„Report Mainz”: Deutsche Bahn versprüht tonnenweise Pflanzengift

Mila Lemke
Freie Autorin
"Report Mainz"-Moderator Fritz Frey. Foto: SWR/Carsten Costard

„Report Mainz” gehört zu jenen Sendungen, für die es sich lohnt, die Öffentlich-Rechtlichen einzuschalten. Am Dienstagabend beleuchtete das ARD-Politmagazin Umweltsünden der Deutschen Bahn, den Mord an CDU-Politiker Walter Lübcke und Ausbeutung in der Textilindustrie.

Unpünktlich, unfreundlich, unflexibel - so erleben viele Reisende die Deutsche Bahn. Fehlende Wagons und damit einhergehend verfallene Platzreservierungen, defekte Klimaanlagen, motzende Mitarbeiter. Die Zahl solcher Geschichten dürfte größer sein, als die der pünktlich ankommenden Züge. Zumindest in einer Sache konnte man sich aber sicher sein: Die Bahn ist umweltfreundlich. Leider stimmt das nur bedingt, wie das ARD-Magazin „Report Mainz” gestern berichtete.

Einmal im Jahr fahren Züge durchs Land, die tonnenweise Glyphosat und andere Pestizide versprühen, um Pflanzen auf den Gleisen abzutöten. Das sei nötig, um einen sicheren Zugverkehr zu ermöglichen, behauptet die Bahn. Nach eigenen Angaben spritzte das Unternehmen allein 2017 knapp 70 Tonnen des Pflanzengifts. Ein Problem: Entlang der Bahnlinien befinden sich zehntausende Kleingärten. Viele von ihnen gehören der Deutschen Bahn.

Bahn informiert nicht über Glyphosat-Einsatz

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend” ein. Hundertprozentig bewiesen ist die Schädlichkeit der Substanz also nicht. Abgesehen davon, sollten aber Anwohner informiert werden, bevor das Mittel benutzt wird. Dann kann jeder selbst entscheiden, wie er auf Glyphosat reagiert.

Nach Informationen von „Report Mainz” werden aber die Laubenpieper - in der Regel also die eigenen Mitarbeiter der Bahn - nicht darüber informiert, wann das Unternehmen Pestizide auf die Gleise spritzt. Renate Künast von den Grünen fordert die Bahn auf, Anlieger zu informieren und eine Alternative zu dem Glyphosat zu finden. Die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin sagt: „Der Mensch muss die Möglichkeit haben, sich zu schützen. Eltern müssen die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu schützen."

Ein Zug der Deutschen Bahn beim Versprühen von Glyphosat. Foto: Screenshot ARD

Und was sagt die Bahn? Sie sagt: „Wir würden lieber heute als morgen auf Glyphosat verzichten”. Der Einsatz des Pestizids sei aber nicht vermeidbar, da es noch immer keine wirksame Alternative gebe. Man wolle mit dem Bundesumweltministerium ein Forschungsprojekt aufsetzen, um solche Alternativen zu finden. Absichtserklärungen also. Besonders interessant: Die Frage, warum die Bahn Anlieger nicht über den Einsatz von Glyphosat informiert, beantwortete das Unternehmen nicht. Deshalb entfernen manche Menschen, die neben Gleisen wohnen, das Unkraut mit der Hand, damit die Bahn das Glyphosat nicht bei ihnen versprüht.

Mordfall Lübcke: So gefährlich sind rechtsradikale Schläfer

Der Mord an dem Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) war mit hoher wahrscheinlich ein politisch motivierter Mord. Dringend tatverdächtig ist der Rechtsradikale Stefan E. Der Mann ist einschlägig vorbestraft. Mit 20 griff er eine Flüchtlingsunterkunft mit einer Rohrbombe an - sechs Jahre Haft bekam er damals.

In „Report Mainz” kamen zunächst Walter Lübckes Freunde, Familienangehörige und Mitbürger zu Wort. Eine schöne Geste. Denn oft genug drehen sich Berichte vor allem um die Täter. Die Opfer und deren Angehörigen werden meist nur am Rande erwähnt. „Er war offenherzig, ein Christ und Patriot”, sagt im Beitrag einer von Lübckes Freunden. Erst danach dreht sich der Film um den mutmaßlichen Täter.

