Reise durch Amerika: Revoltierende Gouverneure und ungebeugte Indianer

Zum Abschied als Korrespondent bereist Damir Fras noch einmal die USA.

Teil 2 der Abschiedstour unseres Korrespondenten durch die Vereinigten Staaten von Amerika (Teil 1 können Sie hier nachlesen).

Phoenix, Arizona

In der Kneipe „Taco Guild“, die mit ihren hohen Wänden und Porträts spanischer Adliger offenbar so aussehen soll, wie sich ein amerikanischer Innenarchitekt eine südeuropäische Zunfthalle vorstellt, treffe ich einen Reserveoffizier der Army. Er will seinen Namen nicht nennen, er plaudert gerne. Ich habe den Eindruck, er schämt sich, dass Trump sein Präsident ist. Der Mann zieht sein Handy aus der Tasche, sucht ein wenig herum und findet auf Youtube eine Szene aus dem Film „Der Untergang“, in dem Bruno Ganz Hitler spielt.

Der Originalton ist deutsch, die Untertitel sind englisch. Donald Trump wird darin durch den Kakao gezogen. Ganz sagt als Hitler: „Ich wollte Amerika zur Lachnummer der Welt machen. Jetzt machen es die Republikaner.“ Mir bleibt das Lachen im Hals stecken. „Es ist irgendwie komisch“, sagt der Offizier, „dass ich das einem Deutschen zeige. Aber im Gegensatz zu euch dürfen wir mit Hitler Scherze treiben.“

Fresno, Kalifornien

Das Handy klingelt. Dulce Matuz ruft an und sagt, sie könne sich leider nicht mir treffen. Ihre Schwiegermutter liege im Krankenhaus. Schade. Dulce Matuz ist eine außergewöhnliche Frau. Jahrelang stand die heute 31-Jährige an der Spitze der so genannten „Dreamer“-Bewegung in Arizona. So nennen sich die Kinder von Einwanderern, die nicht in den USA geboren, aber dort groß geworden sind  und keine Papiere haben.  Das Time-Magazin hatte Dulce Matuz 2012 auf seine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres  gesetzt. Als ich die Frau vor viereinhalb Jahren zum ersten Mal traf, war sie voller Hoffnung. Sie sagte, Obama würde es gelingen, ihr die permanente Angst zu nehmen, in die fremde Heimat Mexiko deportiert zu werden.

In gewisser Weise ist das eingetreten. Im September vergangenen Jahres hat Dulce Matuz die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommen. Der Schock war umso größer, als wenige Wochen später Trump die Wahl gewann. „Ich wollte am Morgen nach der Wahl gar nicht aus dem Bett“, sagt Dulce Matuz: „Es war wie ein Alptraum.“ Ihre Mutter hat nach wie vor keine gültigen Papiere für die USA. Ihr droht die Abschiebung. Tochter Dulce sagt jetzt, man müsse nur weiter aktiv Widerstand leisten, dann werde es schon gelingen, durch die Trump-Zeit zu kommen. „Ich hoffe, dass dieser Alptraum nicht mehr lange dauert.“ Hoffnung ist das einzige, was Dulce Matuz geblieben ist.

In Palm Springs, das im erdbebengefährdeten San-Andreas-Graben liegt, drehen sich  entlang der Autobahn Hunderte von Windrädern gemächlich in der Wüstenbrise. Hier sind die Obamas nach der Amtsübernahme Trumps zu einem Kurzurlaub gewesen. Die Windräder gelten als ein Symbol des Fortschritts. Seltsamerweise wirken sie jetzt wie Relikte aus der Vergangenheit. Denn Trump ist nicht nur ein Freund urzeitlicher Umgangsformen, sondern auch ein dicker Kumpel der fossilen Rohstoffe. Aber dazu später.

Soquel, Kalifornien

Steve Kettmann lacht trocken auf, als ich ihn frage, wie er die nächsten vier oder sogar acht Jahre überstehen wolle. „Ich schreibe an einem Roman“, sagt der hagere 54 Jahre alte Autor, der in Berlin gelebt hat und vor vielen Jahren eine Kolumne für die Berliner Zeitung geschrieben hat. Ein Amerikaner in der deutschen Hauptstadt – um die Jahrtausendwende war das ein Thema. Nun ist Kettmanns Heimat das größere Thema. Er sagt, er wolle analog zu den alternativen Fakten, die Trumps Truppe erfunden hat, in dem Roman von einer alternativen Zukunft schreiben. Kalifornien, Oregon und Washington, die Bundesstaaten an der amerikansichen Westküste spalten sich vom Rest des Landes ab, nehmen Hawaii mit und bilden einen eigenen Staat, in dem Trump nichts zu sagen hat. Alternative Energiequellen werden in diesem fiktiven Staat namens Pacifica nicht in Frage gestellt, sondern gefördert. Kettmann sagt, er wolle in dem Buch zwischen Satire und Science Fiction hin und her wandern. Dann blickt er über die alten Redwood-Bäume, mit denen sein Haus umstanden ist, sieht in der Ferne den Pazifik und sagt, man müsse gerade in diesen Zeiten große Gedanken formulieren und nicht verzagt sein.

