"Das ist rechtswidrig!" Riesen-Zoff bei "Anne Will" um deutsche Mallorca-Urlauber

teleschau
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Anne Will (vorne) befragte die zugeschalteten Politiker Manuela Schwesig und Wolfgang Kubicki um ihre Einschätzung zu deutschen Osterurlaubern auf Mallorca. (Bild: ARD / NDR)
Anne Will (vorne) befragte die zugeschalteten Politiker Manuela Schwesig und Wolfgang Kubicki um ihre Einschätzung zu deutschen Osterurlaubern auf Mallorca. (Bild: ARD / NDR)

Sollen Mallorca-Reisende nach ihrer Rückkehr in Quarantäne? Diese Frage wurde bei "Anne Will" heftig diskutiert. Während FDP-Mann Wolfgang Kubicki die Rechtslage bemühte, warnte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig vor einer der "schwersten Mutationsformen".

Die Corona-Krise geht in die nächste Runde: Während in Deutschland die dritte Welle anrollt und wohl den verlängerten Lockdown erzwingt, heben zeitgleich wieder die ersten Touristen ab Richtung Mallorca. Die aufgehobene Reisewarnung macht den Oster-Trip auf die Baleareninsel möglich - auch wenn er politisch nicht gewollt ist, wie Manuela Schwesig am Sonntag in der Talk-Runde "Anne Will" deutlich machte.

Gegenwind in der hitzigen Debatte um vermeintlich verantwortungslose Urlauber und eine Quarantänepflicht bei deren Rückkehr bekam die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki. "Ich habe nichts dagegen, dass ich getestet werde", erklärte der FDP-Politiker. Ebenso wenig habe er etwas gegen Schnelltests für Reiserückkehrer. "Aber dass man Menschen aus Gebieten, die eine geringere Inzidenz ausweisen als Deutschland anschließend in Quarantäne schicken kann, ist rechtswidrig", wetterte er und ergänzte: "Ich glaube, dass diese Diskussion davon ablenken soll, welche Versäumnisse in den letzten Monaten gemacht worden sind."

Als Beispiel nannte er die Corona-Warn-App: Deren neue Funktionen hätte es schon zur Einführung geben können: "Da war nicht der Datenschutz im Weg, sondern die mangelnde Intelligenz." Sichtlich verärgert forderte er, endlich neue Wege aus der Krise zu finden, denn: "Die Idee, vom einen Lockdown in den anderen zu gehen, ist wenig intelligent."

Wolfgang Kubicki findet eine Quarantäneanordnung für Mallorca-Rückkehrer "rechtswidrig". Manuela Schwesig hat Sorge, die brasilianische Virus-Variante könnte eingeschleppt werden. (Bild: ARD / NDR)
Wolfgang Kubicki findet eine Quarantäneanordnung für Mallorca-Rückkehrer "rechtswidrig". Manuela Schwesig hat Sorge, die brasilianische Virus-Variante könnte eingeschleppt werden. (Bild: ARD / NDR)

Schwesig warnt: "Eine der schwersten Mutationsformen" auf Mallorca

In den letzten Punkten stimmte Schwesig ihrem Kollegen noch zu: Sie könne viele Kritikpunkte verstehen, erklärte die SPD-Politikerin. Gerade eine "digitale Nachverfolgung" sei wichtig, um mögliche Cluster zurückverfolgen zu können. Deshalb setze man in Norddeutschland bereits auf die neue App "Luca". Zur Entscheidung der Quarantäne von Mallorca-Urlaubern hat Schwesig jedoch eine andere Meinung: "Ich halte die Entscheidung der Bundesregierung, die Reisewarnung aufzuheben, für einen großen Fehler. Denn es geht nicht alleine um die Inzidenz."

Der Grund für ihre Einschätzung: Auf der Insel sei erstmals die "brasilianische Mutation" festgestellt worden, und diese sei "eine der schwersten Mutationsformen", die es bei Corona gebe. Das Risiko, dass sich diese durch Reiserückkehrer nun auch in Deutschland ausbreite, sei einfach zu hoch. Schwesig plädierte hingegen dafür, Urlaub im eigenen Bundesland zu ermöglichen, etwa in Ferienhäusern. Denn dadurch sei die Pandemie antreibende Mobilität um ein Vielfaches geringer.

