Rheinboulevard: Zusätzliche Kontrollen bringen Ruhe, aber keine Entspannung

Bisher halten sich die Besucher des Rheinboulevard an das Shisha-Verbot.

Zu Hunderten strömen die Menschen am Sonntag bei 23 Grad im Schatten Richtung Rheinboulevard in Deutz und genießen die Sonne. Von der aggressiven Stimmung der vergangenen Wochenenden ist wenig zu spüren. An den Abenden zuvor ist es kühl und entsprechend leer und ruhig.

Am Freitagabend bietet sich auf der großen Treppe ein Bild, das auch als Reaktion auf die Eskalationen der vergangenen Wochen zu verstehen ist: Jugendliche mit Wurzeln im Kosovo und Marokko, die sich über Müll und Migranten aufregen, Reporter, die vergeblich nach einer Geschichte über „die letzte Shisha am Rheinboulevard“ suchen, Flanierer, die sich fragen, warum mehr Polizisten als Picknicker vor Ort sind.

39 Ordnungskräfte sind derzeit täglich an der Freitreppe im Einsatz. Wenn das Wetter eher kühl ist, haben Spaziergänger den Eindruck, mehr Menschen mit Warnwesten als ohne bevölkerten den Boulevard. Am Freitag ist die Warnwestendichte auch einem Hinweis geschuldet, den die Polizei erhalten hat: Rechtsextreme, so heißt es, wollen am Abend „Migranten aufmischen“.

Dunkelhäutige werden wiederholt kontrolliert

„Ich finde es nicht schlecht, dass so viel kontrolliert wird. Es dient ja der Sicherheit und wird sich möglicherweise wieder einpendeln, wenn die jungen Leute merken, dass sie hier nicht machen können, was sie wollen“, sagt Polizeianwärter Daniel (25), der mit seiner Freundin Laura und Kumpel Manuel auf der Treppe picknickt.

„Aber es ist schon ein bisschen seltsam, so viel Polizei und Leute vom Ordnungsamt, es ist ja ein Platz zum Entspannen“, sagt Laura. „Ich wundere mich, warum einige Dunkelhäutige ständig kontrolliert werden“, sagt Manuel. „Wenn hier Rechte erwartet werden, die provozieren wollen, sollte man auch uns mal kontrollieren, wir sehen immerhin nicht nach Migrationshintergrund aus.“

Tatsächlich wird eine Gruppe dunkelhäutiger Jugendlicher binnen 30 Minuten dreimal gebeten, ihre Ausweise zu zeigen. „Die behandeln uns wie Kriminelle, das ist lächerlich“, sagt einer. Florim (15), dessen Eltern aus dem Kosovo stammen, sagt, er werde am Rheinboulevard fast immer kontrolliert, auch sein Kumpel Nassim (16), geboren in Köln, Eltern aus Marokko, kann ein Lied davon singen. „Wir räumen unsere Sachen immer weg, wenn wir eine Pfeife rauchen“, sagt Florim, „aber leider benehmen sich auch viele Landsleute schlecht. Sie lassen ihr Zeug liegen und machen alles kaputt. Dass es hier jetzt so aussieht und so viel kontrolliert wird, sind die Jugendlichen schuld.“

Keine Shishas mehr, dafür nun Wodkaflaschen

Florims Worte erstaunen auch, weil er von sich sagt, er habe schon mehrere Einträge im Strafregister. „Das war, als ich jünger war. Ich mache hier keinen Dreck und prügele mich nicht. Hier sollte man zum Chillen hinkommen.“ Aber aufgrund seiner Vorstrafen auf verschiedenen Feldern, bekomme er trotzdem jeden Tag einen Platzverweis.

Ein paar Meter weiter posiert eine äußerst muskulöse Frau von der Fitnessmesse für einen Fotografen – von der Brücke glotzen junge und alte Männer und philosophieren über die „Attraktion“. Fernsehreporter suchen vergeblich nach Shisha-Rauchern, ab Samstag sind Wasserpfeifen verboten. Einige Jugendliche, die Wodka oder Kräuterschnaps trinken, bevölkern die Treppe. Ein paar von ihnen sind sehr, sehr betrunken.

Adolf Schmitz, „Baujahr 1938“, erzählt vom Krieg. Zwei Tage, bevor die Hohenzollernbrücke gesprengt wurde, sei er als Kind über die Brücke gelaufen – bei seiner Evakuierung. „Alles war zerstört.“ Der Rheinboulevard sei ja eigentlich ein weiteres Zeichen für Frieden und Wohlstand. „Und jetzt das: Alles versifft, der Boden sieht aus wie hingekotzt. Die Jugendlichen saufen und prügeln sich. Wo sind wir hier?“

Noch keine Strafen durch das Shisha-Verbot

Auch am Samstagabend bleibt es ruhig. Die Präsenz der Ordnungskräfte ist augenfällig, wegen der nach wie vor eher kühleren Temperaturen ist aber sonst nicht viel los. Kurz nach Sonnenuntergang haben sich die muskelbepackten Panoramagucker, die tagsüber für ein Selfie von der Fibo rüberkommen, in der Stadt verteilt, und es sind hauptsächlich junge Menschen, die hier jetzt abhängen: Jugendliche vor allem aus den rechtsrheinischen Stadtteilen in kleinen Gruppen, Touristen, Amateurfotografen mit Stativ.

Ein ziemlich betrunkener FC-Fan baut überschüssiges Testosteron ab, indem er sich brüllend darüber aufregt, kontrolliert worden zu sein „nur weil ich ein Trikot anhabe.“ Einige Freunde packen ihm unter die Arme und bringen ihn weg. „Sehr zufrieden“ zeigt sich eine Polizistin mit dem Einsatz, das Präsenz-Konzept gehe voll auf. „Das spricht sich rum“, ergänzt ein Kollege auf die Frage nach dem Shisha-Verbot. Platzverbote oder Strafgelder wegen Wasserpfeife mussten jedenfalls noch nicht ausgesprochen werden.

Frühlingsvolksfest ab Karsamstag

Michelle Spicker und Anne Richard aus Heinsberg sind Dauergäste auf dem Rheinboulevard. Die beiden 18-jährigen kommen oft am Wochenende her, genießen Aussicht und den besonderen Flair des Ortes. Sie haben keine große Veränderung festgestellt zum Vorjahr. „Seit den Anschlägen ist ja überall mehr Polizei unterwegs,“ sagen die beiden. Von aggressiver Stimmung haben sie nichts mitbekommen in den letzten Wochen. „Superschön hier,“ freut sich ein älteres Ehepaar aus Brühl, das angesichts des strahlenden Doms über die Gebrauchsspuren auf der Treppe hinwegsieht – trotz der von der Stadt angebrachten zusätzlichen Flutlicht-Beleuchtung.

Spätestens, wenn am Karsamstag das Frühlingsvolksfest auf der benachbarten Deutzer Werft beginnt, wird es dann wohl auch abends wieder richtig voll werden am Rheinboulevard....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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