Rechtsextremismus: Lügen, Lügen, Intoleranz

Mely Kiyak
·Lesedauer: 7 Min.

In einem Video hat Arnold Schwarzenegger auf den Angriff auf das Kapitol reagiert. Und hier? Hier diskutieren Ministerpräsidenten immer noch mit Rechten vor der Haustür.

 © picture alliance/​dpa/​Schwarzenegger/​AP/​Frank Fastner
© picture alliance/​dpa/​Schwarzenegger/​AP/​Frank Fastner

Alles in diesem Video passt. Das Pathos, mit dem Arnold Schwarzenegger im tragenden Takt der Violinen seine Botschaft wie ein Baptistenprediger singend spricht. Der ganze Tinnef, der sich in den Vitrinen hinter seinem Rücken stapelt, Pokale, Tassen, Fotos und Figürchen. Der mit Nieten beschlagene Lederstuhl, in dem er sitzt und wie von antiken Säulen mit der US-Flagge und der kalifornischen Fahne eingerahmt ist. Seine Bomberjacke, auf denen die Fahnen wie militärische Abzeichen aufgenäht sind, oder man wie in seiner Heimat dazu sagt, Achselspangen.

Seine Botschaft an seine fellow Americans und to our friends around the world, also uns in Europa, ist siebeneinhalb Minuten lang und wurde auf Schwarzeneggers Twitter-Account fast vierzig Millionen Mal aufgerufen. Seine Reaktion auf die politischen Ereignisse im Kapitol, für das wir in Europa immer noch nicht den Begriff Terror verwenden, sondern Vorfall, Stürmung, Chaos, ist so bewegend, so traurig, so ehrlich, so dermaßen protzig und übertrieben und over the top, topper geht es kaum.

Schwarzeneggers Erinnerung an die "Reichskristallnacht" (Notiz ans eigene Volk: Diesen elenden Begriff sollte man sich endlich abgewöhnen) war nicht ganz so passend, er hätte besser an den Reichstagsbrand 1933 erinnern sollen, aber es ist auch nicht schlimm, dass er das anders verglich, weil man versteht, was er meint. Er begriff die Stürmung des Kapitols in Washington als Zäsur, als einen sichtbaren Wendepunkt, so wie die Pogromnächte von 1938 auch eine sichtbare Geste der Machtdemonstration waren. Sich ausschließlich auf diese eine Stelle zu konzentrieren, ist genauso behämmert, wie das Video unter dem Schlagwort "Abrechnung mit Trump" zusammenzufassen. Denn Schwarzenegger hat nicht nur mit Trump abgerechnet, er hat in mindestens genauso großem Umfang mit Deutschlands Nazivergangenheit abgerechnet. Und er scheute sich nicht, die Stürmer vom Kapitol, die sich Proud Boys nennen, als Äquivalent zu den Nazis zu bezeichnen.

Er braucht nur einen Satz

Es ist eine Abrechnung mit der deutschen Vergangenheit und der amerikanischen Gegenwart. Es ist auch eine Vaterabrechnung. Er spricht als ehemaliger Gouverneur von Kalifornien, Republikaner übrigens, und als Sohn, geboren 1947, "aufgewachsen in den Trümmern eines Landes, das unter dem Verlust seiner Demokratie litt, umgeben von Männern, die sich ihre Schuld wegtranken". Er habe diese Erfahrung deshalb nie öffentlich mitgeteilt, weil es sich um eine schmerzhafte Erinnerung handle: "Mein Vater kam ein-, zweimal die Woche besoffen heim und schrie und schlug uns. Ich habe ihn nie zur Verantwortung gezogen, denn der Nachbar tat dasselbe mit seiner Familie. Und der Nachbar daneben auch." Nicht alle waren Antisemiten oder Nazis, sagt Schwarzenegger, sie liefen einfach mit, Schritt für Schritt, einfache Leute von nebenan.

Wo Wissenschaftler sehr viel mehr Worte benötigen, um den Mechanismus des Demokratieverfalls zu beschreiben, braucht er nur diesen einen Satz: "It all started with lies, and lies, and lies, and intolerance." Lügen, Lügen, Lügen und Intoleranz.

Schwarzenegger ist einer der stetigen Widerstandskämpfer der Trump-Regierung. Als der Skandal um den ganzen Sexismusmüll des amtierenden Präsidenten bekannt wurde, gestand er, dass er das erste Mal, seit er das US-Wahlrecht habe, seine Stimme nicht der eigenen Partei gab. Wegen Sexismus, also wegen etwas, das so alltäglich ist. Und das zu einer Zeit, da saßen die deutschen Amerika-Experten (es gibt in der Bundesrepublik davon ungefähr so viele, wie SPD-Vorsitzende und Bundestrainer, also sehr viele) und erklärten uns, dass Trumps Wahl das Ergebnis von Demokratie sei und nicht etwa der Beginn eines Demokratieverfalls. Was mussten wir uns von diesen vermeintlichen Experten und ehemaligen Korrespondenten nicht jahrelang anhören, dass checks and balances in den USA dafür sorgen würden, dass die Demokratie in Beton gegossen sei. Und nun warnt das FBI seit Tagen vor Terror, Bürgerkrieg, bewaffnetem Widerstand.

