Recherchen von FOCUS online - Warum Betrüger jetzt sogar Meisterbriefe im Handwerk fälschen

Auszug aus einem Gespräch zwischen einem Fälscher und seinem Kunden.
Auszug aus einem Gespräch zwischen einem Fälscher und seinem Kunden.

Geld, Ausweise, Urkunden - so gut wie alles, was der Staat ausgibt, wird von Kriminellen gefälscht. Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern aber haben Betrüger und Fälscher mittlerweile ein neues Dokument im Visier, wie Recherchen von FOCUS online zeigen: Meisterbriefe im Handwerk.

Den Titel „Meister“ darf nicht jeder führen. Vier Teilprüfungen liegen vor jedem Handwerksgesellen: Fachpraxis, Fachtheorie, dazu eine Prüfung zu Recht und Betriebswirtschaft sowie eine zu den Themen Berufs- und Arbeitspädagogik. Schließlich sollen die angehenden Könner ihrer Zunft auch selbst ausbilden können.

Es geht dabei um mehr als eine hübsche Urkunde. Wer keinen Meisterbrief hat, kann sich mit seinem Handwerk nicht selbstständig machen, also keinen eigenen Betrieb gründen. Auf diese lukrative Aussicht wollen manche offenbar nicht verzichten, gleichzeitig aber die Meisterprüfung meiden.

So locken die Betrüger Kunden an

Wie Recherchen von FOCUS online ergaben, werden vermehrt Fälschungen von Meisterbriefen angeboten. Dabei gibt es einerseits ernstzunehmende Angebote, die darauf abzielen, die Ware auch zur Verfügung zu stellen. Andere wiederum haben es nur auf das Geld der (verzweifelten) Möchtegern-Meister abgesehen.

Die Betrüger gehen dabei geschickt vor: Zunächst, so erfuhr es FOCUS online, präsentieren sie tatsächliche Meisterbriefe und Lob voriger Kunden. Dadurch werden Käufer gelockt.

Mitunter geben Anbieter auch vor, selbst Mitglied der Handwerkskammer zu sein, was teilweise sogar der Fall ist, wie FOCUS online über ein entsprechendes Video verifizieren konnte. Daneben gibt es auch professionelle Fälscher solcher und weiterer Dokumente. Dabei scheinen die Grenzen fließend. Dokumente, die FOCUS online einsehen konnte, erschienen täuschend echt – inklusive Wasserzeichen.

In diesem Chat-Verlauf bedankt sich der Käufer einer Meisterbrief-Fälschung.<span class="copyright">FOCUS online</span>
In diesem Chat-Verlauf bedankt sich der Käufer einer Meisterbrief-Fälschung.FOCUS online

 

Womöglich, verriet eine Quelle gegenüber FOCUS online, sind ein Teil der Briefe tatsächlich echte Urkunden, weitere Fälschungen werden von den Betrügern offenbar nur nachgekauft, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Die Kontaktaufnahme erfolgt dabei über soziale Netzwerke und Chat-Dienste. Die Gesprächsverläufe, die FOCUS online vorliegen, wirken dabei anfangs sachlich. So heißt es von einem Betrüger: „Sobald die Handwerkskammer Ihre Unterlagen bestätigt hat, werden Sie ebenfalls bei der Handwerkskammer registriert, damit man Ihnen den Meisterbrief ausstellen kann […]“

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Die typischen Anzeichen für einen möglichen Betrug sind indes sichtbar. So versichert der Betrüger zwar mehrfach, dass es sich um authentische Dokumente handelt, dabei wechselt die Ansprache mit dem potenziellen Kunden aber zwischen dem förmlichen Siezen und dem informellen Duzen – anscheinend unabhängig davon, ob der Betrüger selbst gesiezt oder geduzt wird. Zudem ergibt sich der Eindruck, dass die stellenweise gestelzte Sprache womöglich Resultat einer automatisierten Übersetzung ist.

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Wie FOCUS online weiter erfuhr, geht es bei diesen Fälschungsdelikten auch um andere offizielle Dokumente jeglicher Art. Daher mag verwundern, warum es nun ausgerechnet um Meisterbriefe geht.

