Dutzende Tote bei erneut aufgeflammten Kämpfen zwischen Aserbaidschan und Armenien

Bei neu aufgeflammten Kämpfen zwischen den verfeindeten Kaukasusrepubliken Armenien und Aserbaidschan sind in der Nacht zum Dienstag nach armenischen Angaben mindestens 49 armenische Soldaten getötet worden. Aserbaidschan meldete ebenfalls Tote aus den eigenen Reihen. Trotz einer von Russland verkündeten Feuerpause hielten die Kämpfe weiter nach Angaben beider Seiten an.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium schrieb in einer Erklärung von "Artilleriefeuer" Armeniens auf aserbaidschanische Stellungen. Das armenische Verteidigungsministerium hatte zuvor erklärt, die Lage bleibe "extrem angespannt", Aserbaidschan versuche weiter, vorzustoßen.

Aserbaidschan hatte die Kämpfe zuvor als erfolgreich bezeichnet. Baku habe die "Provokationen" armenischer Streitkräfte zurückgedrängt, "alle Ziele" seien erreicht, hatte das Büro des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew erklärt.

Armenien erklärte, zwar habe der Beschuss "stark nachgelassen", der "Feind" versuche aber weiterhin, voranzukommen. Demnach hätten aserbaidschanische Truppen in der Nacht versucht, auf armenisches Gebiet vorzustoßen. Die aserbaidschanische Armee setze Artillerie und Drohnen gegen militärische und zivile Ziele nahe der Grenze ein. Aserbaidschan hatte Armenien hingegen "großangelegte subversive Handlungen" in Grenznähe und Beschuss seiner Militärstellungen vorgeworfen.

Die Kämpfe sind die schwersten seit dem Krieg zwischen den beiden Kaukasusrepubliken vor zwei Jahren, bei dem mehr als 6500 Menschen getötet wurden.

Nach einem ersten Krieg in den 1990er Jahren hatten sich Armenien und Aserbaidschan im Herbst 2020 erneut einen Krieg um die umstrittene Region Berg-Karabach geliefert. Die sechswöchigen Gefechte mit tausenden Toten wurden durch ein von Russland vermitteltes Waffenstillstandsabkommen beendet. Dabei musste Armenien große Gebiete aufgeben. Anfang August dieses Jahres war die Gewalt erneut aufgeflammt.

Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan forderte nach Angaben seines Büros in Telefonaten mit US-Außenminister Antony Blinken, Russlands Staatschef Wladimir Putin und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine "angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft" auf die "Aggression" durch Aserbaidschan.

Anschließend erklärte Paris, Frankreich werde eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats zu dem Konflikt beantragen. Macron fordere "die Achtung der territorialen Integrität Armeniens". UN-Generalsekretär António Guterres appellierte einem Sprecher zufolge an beide Konfliktparteien, "umgehend" Maßnahmen zum Abbau der Spannungen vorzunehmen.

Die EU forderte ein Ende der Kämpfe. Nach Angaben aus Brüssel wird Ratspräsident Charles Michel, der seit Monaten in Gesprächen zwischen Eriwan und Baku vermittelt, mit beiden Konfliktparteien sprechen.

US-Außenminister Antony Blinken forderte nach eigenen Angaben in Telefongesprächen mit Baku und Eriwan beide Staaten auf, zu Gesprächen über einen "dauerhaften Frieden" zurückzukehren. Blinken zeigte sich auch offen für eine Vermittlung Russlands. Wenn Moskau seinen Einfluss nutzen könne, um "die Lage zu beruhigen", sei das "eine positive Sache".

Das russische Außenministerium erklärte, Moskau rufe die Konfliktparteien zur "Zurückhaltung" auf, jede weitere Eskalation müsse vermieden werden. Dem Kreml zufolge ist Präsident Wladimir Putin persönlich an Verhandlungen beteiligt und leistet "alle möglichen Anstrengungen, um beim Abbau der Spannungen zu helfen".

In einer Dringlichkeitssitzung beschloss der armenische Nationale Sicherheitsrat, Moskau um Militärhilfe zu bitten. Armenien ist Mitglied des von Russland angeführten Militärbündnisses OVKS.

Russland gilt als militärische Schutzmacht Armeniens, unterhielt bisher aber auch gute Beziehungen zu Aserbaidschan. Baku verkauft infolge des Ukraine-Krieges derzeit verstärkt Gas als Ersatz für russische Gas-Lieferungen nach Europa.

Die türkische Regierung  machte Armenien für die Eskalation verantwortlich und rief Eriwan auf, seine "Provokationen" gegen Aserbaidschan einzustellen und "sich auf Friedensverhandlungen und Zusammenarbeit" mit Baku zu konzentrieren. Die Türkei steht in dem Konflikt traditionell auf der Seite des ebenfalls mehrheitlich muslimischen Aserbaidschan.

se/ck