übertragen. Aber zugleich offenbarte im vergangenen Sommer der dramatische Livestream einer Polizeikontrolle, bei der der Amerikaner Philando Castile starb, einen Fall ungerechtfertigter Gewalt, der sonst vielleicht nie hätte nachgewiesen werden können. Das entsprach dem öffentlichen Interesse - bedeutete aber auch, dass man einen Menschen sterben sah. Facebook sei die heutige Kommunikationsplattform für Gutes und Böses, das sei die Realität, sagte Branchenanalyst John Jackson vom Marktforscher IDC der «San Jose Mercury News». Mark Zuckerberg betont seinerseits immer wieder, nach seiner Erfahrung seien die Menschen im Kern gut.

Was kann, was muss Facebook tun? Jedes Video vorher prüfen zu lassen, ist angesichts der schieren Masse keine Option, zumal es auch jede Menge anderer Videoplattformen gibt, auf die Nutzer ausweichen könnten. Bilderkennung auf Basis künstlicher Intelligenz könnte mächtig genug sein, um Gewaltszenen zu identifizieren. Aber wie gut kann die Maschine verstehen, ob es ein Mord aus dem echten Leben, eine Filmszene oder eine historische Aufnahme ist?

Die Politik wird unterdessen unter anderem in Deutschland ungeduldig und will Online-Netzwerke verpflichten, Inhalte mit Hass und Gewalt binnen 24 Stunden zu löschen - könnte ihnen damit aber auch die Entscheidung darüber aufzwingen, was rechtswidrig ist und was nicht.

Artikel von Mat Honan

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen