Rennen um Bären offen wie selten zuvor

Berlin (dapd-bln). Das Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären biegt auf die Zielgerade ein: Zwei Tage vor der mit Spannung erwarteten Preisverleihung startete am Donnerstag erstmals in der Geschichte der Berlinale ein Film aus Kasachstan im Wettbewerb. Regisseur Emir Baigazin erzählt in "Harmony Lessons" die Geschichte eines 13-jährigen Jungen, der von seinen Mitschülern gemobbt wird. Am Abend sollte der französische Regisseur Claude Lanzmann mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet werden.

Am Freitag starten dann die beiden letzten von insgesamt 19 Wettbewerbsbeiträgen, bevor am Samstag der Goldene und die Silbernen Bären verteilt werden.

In seinem Sozialdrama "Harmony Lessons" zeigt Baigazin, wie in den Gefängnissen seiner Heimat gefoltert wird, sogar Jugendliche Misshandlungen ausgesetzt sind. Der unter Zwängen leidende Protagonist lebt bei seiner Großmutter in einem Dorf. Ein Mitschüler demütigt ihn und erpresst von ihm und anderen Schülern Schutzgelder. Die 110-minütige Sozialstudie wird zum Krimi, als der Erpresser getötet, und der Mörder gesucht wird. Um den Täter zu stellen, werden die Jugendlichen von Vertretern des Staats geschlagen, an ihren Händen aufgehängt oder bekommen Stromstöße verabreicht.

Der 1984 geborene Regisseur irritierte mit seiner Ansicht zu Folter: "Wir wissen, dass man mit Verbrechern nicht anders reden kann", meinte er. Diese würden so mit ihrer eigenen Sprache angesprochen. Es gebe immer Menschen, die verletzten und verletzt würden. "Gewalt ist ein Bestandteil unserer Existenz, und das wissen wir." Alles, was in dem Film passiere, habe mit seinen Erfahrungen als Jugendlicher zu tun, sagte Baigazin. Dann fügte der Regisseur noch hinzu, natürlich stehe er grundsätzlich Folter negativ gegenüber. In Kasachstan werden Menschenrechte laut amnesty international immer noch häufig verletzt.

Lanzmann gewürdigt

Lanzmann sollte am späten Abend den Goldenen Ehrenbären der 63. Berlinale erhalten. Der 87-Jährige sei "einer der großen Dokumentaristen des Völkermordes an den Juden", würdigten ihn die Internationalen Filmfestspiele Berlin. Sein 1985 entstandener, neuneinhalbstündiger Film "Shoah" sei als epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur in die Filmgeschichte eingegangen.

Außer Konkurrenz wurde der Western "Dark Blood" von George Sluizer gezeigt, in dem der 1993 gestorbene River Phoenix eine Hauptrolle spielt. Nach dessen Tod kurz vor Abschluss der Dreharbeiten fiel das Filmmaterial zu "Dark Blood" an die Versicherung, die für den Drehabbruch aufkam. Im Januar 2012 begann Sluizer mit der Endfertigung des Films. Die fehlenden Szenen las er im Off aus dem Drehbuch vor.

Gauck zu Paralympics-Film erwartet

Am Freitag stehen noch zwei Wettbewerbsbeiträge auf dem Programm: In dem Beziehungsdrama "Nobody's Daughter Haewon" des südkoreanischen Regisseurs Hong Sangsoo stehen die Gefühle einer jungen Frau im Fokus. Um Beziehungen geht es auch in dem französischen Film "Elle s'en va" ("On my Way") von Emmanuelle Bercot. Catherine Deneuve verkörpert eine Frau, die aus ihrem Leben flüchten will. Darüber hinaus startet - allerdings außer Konkurrenz - der 3D-Animationsfilm "The Croods" von Kirk DeMicco und Chris Sanders. In ihm geht es um eine Steinzeitfamilie auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Stimmen verleihen den Figuren unter anderem Nicolas Cage, Ryan Reynolds und Emma Stone.

Darüber hinaus wird Bundespräsident Joachim Gauck auf der Berlinale erwartet. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt wird er am Freitag (14.30 Uhr) Gast der Weltpremiere des Dokumentarfilms "Gold - Du kannst mehr als Du denkst" sein, wie das Bundespräsidialamt mitteilte. In dem Film geht es um das Leben von drei paralympischen Athleten, die auf ihrem Weg zu den Spielen 2012 in London begleitet wurden.

Jury-Mitglied Dresen zeigt gern Gefühle

Über die Vergabe der Bären entscheidet als Jury-Mitglied unter anderem Regisseur Andreas Dresen. Er möge es, bei seiner Arbeit als Jury-Mitglied Gefühle zu zeigen. "Erstmal sitze ich als Zuschauer im Kino, und ich lasse mich dort gerne verführen, ich lache und ich weine gerne im Kino", sagte der 49-Jährige im dapd-Interview. Und das mache er auch, wenn er mit der Jury irgendwo sei. Präsident der siebenköpfigen Internationalen Jury ist in diesem Jahr Regisseur Wong Kar Wai.

Am Samstag werden dann die Bären vergeben. Einen eindeutigen Favoriten gibt es in diesem Jahr bislang nicht. Chancen werden dem Drama "Pardé" ("Closed Curtain") von Jafar Panahi eingeräumt. Der Film thematisiert den Freiheitsverlust Panahis. Er war 2010 zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot verurteilt worden - wegen einer Idee für einen Film, offiziell wegen "Propaganda gegen das System". Der einzige deutsche Beitrag "Gold" von Thomas Arslan dagegen fiel bei der Kritik mehrheitlich durch.

(Informationen über das Programm der Berlinale: www.berlinale.de)

dapd