Rechtsradikale Umwidmung von "L'amour toujours" ist nach NDR-Zahlen ein "Sommerhit"

Der Party-Hit "L'amour toujours" (Symbolbild) wurde rechtsradikal umgewidmet. (Bild: iStock / alexkoral)
Der Party-Hit "L'amour toujours" (Symbolbild) wurde rechtsradikal umgewidmet. (Bild: iStock / alexkoral)

"L'amour toujours" ist in seiner rechtsradikalen Vereinnahmung ein viel größerer "Hit" als angenommen: Die NDR-Medienredaktion "ZAPP" zählt seit Oktober 2023 deutschlandweit fast 400 Fälle. Drastisch zugenommen hätten sie seit dem Sylt-Skandal.

"L'amour toujours" ist ein gänzlich harmloser Dance-Hit, und nach allem, was bekannt ist, hat dessen Schöpfer Gigi D'Agostino mit radikalen Gesinnungen nichts am Hut. Doch der Song ist zu einem rechtsradikalen Mantra umgewidmet worden. Der Skandal um die Pony-Bar in Kampen auf Sylt hat es ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Dort sangen Party-Gäste die Parole "Deutschland den Deutschen - Ausländer raus!" auf die Melodie des 25 Jahre alten Hits.

Das aber war nach aktuellen Zahlen des Norddeutschen Rundfunks offenbar nur die Spitze des sprichwörtlichen Eisbergs. Laut einer bundesweiten Abfrage der NDR-Medienredaktion "ZAPP" bei allen Landeskriminalämtern, Dutzenden Staatsanwaltschaften und dem Berliner Register, einer Meldestelle für Vorfälle von Diskriminierung und Ausgrenzung, ist "L'amour toujours" in seiner menschenverachtenden Interpretation ein regelrechter "Sommerhit" geworden. "ZAPP" kommt nach eigener Berechnung auf mindestens 389 gemeldete Fälle zwischen Oktober 2023 und Anfang Juli 2024.

Erstmals öffentlich dokumentiert wurde der rechtsradikale Missbrauch des Songs Mitte Oktober 2023 in Bergholz in Mecklenburg-Vorpommern. Nach "ZAPP"-Informationen kursiert das Lied jedoch schon deutlich länger in Neonazi-Kreisen. Erschreckend: Nach dem Ende Mai publik gewordenen Skandal von Sylt habe die Zahl der gemeldeten Fälle "drastisch zugenommen", wie es in einer NDR-Mitteilung heißt. Mindestens 260 seien es seitdem gewesen.

Simon Strick vom Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften äußert sich in der Doku "'Ausländer raus': Wie ein Nazi-Meme zum Sommerhit wurde". (Bild: NDR)
Simon Strick vom Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften äußert sich in der Doku "'Ausländer raus': Wie ein Nazi-Meme zum Sommerhit wurde". (Bild: NDR)

Die iTunes-Charts verraten viel über rechtsradikalen Erfolg

Die meisten gemeldeten Fälle, nämlich 96, stammen laut NDR aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. 50 wurden im bevölkerungsarmen Mecklenburg-Vorpommern registriert. Um genaue Zahlen handele es sich dabei aber nicht. Viele Behörden hätten auf Anfrage mitgeteilt, entsprechende Fälle nicht systematisch zu erfassen. Einige wenige angefragten Stellen hätten auch gar keine Angaben gemacht.

Weiter zitiert der NDR Simon Strick vom Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften. Laut des Experten zeige das Beispiel "L'amour toujours", "wie Rassismus in der deutschen Gesellschaft normalisiert werde". Der Erfolg lässt sich auch an an den iTunes-Charts ablesen. Im NDR-Schreiben heißt es: "Ende Mai belegten drei verschiedene Versionen von 'L'amour toujours' die Plätze 1, 2 und 7. Bemerkenswert für einen Song, der ein Vierteljahrhundert alt ist."

Vertieft wird die Thematik in der Reportage "Ausländer Raus - Wie ein Nazi-Meme zum Sommerhit wurde". Der Film ist in der ARD-Mediathek und auf YouTube abrufbar.