Ist das Spinnerei, um sich abzulenken von der Irrlichterei, die seit dem 20. Januar in Washington herrscht? Vielleicht ist es das. Aber die Spinnerei hat zur Abwechslung Hand und Fuß. Kettmanns Staat könnte überleben. Kalifornien ist der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat, er würde zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt gehören, wenn er selbstständig wäre. Der Pazifikstaat ist gewissermaßen das Zentrum des Widerstandes gegen den neuen Präsidenten geworden. Gouverneur Jerry Brown, ein Demokrat, hat eine Rede gehalten und seinen Staat als „Licht der Hoffnung für den Rest der Welt“ bezeichnet. Ex-Justizminister Eric Holder ist engagiert worden, um Kalifornien in Rechtsstreitigkeiten mit Trumps Weißem Haus zu vertreten.

Der Widerstand wächst. Und auch eine Hauptstadt gäbe es möglicherweise schon. Pacifica, so heißt ein kleines Städtchen auf halbem Weg zwischen Santa Cruz und San Francisco. Wie passend.

San Francisco, Kalifornien

Monika Bäuerlein lehnt sich in ihrem bequemen Büro-Sofa zurück und sagt, dass es nicht zu einer Abspaltung Kaliforniens kommen werde. Die 51 Jahre alte Frau mit den kurzen, widerspenstigen Locken muss es wissen. Sie hat alle Präsidentschaftswahlen seit 1988 miterlebt, und immer wieder sei von einer Sezession Kaliforniens die Rede gewesen. Passiert sei nie etwas. Ich wende ein, dass noch niemals zuvor ein Kandidat wie Donald Trump gewonnen habe. Stimmt, sagt Bäuerlein, doch der Bundesstaat an der Pazifikküste sei einfach zu fest mit dem Rest des Landes verwoben.

Die Frau stammt aus Deutschland, ihr Vater war der  Radiojournalist Heinz Bäuerlein. Einen großen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie im Ausland, wo ihr Vater als Korrespondent für den Bayerischen Rundfunk arbeitete. Ein wenig klingt sie, wenn sie deutsch spricht, heute noch nach dem Mann, der seine Berichte stets mit dem akkurat gesprochenen Satz zu beenden pflegte: „Heinz Bäuerlein, Rom!“ Und später dann mit „Heinz Bäuerlein, Bonn!

Seine Tochter ist heute die Geschäftsführerin von Mother Jones. Die Zeitschrift aus San Francisco erscheint im Internet und alle zwei Monate in gedruckter Form. Sie bietet Journalismus, wie er in den USA nicht mehr die Regel ist. Mother Jones mag links von der Mitte stehen, doch die Texte basieren auf Fakten. Es sind Nachrichten, die es wert sind, veröffentlicht zu werden.

Als ich Monika Bäuerlein vor viereinhalb Jahren zum ersten Mal traf, hatte Mother Jones gerade einen Scoop gelandet. Die Zeitschrift veröffentlichte den Videomitschnitt einer Rede des republikanischen Kandidaten Mitt Romney, der vor einer Gruppe finanzkräftiger Gäste gesagt hatte, dass 47 Prozent aller Wählerinnen und Wähler in den USA sowieso für Amtsinhaber Barack Obama stimmen würden, weil sie glaubten, dass sie der Staat versorgen müsse. Man kann das natürlich nie genau sagen, aber die Vermutung liegt nahe, dass dieses Video mitverantwortlich für Romneys Wahlniederlage war.

Bei der Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump im vergangenen November war Mother Jones nicht mehr das Magazin, das die Wahl mitentschieden hat. Es ist zwar auch ein Video an die Öffentlichkeit gelangt, in dem Trump auf unterstem Niveau über Frauen spricht. Doch das hat seine Anhänger nicht abgeschreckt. Selbst junge Frauen wie die Trump-Devotionalien-Fachverkäuferin Tiffany Wade aus Alabama sagen, sie hörten zu Hause Ähnliches. Das kümmere sie nicht.

Monika Bäuerlein sagt, sie...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung

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