Rezessionsangst: Wie hart wird der Aufprall?

·Wirtschaftsjournalist und Techblogger

Die vermeintlich klügsten Köpfe der Wall Street schlagen Alarm: Die Rezession ist wohl nicht mehr zu vermeiden. Was bedeutet der erwartete Konjunktureinbruch für Aktionäre?

Banger Blick auf die Kurse: Ist eine Rezession schon eingepreist? (Foto: REUTERS/Brendan McDermid)
Banger Blick auf die Kurse: Ist eine Rezession schon eingepreist? (Foto: REUTERS/Brendan McDermid)

„Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen“, sagte der frühere Citigroup-CEO Charles Prince 2007, als sich die ersten Anzeichen der aufziehenden Finanzkrise verdichteten. „Aber wenn die Musik aufhört, werden die Dinge, in Bezug auf die Liquidität, kompliziert“, fügte Prinz vielsagend hinzu.

Ein Jahr später wurde es bekanntlich nach der Lehman-Pleite kompliziert. Das Finanzsystem an der Wall Street stand vor dem Kollaps, nur energische Staatshilfen konnten den Zusammenbruch verhindern. Es dauerte allerdings Jahre, bis die Folgen der Finanzkrise an der Wall Street aufgeholt wurden: Erst 2012 notierte der US-Leitindex S&P 500 wieder auf dem Niveau von vor der Lehman-Pleite und markierte erst 2013 wieder neue Allzeithochs.

Droht ein neues Black Swan-Event?

Angesichts der aktuell undurchsichtigen Gemengelage zwischen Rekord-Inflation, steigenden Zinsen, dem Ukraine-Krieg und der anhaltenden Lieferketten-Problematik in China erscheint die jüngste Korrektur an der US-Börse historisch betrachtet noch moderat – aktuell notiert der S&P 500 noch nicht einmal offiziell in einem Bärenmarkt.

Entsprechend sorgen sich immer mehr Marktbeobachter vor einem möglicherweise erst bevorstehenden Absturz im zweiten Halbjahr, je nachdem, wie schwer die kommende Rezession ausfallen könnte. Er habe „ein superschlechtes Gefühl“ über die aktuelle Wirtschaftslage, klagte Tesla-CEO Elon Musk in einer internen Mail an Führungskräfte, die in der vergangenen Woche publik wurde. Die Folge: Einstellungsstopp und Arbeitsplatzabbau.

JP Morgan-CEO Dimon warnt vor „Hurrikan“

Andere Ökonomen wie Starbanker Jamie Dimon äußerten sich in noch dramatischerer Tonlage. „Sie wissen ja, dass ich gesagt habe, es sind Sturmwolken am Horizont aufgezogen“, erklärte der JP Morgan Chase-CEO Anfang Juni auf einer Bankertagung. „Das möchte ich nun korrigieren: es ist ein Hurrikan!“

Aktuell herrsche an den Märkten noch die Haltung vor, die Dinge würden sich gut entwickeln, die US-Notenbank würde es schon richten, erklärte Dimon weiter. Jedoch: "Dieser Wirbelsturm ist da draußen und kommt auf uns zu. Wir wissen nicht, ob es ein kleinerer Sturm ist oder der Supersturm Sandy. Seien Sie gewappnet.“

Rezession oder nicht?

Vielleicht aber kommt doch noch alles anders. US-Finanzministerin Janet Yellen erklärte gestern, nichts deute darauf hin, dass aktuell eine Rezession entstehe. Man kann es Zweckoptimismus als Mitglied der amtierenden US-Regierung nennen oder vielleicht einen tieferen Einblick in die Datenlage. Heute vor Handelseröffnung an der Wall Street wird etwa der mit Spannung erwartete Verbraucherpreisindex veröffentlicht, der Hinweis auf die neuste Inflationsentwicklung bietet.

Hedgefondsmanager James DePorre hält vom Kleinreden der aktuellen Wirtschaftsentwicklung in den USA wenig. Yellens Negierung einer Rezession sei vergleichbar mit der Medienberichterstattung der vergangenen Wochen, die den Anbruch eines Bärenmarkts verspottet habe, weil sich die Indizes technisch noch nicht unterhalb der Marke eines Einbruchs von 20 Prozent befunden haben. „Wir sind bereits in einer Rezession“, legt sich DePorre fest.

Wie tief fallen die Kurse in einer Rezession?

Historisch betrachtet müssten Aktionäre in diesem Fall aber nicht unbedingt mit erdrutschartigen Verlusten rechnen. Kommt es zu einer Rezession, liegt der durchschnittliche Rückgang des S&P 500 bei 24 Prozent, wie Goldman Sachs in einer Marktbetrachtung seit dem 2. Weltkrieg vorrechnet.

Bei aktuell rund 4000 Zählern notiert der marktbreite US-Leitindex bereits 17 Prozent unter dem Allzeithoch von Ende 2021. Ein Einbruch auf den Durchschnittswert von 24 Prozent entspräche demnach einem Indexstand 3650 Zählern im S&P 500 – ein Minus von weiteren 9 Prozent vom gegenwärtigen Niveau.

 

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