"Diese Versäumnisse in der Vergangenheit regen mich auf!", sagte Wolfgang Kubicki. (Bild: NDR / ARD)
"Diese Versäumnisse in der Vergangenheit regen mich auf!", sagte Wolfgang Kubicki. (Bild: NDR / ARD)

"Es gibt keinen sachlichen Grund dafür, die Impfzentren hier zu privilegieren"

Doch nicht nur die Malle-Urlauber sorgten bei "Anne Will" für angeregte Diskussionen. Auch die Impfkampagne in Deutschland wurde heftig kritisiert, vor allem vom Chef der deutschen Hausärzte, Ulrich Weigeldt, der endlich in seiner eigenen Praxis impfen will: "Es gibt keinen sachlichen Grund dafür, die Impfzentren hier zu privilegieren", erklärte der 70-Jährige. In Modellversuchen sei der Biontech-Impfstoff bereits erfolgreich in Hausarztpraxen verimpft worden. Außerdem würde ein Hausarzt seine Patienten besser kennen: Ein Impfzentrum könne zwar die Altersbeschränkung anschauen, wisse aber nicht, wie krank ein Mensch sei. Ebenso könne ein Demenz-Patient gar nichts mit einem Anschreiben anfangen: "Ein Hausarzt weiß: Ich muss die Tochter anrufen, wenn ich die Mutter impfen will", erklärte er.

Auch Janosch Dahmen, Bundestagsabgeordneter der Grünen, setzte sich für eine schnelle Einbindung der Hausarztpraxen ein: "Es ist ja absehbar, dass wir in vier bis sechs Wochen so viel Impfstoff haben werden, dass wir den mit den bestehenden Strukturen nicht verimpft bekommen werden." Deshalb müssten Facharztpraxen schon jetzt darauf vorbereitet werden, ihre Stammkundschaft künftig gleich bei deren nächsten Besuch impfen zu können. Es sei inakzeptabel, dass in Deutschland "im Sieben-Tage-Mittel über drei Millionen Impfdosen in den Kühlschränken" lägen, während in vielen Teilen der Welt überhaupt kein Impfstoff verfügbar sei. Die Impfzentren komplett schließen wollen aber weder Dahmen noch Weigeldt.

Manuela Schwesig füchtete die "brasilianische Mutation" auf Mallorca. (Bild: NDR / ARD)
Manuela Schwesig füchtete die "brasilianische Mutation" auf Mallorca. (Bild: NDR / ARD)

Ärzte-Chef wütet: Karl Lauterbach "sollte vielleicht in den Spiegel gucken"

In dem Zusammenhang wetterte Weigeldt heftig gegen den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, auch wenn der gar nicht Teil der Runde war. Anne Will zitierte den Epidemiologen mit der Warnung, es dürfte nicht entscheidend sein, wie die Kontakte der Hausärzte seien, wer als Erster geimpft wird.

Weigeldt redete sich kurz in Rage: "Wer uns diesen subtilen Korruptionsvorwurf macht, der sollte vielleicht in den Spiegel gucken, wieso er auf einen solchen Gedanken kommt." Alle bisherigen Fälle, in denen Menschen entgegen der vorgeschriebenen Reihenfolge geimpft worden seien, hätten sich in Impfzentren ereignet. In Hausarztpraxen käme es allerhöchstens dazu, dass ältere fitte Patienten freiwillig einen jungen kranken vorließen.

Janosch Dohmen setzte sich für einen massiven Ausbau der Impfstrategie ein: "Wir müssen in den 24/7-Modus kommen. Wir hätten die Hausarztpraxen seit Wochen schon gebraucht." (Bild: NDR / ARD)
Janosch Dohmen setzte sich für einen massiven Ausbau der Impfstrategie ein: "Wir müssen in den 24/7-Modus kommen. Wir hätten die Hausarztpraxen seit Wochen schon gebraucht." (Bild: NDR / ARD)