Der Soziologe Matthias Quent, der zum Thema Rechtsradikalismus forscht, warnte vor der Gefahr, die von scheinbar unscheinbar lebenden Neonazis ausgeht. Rechtsradikale, die jahrelang aktiv waren, wechselten irgendwann in ein bürgerliches Leben und lebten völlig unauffällig, so Quent. Irgendwann aber bekämen solche Leute das Gefühl, wieder handeln zu müssen. „Das ist ein gefährliches Milieu”, sagt Quent. Ziel sind dann Menschen, wie Walter Lübcke, die sich klar positionieren.

2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, hatte der CDU-Politiker die Aufnahme von Menschen aus Syrien und Afghanistan verteidigt. Während einer Bürgerversammlung sagte er: „Wir müssen für Werte eintreten und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, das ist die Freiheit jedes Deutschen.” Danach bekommt Lübcke Morddrohungen, lebt zeitweise unter Polizeischutz.

Vier Jahre später postet die frühere CDU-Bundestagsabgeordnete und die mittlerweile als AfD-nah geltende Politikerin Erika Steinbach das Video von der Bürgerversammlung erneut auf Twitter und Facebook. Die Folge: Wieder Morddrohungen gegen den Regierungspräsidenten.

Soziologe Quant sagt dazu: „Es sind zum Teil bekannte Politiker, wie Erika Steinbach, die als Informationsbeschaffer fungieren, die sich an Hetzkampagnen im Internet beteiligen, die dazu führen, dass - wie im Fall von Walter Lübcke - die Privatadressen auf Internetseiten von Rechtsradikalen veröffentlicht wurden.” Quent spricht in Zusammenhang mit Steinbachs Posts von einem „wesentlichen Beitrag” zu Lübckes Ermordung. Steinbach will sich dazu vor der Kamera nicht äußern, bestreitet aber jede Verantwortung.

Näherinnen in Äthiopien: Ausgebeutet für Billigkleidung

Ein gutes Stück Journalismus ist auch der dritte Beitrag von „Report Mainz”. Es geht um die Ausbeutung jener Menschen, die unsere Bekleidung produzieren. Von den weltweit rund 75 Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie – 85 Prozent davon sind Frauen – arbeiten viele zu extrem niedrigen Löhnen. Völlig indiskutabel ist vielerorts auch der Arbeitsschutz.

Nach dem Einsturz einer Textilfabrik im Rana-Plaza-Gebäude in Bangladesch mit mehr als 1.000 Toten wollten die Modefirmen und die Bundesregierung eigentlich alles anders machen: Sie gründeten ein Textilbündnis, verpflichteten sich zu hohen Standards und fairen Löhnen. Äthiopien, der neueste Produktionsort der Branche, sollte dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Neue Industrieparks wurden aus dem Boden gestampft, moderne helle Hallen mit hohen Umweltstandards.

Doch Recherchen von „Report Mainz” zeigen: Die Realität der Arbeiterinnen ist weniger strahlend: Löhne unter Existenzminimum, die niedrigsten weltweit. Verstöße gegen Arbeitsnormen, Erniedrigungen, Überstunden, kollabierende Näherinnen. Eine Näherin, die Shirts für H&M herstellt sagt: „Wir dürfen nicht miteinander sprechen, wir werden nicht als Menschen angesehen.”

Dabei fördert die Bundesregierung den Textilsektor in Äthiopien nach Kräften, vermittelt den Fabriken deutsche Kunden, bildet Arbeiterinnen aus, fördert nun sogar einen der Industrieparks. Auch die EU gibt viel Geld – aus einem Fonds zur Bekämpfung von Fluchtursachen. Die Bedingungen der Näherinnen haben sich dadurch bislang jedoch nicht verbessert.

Journalismus bedeutet, hinter glänzende Fassaden zu blicken, sich nicht von wolkigen PR-Phrasen blenden zu lassen, Fakten zu präsentieren, Zusammenhänge aufzuzeigen. „Report Mainz” löst diesen Anspruch ein. Warum die ARD dafür nur einen 30-Minuten-Sendeplatz freiräumt, bleibt allerdings das Geheimnis der Programmverantwortlichen.