"Sie rekrutieren Jugendliche": ARD-Doku zeigt, wie sich der OEZ-Attentäter online radikalisierte

Am 22. Juli 2016 starben neun Menschen bei einem rechtsterroristischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in München. (Bild: 2016 Getty Images/Joerg Koch)
Am 22. Juli 2016 starben neun Menschen bei einem rechtsterroristischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in München. (Bild: 2016 Getty Images/Joerg Koch)

Vor seinem Attentat am Münchner Olympia-Einkaufszentrum tauschte sich David Sonboly im Internet mit anderen potenziellen Rechtsterroristen aus. Zwei junge Filmemacher tauchten nun tief in die Online-Netzwerke ein, die bis heute zur Radikalisierung junger Menschen beitragen.

Deutschland stand unter Schock, als an einem Freitagnachmittag im Juli 2016 erste Medien über Schüsse am Münchner Olympia-Einkaufszentrum berichteten. Bis heute, sechs Jahre später, bleibt die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass ein junger Mann neun Menschen tötete. Für einen verstörenden Beitrag am Montagabend im Ersten beschäftigten sich die Dokumentarfilmer Luca Zug und Alexander Spöri näher mit dem Täter David Sonboly. Der Film "Liken. Hassen. Töten." (abrufbar in der ARD Mediathek) zeigt, wie akut die Bedrohungslage durch Rechtsterrorismus auch heute noch ist.

Für ihre Doku stemmten die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade einmal 20-jährigen Macher nicht nur Regie, Drehbuch und Recherche zu zweit. Um online schneller nach potenziellen Rechtsterroristen suchen zu können, erarbeiteten Zug und Spöri darüber hinaus auch noch einen eigenen Algorithmus, der ausgewählte Seiten nach bestimmten Begriffen durchkämmt.

Dort, im Internet, radikalisierte sich auch David Sonboly. Etwa in Chatgruppen auf der Gamingplattform Steam, die häufig als Sammelbecken für Frauenhass, Extremismus, Gewalt- und Terrorfantasien fungieren. "Das Problem der Szene ist: Man weiß nicht, wie viele Leute es ironisch meinen, und wie viele Leute es ernst meinen", sagte ein Insider im Film. Täglich sind mehr als 60 Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf Steam aktiv, der Großteil der User kommt mit Anschlagplanungen erst gar nicht in Berührung.

Bei ihren Recherchen stießen Luca Zug und Alexander Spöri auf weltweite Netzwerke potenzieller Rechtsterroristen. (Bild: iStock / tommaso79)
Bei ihren Recherchen stießen Luca Zug und Alexander Spöri auf weltweite Netzwerke potenzieller Rechtsterroristen. (Bild: iStock / tommaso79)

Vom potenziellen Attentäter zum Szene-Aussteiger

Wie also können Ermittler die Chatgruppen ausfindig machen, in denen sich alles um Mord, Hass und Hetze dreht? Zum Beispiel - so machten es Zug und Spöri eindrucksvoll vor - indem sie undercover selbst in ebenjenen Netzwerken aktiv werden, die Sonboly einst in seinem tödlichen Vorhaben bekräftigten.

Auf diese Art und Weise stießen die Regisseure auf einen jungen Mann aus Baden-Württemberg, der sich dazu bereit erklärte, anonym im Film zu sprechen. "Paul", wie er genannt wurde, stand 2016 über entsprechende Chatrooms mit dem Münchner Attentäter in Kontakt. Er selbst plante, ein Bombenattentat an seiner Schule auszuüben: "Je mehr ich mich in der Online-Community aufgehalten habe, desto mehr wurde ich bereit, zu töten. Das war für mich wie eine Mission, auf der ich bin: Leute zu töten, einfach nur, um etwas gemacht zu haben."

Heute, so betonte Paul im Film, verstehe er sich als Aussteiger. Er warnte vor der Radikalisierung einsamer junger Männer, die online gezielt von Rechtsterroristen zu Gewalttaten ermutigt würden. Auch die Extremismusforscherin Julia Ebner bestätigte im Interview mit Zug und Spöri, dass Prävention bereits im Netz beginnen müsse. "Viele dieser Menschen sind anonym oder mit Pseudonymen unterwegs und man wird sie nicht sofort offline in ein Deradikalisierungsprogramm bringen können", erklärte sie. Umso wichtiger sei es, Gefährdern so früh wie möglich das Handwerk zu legen.

Für ihren Film sprachen Luca Zug (zweiter von rechts) und Alexander Spöri (dritter von rechts) unter anderem mit einem Juristen - auch, um sich nach einem Besuch der Ermittlungsbehörden rechtlichen Rat einzuholen. (Bild: BR/Bilderfest)
Für ihren Film sprachen Luca Zug (zweiter von rechts) und Alexander Spöri (dritter von rechts) unter anderem mit einem Juristen - auch, um sich nach einem Besuch der Ermittlungsbehörden rechtlichen Rat einzuholen. (Bild: BR/Bilderfest)

"Sie leiten zum Bombenbau an und helfen bei der Anschlagsplanung"

Das Problem dabei: Gewaltbereite Rechtsradikale sind online gut vernetzt. Wie Zug und Spöri herausfanden, reichen die Kontakte von Deutschland und Österreich über Polen, die USA und Schweden bis nach Südamerika. "Sie rekrutieren Jugendliche, leiten zum Bombenbau an und helfen bei der Anschlagsplanung", berichtete das Duo. Bis heute seien ihre Chatpartner nicht von den Behörden kontaktiert worden - und das, obwohl viele der potenziellen Rechtsterroristen sich nach wie vor im Internet austauschen.

Umso kurioser also, dass ausgerechnet Alexander Spöris Aktivitäten im Netz die Ermittler auf den Plan riefen: Während Nutzer mit Accountnamen wie "Ivan der Judenjäger" weiterhin dabei helfen, Attentate zu planen, konfiszierte der deutsche Staatsschutz noch im Laufe der Dreharbeiten Handys, Laptops und Festplatten des Münchner Filmemachers. Man teilte Spöri mit, dass der Hinweis vom FBI gekommen sei. Ein Armutszeugnis für die Online-Kompetenzen hiesiger Ermittlungsbehörden? Deutlich wurde im Film auf jeden Fall eines: "Es gibt sehr viel Aufholbedarf in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern", wie auch das ernüchternde Fazit von Extremismusforscherin Ebner lautete.

Wie in der Dokumentation zu sehen war, sind die Grenzen zwischen rechtsextremen Chatgruppen und solchen, in denen Gewaltfantasien ausgetauscht werden, fließend. (Bild: BR/Bilderfest)
Wie in der Dokumentation zu sehen war, sind die Grenzen zwischen rechtsextremen Chatgruppen und solchen, in denen Gewaltfantasien ausgetauscht werden, fließend. (Bild: BR/Bilderfest)
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