Handwerkskammer warnte schon 2023 vor einem Anstieg an Fälschungen

Tatsächlich ist das Problem nicht neu. Bereits Mitte vergangenen Jahres warnte die Handwerkskammer Rhein-Neckar-Odenwald vor einem Anstieg bei Meisterbrief-Fälschungen. „Die Verbreitung solch unechter Meisterbriefe ist ein ernstzunehmendes Problem“, sagte damals Alexander Dirks, der für die Kammer den Geschäftsbereich Meisterprüfung leitet.

Die regionale Kammer stellte damals immer häufiger Fälschungen fest. Der Betrug falle vor allem auf, wenn mit falschen Meisterbriefen bei anderen Kammern eine Eintragung beantragt werde, hieß es damals. „Zunehmend fragen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kammern bei uns an, ob wir die eingereichten Dokumente auf ihre Echtheit prüfen können“, erklärte Dirks.

Doch den Brief gebe es eben nicht einfach so, so der Kammer-Experte. Offenbar scheint der Fachkräftemangel jedoch die Nachfrage nach den Fälschungen zu treiben. Laut Dirks gebe es „inzwischen einige betrügerische Webseiten, die zahlreiche gefälschte Berufszertifikate anbieten“.

Dabei handle es sich nicht um ein Kavaliersdelikt: „Wer sich ihrer bedient, muss ernsthafte rechtliche Konsequenzen befürchten.“ Wer Fälschungen herstelle, besitze, verkaufe oder verwende, begehe eine Straftat.

Die Täter müssen daher nicht nur Geld- und sogar Haftstrafen befürchten, sondern auch den Verlust ihrer Karriere. „Der Besitz eines gefälschten Meisterbriefs kann auch zu beruflichen Konsequenzen führen wie zum Beispiel dem Verlust der Arbeitsstelle oder dem Entzug von Berufslizenzen.“ Zuletzt bestehe auch das Risiko mangelhafter Arbeiten der angeblichen „Meister“, welche Leben gefährden könnte.

Verkäufer bieten Fälschungen oft als „Dekoration“ oder „Geschenk“ an

Wie die Recherchen von FOCUS online zeigen, hat sich die Lage seitdem offensichtlich nicht gebessert. Welche Regionen am stärksten betroffen sind, lässt sich jedoch kaum sagen. Gegenüber FOCUS online erklärte der Zentralverband des deutschen Handwerks, dass „gefälschte Meisterbriefe immer wieder ein Thema seien, dazu allerdings keine belastbaren Zahlen vorliegen“.

Regionale Schwerpunkte der kriminellen Machenschaften lassen sich demnach nicht festlegen. Der Verband erklärte, dass man „insgesamt keine Hinweise auf ein flächendeckendes Problem sehe“.

Dennoch: „Das Bewusstsein für dieses Thema ist durch den Austausch der Handwerkskammern untereinander gewachsen. Im Zweifelsfall wird bei der ausstellenden Kammer nachgefragt, ob jemand tatsächlich die Meisterprüfung abgelegt hat.“

Ansonsten lasse sich das Problem nur schwer angehen – denn oft würden im Internet angebotene Urkunden von Meisterbriefen als „Dekoration“ oder „Geschenk“ angeboten. „Dass diese Dekorations- oder Geschenkurkunden auch anders genutzt werden können, ist den Betreibern möglicherweise bewusst“, erklärt der Zentralverband.

Die Server der Anbieter würden oft in den USA und anderen Ländern stehen. Das erschwere „eine wettbewerbsrechtliche Verfolgung“. Die von FOCUS online eingesehenen Chats mit dem ungewöhnlichen Sprachstil der Betrüger bekräftigen den Eindruck, dass die Fälscher und Betrüger aus dem Ausland heraus agieren.

Der versuchte Verkauf gefälschter Meisterbriefe, der FOCUS online vorliegt, spielte sich übrigens in der Region einer großen Handwerkskammer in Norddeutschland ab. Eine entsprechende Anfrage von FOCUS online zu den Vorgängen blieb jedoch bis zuletzt unbeantwortet.