Und hier in Deutschland? Was lernen wir daraus? Fühlt sich jemand von der deutschen Politik aufgeschreckt, wenn Amerikaner im Kapitol als Vorbild für ihre Taten ein "Camp-Auschwitz"-T-Shirt tragen? In dem Video appelliert Schwarzenegger dezidiert als Europäer, als Kind der ersten postnationalsozialistischen Generation, der wisse, "wie schnell die Dinge außer Kontrolle geraten können". Er spricht mit der Autorität der Erfahrung. Hier in Deutschland redet man schon lange nicht mehr gegen Rechtsextremismus mit dem Argument der historischen Vergangenheit. Man versteht warum. Wenn man die Vergangenheit als Vergleichsmaßstab zum Tabu erklärt, gibt es nämlich keines mehr, und man hat freie Fahrt für politische Wiederholungen. Doch statt einer Reflektion über das eigene vom politischen Verfall bedrohte System, sind die deutschen Reaktionen auf die Fragilität der amerikanischen Demokratie Ratschläge an die USA. Die schaffen das dort sicher auch ohne die deutschen Amerika-Experten. Aber wie schaffen wir das hier?

In diesem Jahr gibt es eine Bundestagswahl und sechs Landtagswahlen. Die Schwellen des Reichstags wurden letztes Jahr von Neonazis schon zweimal überschritten. Aber Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der vor laufender Kamera von einer Rechtsextremistin im Parlamentsgebäude belästigt wurde, hat darauf verzichtet, Anzeige zu erstatten. Die Verzichtsgeste wirkt wie ein Versöhnungsangebot. Das nennt man Normalisierung. Schwarzenegger bezeichnet den Sturm auf das Kapitol als unentschuldbar. In Amerika wandern die Stürmer gerade reihenweise hinter Gittern. Hier diskutiert der sächsische Ministerpräsident mit Rechtsextremen beim Schneeschippen vor seiner Haustür.

Wo also ist der sichtbare Widerstand gegen Rechtsextremismus in Deutschland? Während in Amerika auch die Sportler aus der allerersten Riege öffentlich gegen den Demokratieverfall mit großen Gesten reagieren, sich mit schwarzen Mitspielern solidarisieren und sogar auf Ehrungen verzichten, wie der Football-Trainer und Trump-Anhänger Bill Belichick jüngst, erinnert man sich hierzulande als größte politische Geste der Nationalmannschaft an einen Tanz namens "So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so". Das war nach dem Sieg der WM 2014, als die faschistische AfD erst ins Europaparlament und dann in die Landtage in Thüringen, Sachsen und Brandenburg einzog. Da verabschiedeten die Deutschen ihre argentinischen Gäste während der Siegesfeier mit einer Choreografie, die das Verliererteam in Bücklingspose als gedemütigte Männer zeigte, und dann wurde in den aufrechten Gang gewechselt: "So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so", Brandenburger Tor im Rücken, Gegenlicht, ganz große Pose. Diesen Tanz konnten sie deshalb so gut, weil sie ihn seit zehn Jahren tanzten, bei der EM 2008 "So gehen die Portugiesen, die Portugiesen gehen so" und weiteren Varianten ("So gehen die Türken, die Türken gehen so") und 2010 bei der WM in Südafrika. Vom Nationaltrainer Jogi Löw bleibt als bedeutende, öffentliche Geste außerhalb des Fußballs das Eincremen seines Gesichtes aus der blauen Cremedose.

Ein Jahr zuvor hielt Kevin-Prince Boateng vor den Vereinten Nationen eine Rede über Rassismus. CNN, einer der wichtigsten, größten Sender in den USA, befragte ihn anschließend zu seinen Erfahrungen mit Rassismus. Die ganze Welt schrieb über Boateng und seine bemerkenswerte Rede. In seinem Heimatland wurde Boateng vom Magazin Der Spiegel "Ghetto-Kicker" genannt, seinen Auftritt kommentierte man so: "Vom Ballack-Treter zum Tugend-Apostel". Und dann gab es noch dieses eine Video vom DFB, 2016, in dem die Gesichter der Nationalspieler eingeblendet wurden, und am Ende des Spots erschien die Aussage: "Wir sind Vielfalt." Peinlicher Minimalkonsens gegen rechts in schlechtem Deutsch.

Am Ende wünscht Schwarzenegger "elected President Joe Biden" von Herzen Erfolg und definiert das Ziel: democracy first, das Gegenprogramm zu America first. Dann kommt die Stelle mit dem Schwert, Conan's Sword, das er unter dem Schreibtisch hervorzieht, und na klar, auf jeden Fall, diese Geste ist Panne. Wer sich da nicht kaputtlacht, ist selbst schuld, denn von da an sieht man nur noch den eingeölten Bodybuilder sprechen. Das Schwert müsse wie die Demokratie auch bearbeitet und beschlagen, ins Feuer und unter Wasser gehalten, geschmiedet und gestärkt werden. Die ansteigenden Violinen, das pancake-farben lackierte Holz der Einbauschränke, dieser Blick mit den zusammengezogenen Augenbrauen, wohlwissentlich, dass die letzte Kameraeinstellung ein Close-up ist. Die Bumswuchtigkeit der Schlusssequenz ist sagenhaft, aber so muss das sein, um seine fellows aufzurütteln, die ansonsten den lies, and lies, and lies folgend einen verheerenden Weg einschlagen, Schritt für Schritt, er hat es ja beschrieben, wie das geht, woher er kommt, woher es kommt.

Video: Schwarzenegger verurteilt Trump und den Sturm aufs Kapitol